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Elektrischer Kitzel gegen das Zucken

Erlanger „Cerbomed“ will Anfallshäufigkeit bei Epileptikern reduzieren - 18.06.2013 06:43 Uhr

Kleines Gerät, große Wirkung: Die Erlanger Firma Cerbomed stellt Apparate her, die mittels Elektroden die Anfallshäufigkeit bei Epilepsie-Erkrankten reduzieren will. Das Bild unten zeigt die Anwendung, die durch den Knopf im Ohr an ein Smartphone erinnert. Auch depressiven und von Migräne Geplagten soll das Gerät künftig helfen. © Hubert Bösl


Er ist vom Teufel besessen! ‘S ist ein Ungläubiger! Meidet ihn, er ist ansteckend! Menschen, die in den vergangenen Jahrhunderten ein Gewitter im Gehirn zuckend zusammenbrechen ließ, hatten nicht nur unter ihrer Krankheit, sondern auch unter der Unwissenheit ihrer Mitmenschen zu leiden. Nachbarn nahmen Reißaus, Pfaffen rückten den angeblich von Dämonen Besessenen mit dem Kruzifix zu Leibe, Mediziner bohrten ihnen als Therapie den Schädel auf.


Zum Glück für alle Betroffenen und ihre Angehörigen sind die Zeiten vorbei, in denen Epilepsie als „schüttelnde Gottesstrafe“ verstanden wurde. Seit etwa den 1920er Jahren wird sie als Fehlzündung des Gehirns begriffen, kontinuierlich haben sich die Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Dennoch ist die Erkrankung nach wie vor eine Geißel, unter der allein in Deutschland geschätzt 500000 bis 800000 Menschen leiden.

Hunderte Aussetzer pro Tag

Die Symptome sind dabei vielfältig. Dem Laien am bekanntesten ist der „Grand mal“-Anfall. Betroffenen entfährt oft erst ein spitzer Schrei, weil sich ihre Lungenmuskulatur verkrampft. Darauf folgt oft eine Ohnmacht, der ganze Körper beginnt minutenlang zu zittern. Doch nicht immer offenbart sich die Krankheit so deutlich. Insbesondere bei Kindern, neben Älteren die Hauptbetroffenen der Epilepsie, zeigt sich das Leiden teils nur in Sekunden dauernden Ausfällen, die sich zum Beispiel durch Lücken im Schriftbild äußern. Teils bis zu mehreren Hundert Mal pro Tag können sich solche Aussetzer ereignen, das Gegenüber erstarrt kurz und schreibt oder spricht dann normal weiter.

Oft können Medikamente die Symptome lindern, doch rund 170000 Patienten gelten in Deutschland als „therapieresistent“. Heißt: sie sprechen nicht auf Pharmazeutika an. Dieser Gruppe hat sich die Firma Cerbomed verschrieben, ein 21-MannBetrieb im Herzen des Erlanger Medical Valley. 1996 von einem Zahnarzt und einem Betriebswirt gegründet, leitet sie heute der Medizinphysiker Andreas Hartlep.
Das Produkt „Nemos“, für das Cerbomed nach jahrelanger Entwicklungsarbeit 2010 die Zulassung erhalten hat, sieht aus wie eine schlichtere Variante eines Handys. Epileptiker tragen es an einem Band um den Hals, von dort aus führt ein Kabel zu einem Knopf im Ohr, an dem zwei Elektroden angebracht sind. Über den Tag verteilt vier Stunden sendet es im 30-Sekunden-Takt elektronische Reize.

Hört sich bedrohlich an, ist aber — richtig angewendet — nicht mehr als ein leichtes Kitzeln. Spürt der Patient nichts, ist der Stromreiz, der zwischen 0,1 und maximal fünf Milliampere eingestellt wird, zu gering, tut es weh, ist er zu stark. Stimuliert wird durch den Reiz ein Ast des Vagusnervs, der unter anderem in einer Falte der Ohrmuschel verläuft.
Er fungiert, so veranschaulicht Hartlep, wie eine Art Autobahn in tiefe Hirnregionen, von wo aus alle inneren Organe reguliert werden. Der Vorteil: Anders als das heute praktizierte Verfahren, bei dem in einer Operation der Vagusnerv entlang der Halsschlagader mit einer Elektrode umwickelt und von einem unter dem Schulterblatt eingesetzten Gerät stimuliert wird, funktioniert die Methode der Erlanger ohne Skalpell. Das vermeidet OP-Risiken, aber auch eine bisweilen durch die Nähe zu den Stimmlippen auftretende Stimmveränderung — eine zusätzliche Belastung zu der ohnehin stigmatisierenden Krankheit.

Von Sokrates bis Dutschke

Doch Marktreife des Produkts, daraus macht der Medizinphysiker keinen Hehl, sichert einem kleinen Medtech-Unternehmen längst nicht das Überleben. Bisherige kleinere Studien legen nah, dass die Anfallshäufigkeit durch „Nemos“ — wie bei der invasiven Methode auch — halbiert werden könnte. Eine große, zeit- und kostenintensive Studie mit knapp 170 Epilepsie- und Schmerzpatienten läuft derzeit. Erst wenn diese Ergebnisse vorliegen, kann Cerbomed hoffen, von den Krankenkassen die Zusage für eine Kostenerstattung zu bekommen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass das Unternehmen endlich größere Umsätze generieren kann. Denn bislang verkauft es nur an solche Menschen, die das 4000 € teure Gerät aus eigener Tasche bezahlen können. Rund 100 waren das in den vergangenen neun Monaten.

Bislang finanziert sich das Unternehmen durch die Risikokapitalgeber MIG, KfW-Bank und S-Refit. Ein großer Erfolg für die Erlanger war der Einstieg des US-amerikanischen Unternehmens Cyberonics mit einer Anfangsinvestition von zwei Mio. €. Die Firma vermarktet das invasive System, ist aber auch an der Technik von Cerbomed interessiert. „Für uns eine große Chance“, sagt Hartlep, der an eine große Zukunft seines Produkts glaubt. Bekannten Epileptikern wie Sokrates, Napoleon, Leonardo da Vinci oder Rudi Dutschke nutze der Fortschritt durch „Nemos“ zwar nichts mehr. „Aber jenen, die heute daran erkrankt sind, können wir so das Leben immerhin etwas leichter machen.“ 

VON NICOLE NETTER

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