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Wie Nürnberg in sein (Un-)Glück stürmt

Verbeeks Spielidee birgt Chancen und Risiken, jetzt könnten Nuancen entscheiden - 15.04.2014 06:00 Uhr

"Offensiv denken heißt: Wie kann ich agieren? Das hat nichts mit Suizid-Fußball zu tun": Nürnbergs Trainer Gertjan Verbeek.

"Offensiv denken heißt: Wie kann ich agieren? Das hat nichts mit Suizid-Fußball zu tun": Nürnbergs Trainer Gertjan Verbeek. © Sportfoto Zink


Was genau Gertjan Verbeek seiner Mannschaft mitgegeben hatte für den Auftritt beim VfL Wolfsburg, weiß man nicht. Die Aufforderung, den Ball möglichst simpel im Mittelfeld zu verschusseln und dann dem Gegner möglichst viele Räume möglichst weit offen zu halten, dürfte aber nicht Teil der Strategie des 1.FC Nürnberg gewesen sein, genauso wenig wie die Idee, besonders große Lücken zwischen den Mannschaftsteilen würden dem Spielaufbau dienlich sein.

So sah das dann aber aus, und Timm Klose, nach Wolfsburg gewechselter ehemaliger Nürnberger Innenverteidiger, wunderte sich darüber. Defensiver, sagte der junge Mann, habe er seinen früheren Club erwartet, weniger stürmisch, vor allem: weniger blindlings stürmisch – sagte Timm Klose nicht, meinte das aber.

Das sehen manche Beobachter so, darüber ist in Nürnberg eine Systemdebatte gewachsen – die Frage, ob der Club in sein Unglück stürmt, ist wiederholt gestellt worden, nicht nur von Medien oder Fans. Trainer Verbeek sagt: nein – obwohl er natürlich am besten sieht, was gerade passiert, und wer Verbeek ein bisschen genauer beobachtet – seine Hände, seine Augen –, käme nicht mehr auf die Idee, ihn als besonders ruhig und gelassen zu bezeichnen. Gertjan Verbeek wirkt so angespannt wie noch nie in seiner Nürnberger Amtszeit.

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Der Club hat es auch an Spieltag 30 nicht geschafft, sich von den Abstiegsrängen zu befreien. Nach einer frühen Führung beim VfL Wolfsburg durch Markus Feulner kassierten die Nürnberger vier Gegentore und unterlagen damit klar mit 1:4.


Dass er sich missverstanden fühlt, darf man annehmen. Die Systemdebatte läuft am Kern vorbei, es ist ja nicht so, dass der Club stürmen würde. Der Club verteidigt auch nicht. Der Club spielt schlicht nicht mehr richtig Fußball – und zwar wahrscheinlich nicht deshalb, weil die Elf zu offensiv ausgerichtet wäre. Offensive ist nicht in erster Linie eine Frage des Systems; offensiv ist: „wie machen in Platz“, so hat das ein prominenter Bundesliga-Gastarbeiter einmal formuliert, der Trainer Giovanni Trapattoni in seiner Münchner Amtszeit – als man ihm den umgekehrten Vorwurf machte, den, dass seine Elf zu defensiv spiele.

Was Offensive bedeutet

Verbeek hat seine Spielidee wiederholt erklärt. „Wer zu defensiv denkt, kommt nicht mehr an das Spiel heran“, so lautet ein Kernsatz eines mit dieser Zeitung geführten Interviews, erklärt hat es der Niederländer so: „Offensiv denken heißt: Wie kann ich agieren? Wo sind die Schwächen des Gegners? Wie kann ich sie nutzen? Das hat nichts mit Suizid-Fußball zu tun. Natürlich müssen wir gut verteidigen. Aber wir müssen einen Plan haben für den Ballverlust und den Ballbesitz, wir sind die Mannschaft, die entscheidet, wo wir Druck machen – gemeinsam, miteinander.“

Zu fordern, die Nürnberger Mannschaft müsse jetzt wieder primär kompakt die Defensive besetzen und vorsichtig auf Kontergelegenheiten warten, wäre eine Rückkehr in die kurze Ära des Trainers Michael Wiesinger – aber die mangelnde Bindung zwischen Offensive und Defensive, die schon Wiesingers sehr erfolgreichem Vorgänger Dieter Hecking in seinen letzten Nürnberger Monaten zu schaffen machte, ließ sich dadurch nur bedingt kaschieren.

