Dienstag, 20.11.2018

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Stradivari-Vorlage musste jeden Abend in den Banktresor

Geigenbauer Günter Lobe aus Bubenreuth kopiert die großen Meister - 14.10.2009

Gefühl und Erfahrung zählen: Geigenbaumeister Günter Lobe bei der Arbeit. © Günter Distler


Die Geige in Günter Lobes Händen scheint in Flammen zu stehen. Grelle Sonnenstrahlen fallen auf den frisch aufgestrichenen Lack, darunter entfalten die Maserungen des Holzes einen magischen Glanz. Die Oberfläche wirkt dreidimensional, fast meint man, tief in die Geige hineinschauen zu können.

Hobel sind so klein wie ein Fingerhut

Lobe kann das. Er ist Geigenbauer und Obermeister der Innung Erlangen und meint: «Bei jedem Instrument unserer Mitglieder kann ich sagen, wer es gebaut hat.« Wenn er mit fingerhutgroßen Hobeln und einer Ziehklinge, einer kleinen, scharfen Metallplatte, behutsam das Instrument aus einem Stück Holz schabt, muss er genau in das Material hineinspüren können: «Einen Meter weiter oben hat ein Baum schon eine ganz andere Struktur und Elastizität«, sagt er, biegt die Geigen-Decke und klopft auf die Oberfläche, um Beweglichkeit und Klang zu testen.

Mit Bedacht macht er sich an die Arbeit: «An manchen Tagen ist es besser, nur etwas zu hobeln als an den Feinheiten einer Stradivari zu arbeiten«, sagt Lobe. Er hat sich auf den hochwertigen Neubau und Originalkopien von großen Meistern spezialisiert. Auch echte Stradivaris hatte er schon in der Werkstatt, um sie zu kopieren. «Die musste ich jeden Abend zur Bank bringen und in den Tresor legen«, erinnert er sich.

Für seine Geigen sucht Lobe sorgfältig nach dem besten Holz, bosnischem Bergahorn zum Beispiel: «Die Jahresringe sind sehr eng, er hat eine tolle Flammung und Klangqualität«, meint Lobe. Perfekt für einen Geigenboden. Für die Geigendecke nimmt er lieber Bergfichte, weil die den Schall so gut leitet. 150 Arbeitsstunden stecken in einer solchen Geige. Zusammengeleimt werden die Einzelteile mit einem Leim, der aus Tierhäuten gefertigt wurde und deshalb besonders elastisch ist. Mehr als zehn Geigen schafft Lobe nicht im Jahr Doch die sind auf der ganzen Welt gefragt. Eine Geige bringt ihm bis zu 10000 Euro ein.

Holz muss reifen

Mit dem wichtigsten Rohstoff für den Geigenbau ist es wie mit gutem Wein: Er muss reifen. «Das Holz muss mindestens zehn Jahre lang lagern«, sagt Lobe. Weil er an die Nachlässe von eingewanderten Geigenbauern aus dem Egerland gelangt ist, hat er erlesene Hölzer zur Auswahl, 60 bis 80 Jahre alt.

Als sich 1949 etwa 1600 Aussiedler aus der Geigenbauerstadt Schönbach im böhmischen Musikwinkel in Bubenreuth niederließen, wurde ein Geigenbau-Zentrum von Weltrang geboren, das die Geige stolz im Wappen trägt. Noch heute prägen die Werkstätten von Geigen- und Bogenbauern, Wirbelmachern und Saitenherstellern das Ortsbild, die Handwerker messen sich mit der hochwertigen Konkurrenz aus Mittenwald, dem Vogtland und natürlich Cremona. Im italienischen Geigenbau-Mekka, der Heimat von Stradivari, Guarneri und Amati, hat Lobe 2006 einen Sonderpreis für die zweitbeste Violine gewonnen.

Viele Kunden aus Japan

80 Prozent seiner Kunden kommen aus Japan, weil sie Qualität der Billigware aus China vorziehen. Auch Lobe ist nicht gut auf die Konkurrenz aus Fernost zu sprechen: «Die Geigen kann man nicht mal stimmen, und die Saiten liegen zu hoch und schneiden sich in die Finger. Da verlieren die Kunden schnell die Lust am Spielen.«

Lobe arbeitet mit den gleichen Methoden wie die Meister vor 300 Jahren. «Je ursprünglicher, desto besser«, ist er überzeugt. Nicht die Werkzeuge, sondern Gefühl und Erfahrung seien entscheidend. Lobe versucht schon seit 30 Jahren, den optimalen Klang aus einem Stück Holz herauszuholen. Letztendlich müssen aber auch die Musiker ihren Teil beitragen: «Das Instrument entwickelt sich durchs Spielen. Der Musiker formt den klang noch«, sagt Lobe. Deshalb seien die alten Stradivaris auch so gut.

Beatles-Bass im Museum

Aber auch die Bubenreuther Instrumente sind weltberühmt. Berühmte Geiger wie Yehudi Menuhin und Rockstars wie Elvis Presley und Paul McCartney spielten schon auf ihnen. Denn auch durch den Gitarrenbau hat sich der 4500-Seelen-Ort einen Namen gemacht. Im Bubenreuther Geigenbau-Museum ist neben der kleinsten spielbaren Geige der Welt auch der legendäre «Beatles-Bass« von Höfner zu bewundern. Damit Bubenreuther Geigen auch weiterhin so gefragt sind, nimmt sich Lobe viel Zeit: «Zehn Stunden Arbeit mehr oder weniger sind nicht wichtig. Was zählt, ist das Ergebnis.«

 

Martin Müller

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