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Streit um die Leichenhalle im Dorf

Abriss oder Sanierung? Eine heftige Diskussion in Buchschwabach - 15.05.2016 21:00 Uhr

Das Buchschwabacher Ensemble aus Leichenhalle und Kirche soll nicht zerstört werden, sagen die Abriss-Gegner. Die Befürworter führen dagegen unter anderem den maroden Zustand des Gebäudes ins Feld. © Foto: Sabine Rempe


Als die Buchschwabacher 1933 wenige Schritte von der Maria-Magdalena-Kirche entfernt die Leichenhalle bauten, war dies ein Zeichen für den Fortschritt. Nicht länger sollten Tote für zumeist drei Tage in den Bauernstuben aufgebahrt werden. Das Bewusstsein für Hygiene hatte sich gewandelt, Infektionsgefahren sollte vorgebeugt werden. Doch mehr als 80 Jahre später, sagt Pfarrer Jörn Künne, hat sich abermals Wesentliches verändert.

„Sehr oft liegen heute zum Beispiel entschieden mehr Tage zwischen Tod und Bestattung als früher“, erklärt er. „Deshalb ist die Aufbewahrung von Verstorbenen in einer Kühlung unbedingt erforderlich.“ Die Buchschwabacher Leichenhalle hat allerdings keine solche Vorrichtung. „In den Sommermonaten kann sie überhaupt nicht genutzt werden, ansonsten etwa zwei bis vier Mal im Lauf des Jahres“, sagt Renate Ströbel, Vertrauensfrau im Kirchenvorstand von Buchschwabach. Die evangelische Gemeinde hier gehört mit ihren rund 500 Mitgliedern zur Pfarrei Roßtal.

„Die erforderliche Kühlung gibt es in Roßtal auf dem Martinsfriedhof“, macht Künne klar. Dort könnten auch die verstorbenen Buchschwabacher „hygienisch und würdevoll“ bis zur Beerdigung auf dem Magdalenenfriedhof ruhen. Die Entscheidung, die alte Leichenhalle abreißen zu lassen, habe man sich nicht leicht gemacht. Doch für diesen Schritt, so Künne und Ströbel, sprechen weitere Erwägungen.

„Die Halle ist marode, die Wände sind zum Teil feucht und voller Risse, das Dach defekt — der Zustand ist miserabel.“ Zuschüsse seien nicht zu erwarten, weil die Landeskirche das Leichenhaus aus der Liste der erhaltenswerten Bauwerke gestrichen hat, ebenso wie der Denkmalschutz. Grundsätzlich, sagt Jörn Künne, werde vom Abbruch das komplette Ensemble profitieren: „Wenn die Halle weg ist, gibt es wieder einen freien Blick auf das Gemeindehaus.“

Viel Arbeit am Kirchberg

Auf dem Kirchberg gibt es grundsätzlich viel zu tun. So musste unter anderem im Kirchenschiff der Putz abgeschlagen werden, eine Maßnahme, die mit dazu beiträgt, der Feuchtigkeit im Mauerwerk Herr zu werden. Ein entscheidendes Projekt ist der romanische Kirchturm. Er muss im Mauerwerk stabilisiert und im Fundament gestärkt werden. Renate Ströbel: „Der Glockenstuhl muss ebenfalls überarbeitet werden, auch, weil 1967 eine dritte Glocke aufgehängt wurde, was nicht ohne Folgen blieb.“ Dazu kommt, dass die Friedhofskanalisation defekt ist. Ins Auge gefasst werden muss längerfristig auch eine Sanierung der alten Kirchhofmauer. Die derzeit geplanten Baumaßnahmen belaufen sich für Kirchenschiff und Turm auf rund 400 000 Euro, so Künne. Der Abriss würde vermutlich weitere 10- bis 12 000 Euro kosten.

Eine Summe, die eine Reihe von Bürgern lieber in die Renovierung des Gebäudes investieren möchte. Mehr als 80 Namen stehen auf einer Unterschriftenliste der Abrissgegner. Zu ihnen zählt Gisela Sommerschuh: „Für mich gehören Kirche, Friedhof und Leichenhalle zusammen“, sagt die Marktgemeinderätin und Ortsbäuerin. „Das macht ganz wesentlich die Sterbekultur in unserem Dorf aus und muss bleiben.“ Sie weiß sehr genau, welche Gefühle mit diesem Thema verbunden sind: „Ich habe schon fünf Mal in diesem Leichenhaus gestanden. Zwei Mägde, ein Knecht, meine Schwiegermutter und meine Mutter sind da aufgebahrt worden.“

Für Gisela Sommerschuh gehören die Ruhetage in der Buchschwabacher Leichenhalle zum Weg des Abschieds: „Man kann doch nicht einfach alles aufrechnen, in so einem Fall sollte man die ideellen Werte vor die finanziellen stellen.“ Außerdem handle es sich um ein Haus, das einst von den Bürgern mit Überlegung gebaut wurde: „Es ist angepasst an die Kirche, man hat Sandstein verarbeitet und die Fenster haben Bleiverglasung.“

Auch Martin Kress, Besitzer der Buchschwabacher Mühle, die seit 1689 in seiner Familie ist, plädiert für den Erhalt: „Warum soll man ein gewachsenes Gebäudeensemble zerstören, das für die Dorfkultur prägend ist?“, fragt er. „Wir hängen an unserer Kirche und sehen, dass der Renovierungsbedarf sehr groß ist, doch die Entscheidung über den Abriss kam für uns ganz abrupt.“ Ausdrücklich will er „keinerlei Kritik am Kirchenvorstand üben“. Man sei nur in diesem Punkt anderer Meinung und setze sich deshalb für den Erhalt der Leichenhalle ein.

Bei einer Gemeindeversammlung am 20. Juni, um 20 Uhr, soll nun darüber gesprochen werden, wie es weitergeht. Im Bauausschuss des Marktes Roßtal wurde dem Abriss die Genehmigung aus „städtebaulichen Gründen“ bereits einmal verweigert. 

Sabine Rempe

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