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Verbeek gelang es, die Mannschaftsteile besser aneinander anzubinden, was offensiver Fußball bedeutet, sah man oft am besten in der Defensive: beim Spielaufbau, der in Form und Anordnung variiert; Nürnberg sieht dabei aber nicht so kompakt aus wie unter Heckings Regie, als das Team, vereinfacht gesagt: im Angriffsspiel – und deshalb auch beim Rückzug – enger zusammenstand.

Verbeeks Stil – mit einem flexiblen, oft weit zurückfallenden zentralen defensiven Mittelfeldspieler und aufrückenden Verteidigern – öffnet mehr Anspielstationen in der Offensive, mehr Räume, gibt bei Ballverlusten aber auch mehr Räume preis, wenn die Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen nicht funktioniert, wenn, zum Beispiel und ebenfalls vereinfacht formuliert: ein Hiroshi Kiyotake nicht richtig mitspielt. Das Positionsspiel funktioniert zu elft oder gar nicht – und sieht dann wie Harakiri-Fußball aus.

Stammplatz Rekonvaleszenten-Bank: Die vielen Ausfälle (im Bild Petrak, Ginczek, Chandler, Nilsson, von links) sind Nürnbergs größtes Problem.

Stammplatz Rekonvaleszenten-Bank: Die vielen Ausfälle (im Bild Petrak, Ginczek, Chandler, Nilsson, von links) sind Nürnbergs größtes Problem. © Sportfoto Zink


„Ein hohes Risiko im Spielaufbau“ nannte das jüngst Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre, der von der Nürnberger Grundidee indes genauso angetan ist wie andere prominente Kollegen, darunter der Dortmunder Jürgen Klopp. Verbeeks größtes Problem ist bekannt: Eine Unzahl verletzungsbedingter Absenzen machte es dem Trainer unmöglich, auf auch nur halbwegs eingespielte Abläufe zu setzen; mit Makoto Hasebe, Timothy Chandler und Daniel Ginczek – dem neben Josip Drmic einzigen Nürnberger, der als torgefährlich auffiel – fehlen seit Monaten drei Profis, die ideal zu Verbeeks Spielidee passten.

"Die Qualität ist entscheidend"

Ob darüber das Vertrauen in diese Idee verlorengegangen ist, könnte in den verbleibenden vier Spielen die entscheidende Frage sein. Vertrauen – es ist ein Schlüsselwort zum Verständnis dieses außergewöhnlichen Trainers, Verbeek hat, wenn auch eher nebenbei, wiederholt darüber gesprochen. „Der Trainer kann etwas wollen, aber wenn die Spieler anderer Meinung sind, wird es schwierig“, hat er zum Beispiel gesagt, oder: „Ich frage die Mannschaft, wie sie spielen will.“

Verbeeks Spielansatz ist weniger auf Sicherheit angelegt als der seiner beiden Vorgänger, das hat Vor- und Nachteile, und Vertrauen in eine Idee wächst nicht mit Niederlagen – zuletzt sah es nicht so aus, als habe jeder Fußballer grenzenloses Vertrauen in Verbeek, eher so, als wollte mancher anders spielen. Miteinander: Das ist ein weiteres Verbeek’sches Schlüsselwort, und auch aus entsprechenden Defiziten resultiert die Systemdebatte. Aber es wäre eine ziemlich gewagte Hypothese zu behaupten, mit dem aktuell zur Verfügung stehenden Personal könnte man über Nacht zu der mit Dieter Hecking erfolgreich eingeübten Spielweise zurückkehren.

„Ich denke nicht in Systemen, die Qualität der Spieler ist entscheidend“, sagt Gertjan Verbeek auch. Ohne Risiko wird Nürnberg jetzt nichts mehr gewinnen, es geht um die Balance, und dabei – da täuscht der optische Gesamteindruck – um Nuancen. In Verbeeks Plan können kleine Korrekturen, ebenso wie kleine Mängel, beträchtliche Auswirkungen haben. Ein einziger Sieg könnte die Verhältnisse im Abstiegskampf auf den Kopf stellen. Noch immer kann der Club auch in sein Glück stürmen.

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Hans Böller

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