Mittwoch, 12.12.2018

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Verirrt in Schuld, Schulden und Schande

Ex-Kantor von St. Sebald muss für den Mord an seiner Frau lebenslang ins Gefängnis - 23.01.2009

«Der wahre Grund, dass Sie Ihre Frau umgebracht haben, war die Angst vor der Offenbarung, dass Sie eigentlich ein Versager sind», sagt der Richter. «Die Tat ist die Kumulierung Ihres vorhergehenden Verhaltens.» Rauch habe sich immer vor Verantwortung gedrückt. Er habe sich durchs Leben laviert. Er habe von allen bewundert werden wollen und daher eine Fassade aufgebaut, die dann zusammenzubrechen drohte. So begründet es Weitmann, dass das Münchner Schwurgericht den 64-jährigen Musiker lebenslang ins Gefängnis schickt - verurteilt wegen heimtückischen Mordes an seiner 59-jährigen Frau. Rauch kann frühestens auf Bewährung freikommen, wenn er 78 Jahre alt ist.

Der Ex-Kantor der Nürnberger Kirchengemeinde St. Sebald hat seine Frau vor einem Jahr in ihrem gemeinsamen Mietshaus in St. Quirin am Tegernsee mit einem Küchenmesser von hinten erstochen. Danach bettete er ihren Kopf in seinen Schoß und sah ihr beim Sterben zu. Die Leiche ließ er einfach liegen, machte um sie herum sauber und ging.

Tagelang tourte er durch Deutschland, besuchte seine Lieblingskirchen, zündete in jeder eine Kerze an, besuchte Orgeln und Orte, die ihm wichtig gewesen waren. Nur Nürnberg und Coburg, wo er zwei uneheliche Kinder gezeugt hatte, ließ er aus. Am 23. Mai kehrte er in das Haus am Tegernsee zurück, in dem noch die Leiche lag. Nach seiner eigenen Aussage wollte er sich dort selbst töten. Nur seine Tochter habe ihn in einem Telefonat vom Suizid abgehalten. Am 24. Mai stellte er sich und gestand. Seitdem sitzt er in Haft.

Hintergrund der Tat: hohe Schulden, von denen seine Frau nichts wusste. Dazu fortlaufend Seitensprünge mit sehr jungen Frauen, obwohl er während der 35-jährigen Ehe mehrmals versprochen hatte, damit aufzuhören. Diese Seitensprünge hatten nach Erkenntnissen des Gerichts sogar dazu geführt, dass die Kirchenoberen in Nürnberg Rauch 2004 in Vorruhestand schickten - mit 74 000 Euro Abfindung.

Obwohl er Geld gehabt hätte, verweigerte er für die beiden unehelichen Kinder den Unterhalt. So liefen die Unterhaltsforderungen zu Schuldenbergen auf. Dazu kam ein Kredit für eine Schrottimmobilie in Ostdeutschland, für die er die Raten einfach nicht bezahlte. All das hätte das gute Einkommen von Rauch und seiner Frau, die als Deutschlehrerin arbeitete, zwar eigentlich nicht aufzehren können. Doch auch sonst zerrann ihm das Geld zwischen den Fingern. Zwei eidesstattliche Versicherungen hatte er schon geleistet, eine dritte stand im Mai 2008 unmittelbar bevor. Er konnte die Miete nicht mehr zahlen, das Telefon wurde abgestellt, die Zeitung kam nicht mehr. Doch er sprach mit niemandem darüber; die Fassade sollte halten.

«In der Verhandlung ist viel über mein Leben gesagt worden», resümierte der Organist in seinem letzten Wort, «aber das ist nicht der Hans-Martin Rauch». Er habe seine Familie beschützen wollen. «Und nun stehe ich da und muss feststellen, dass meine Tochter ein Opfer ist und dass meine liebe Frau noch viel schlimmer ein Opfer irgendwo ist.»

Er habe sich bedrängt gefühlt «von Schuld, Schulden und Schande», zitiert Verteidiger Karl Degenhard aus einem Brief des 64-Jährigen. Dennoch glaubt das Gericht nicht, dass Rauch wirklich auch sich selbst töten wollte. «Ein ernsthafter Suizidversuch war nicht festzustellen», sagt Weitmann. «Das Leben der Frau ist vernichtet worden, damit sie bis zum Tod den Eindruck hatte, mit einem Strahlemann verheiratet zu sein.» 

Gudrun Bayer

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