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Zwei Friedhöfe erzählen Geschichte

Verein schützt einmalige Grabrelief-Kunst - 15.09.2016 21:33 Uhr

Ein modernes Epitaph von Tom Haydn. In die Gestaltung fließen Leben und Wesen des Verstorbenen ein, so erzählt das Metallrelief eine ganz individuelle Lebensgeschichte – auch für spätere Generationen. Hier das Grab von Bleistiftpionier Friedrich Staedtler (Rochusfriedhof). © F.: Verein


Was für ein Spätsommerblick aus dem Steinschreiberhaus über den St. Johannisfriedhof! Rosenbäumchen, Schalen voll farbstarker Blumen auf roten Sandsteinquadern so weit das Auge reicht. Doch geht es den Vertretern eines am 28. Dezember 2015 gegründeten Vereins gezielt um die dunklen Bereiche auf den rötlichen Grabsteinen – sogenannte Epitaphien.

Seit 500 Jahren sind sie hier als einziger Schmuck erlaubt – „und Dank der hochentwickelten Handwerkstechnik der Nürnberger Bronzegießer und der Fähigkeit der modellierenden Bildhauer hat sich über die Jahrhunderte ein großer Bestand an kunsthandwerklich bedeutenden und kulturgeschichtlich höchst aufschlussreichen Kunstwerken angesammelt“, beschreibt Stadtheimatpflegerin Claudia Maué die Lage. Als erste Vorsitzende des Vereins „Nürnberger Epitaphienkunst und -kultur“ benennt sie lächelnd Misserfolge, die schließlich aber zur Vereinsgründung durch engagierte Bürger führten.

Auf dem Johannis- und Rochusfriedhof erzählen an die 7000 uralte Metallreliefs in weltweit einzigartiger Weise von ehemaligen Bewohnern Nürnbergs, deren Prägung, ihren Berufen. Doch die Jahrhunderte nagen am Epitaphien-Schatz: So zeigt sich (Johannisfriedhof) das Epitaph des Bankiers Wolff Magnus Scheyer (1702, signiert vom Bildhauer Jeremias Eisler. © Foto: Claudia Maué


Die Reproduktion einstiger Schönheit: ein „Relief-Patient“ für den Verein . . . © Foto: Claudia Maué


So sollte im Januar 2014 die schlechte Finanzlage beider Friedhöfe aufgebessert werden; im Oktober machte der Diebstahl von 42 Epitaphien auf dem Rochusfriedhof deutlich, „wie unzureichend die Dokumentation ist“, und im Oktober 2016 gab es den (gescheiterten) Antrag, die Epitaphien-Kultur als immaterielles Kulturgut (Unesco) eintragen zu lassen.

Der harte Kern dieser Initiative gründete den Verein: Maué, assoziierte Wissenschaftlerin für Skulpturen am Germanischen Nationalmuseum und seit 20 Jahren über Epitaphien forschend, steht Roland Cantzler (Sozialgerichtspräsident a. D. und Ehrenvorsitzender des Bürgervereins St. Johannis) als zweiter Vorsitzender zur Seite. Außerdem Schatzmeister Thomas Weitzenfelder (ebenfalls im Vorstand des Bürgervereins) und Elif Weitzenfelder als Schriftführerin. Peter Fleischmann (Direktor des Staatsarchivs), Regionalbischof Stefan Ark Nitsche, Adalbert Ruschel (Professor für Wirtschaftspädagogik und Verfasser einer Buchs über den Handwerkerfriedhof St. Rochus) sowie IHK-Präsident Dirk von Vopelius sind Gründungsmitglieder.

„An die 140 000 Euro waren fünf kunsthistorische Epitaphien vom Rochusfriedhof wert, die nun verschollen sind“, schafft Roland Cantzler eine Vorstellung der Kostbarkeiten, die auf den Friedhöfen sichtbar sind. „Mir geht es auch darum, wie heute Epitaphien zeitgemäß gestaltet werden; der Verein kann Gott danken, dass wir Thomas Haydn in Nürnberg haben“, verweist Cantzler auf den Epitaphienkünstler und Vereins-Beirat.

Haydn liegt „das Weitergeben der Techniken und Fertigkeiten, damit das Kunsthandwerk weiter bestehen kann“, besonders am Herzen – eines der erklärten Ziele des Vereins: „Die Epitaphienkunst als Ausbildung zu institutionalisieren, möglicherweise in Zusammenarbeit mit der Kunsthochschule“, erläutert Maué. Darüber hinaus fördere man Maßnahmen, um den Epitaphienbestand zeitgemäß zu dokumentieren und zu restaurieren. „Wir erstellen eine ,Patientenliste‘, die dann auf der Vereins-Homepage eingestellt wird.“ Für die „Heilung“ der metallenen Hilfsbedürftigen suche man Sponsoren, Paten oder Geldgeber.

Claudia Maué ist erste Vorsitzende. © Foto: Daut


Kooperation und Vernetzung – sowohl mit Gremien der Kirchen und des Denkmalschutzes als auch mit überregionalen Organisationen, die sich dem Erhalt historischer Friedhöfe widmen – ist ebenso eine Bestrebung wie das Wissen über die Epitaphienkunst zu verbreiten und das Bewusstsein in der Stadtgesellschaft zu beleben. „Stadt und Landeskirche müssen sich für diesen einmaligen Epitaphienschatz engagieren, zunehmend verantwortlich fühlen und beteiligen“, fordert Cantzler. Als Signal nach außen hat Jürgen Kummer ein (hinter-)sinniges, Altes mit Neuem verbindendes Vereins-Logo kreiert.

Zusammenarbeiten will man auch mit dem „Epitaphien-Gremium“, das neue Metallreliefs prüft, „denn im Prinzip ist jedes Epitaph genehmigungspflichtig“, so Maué. „Historische Elemente müssen ja auf den Grabsteinen bleiben und Modernes muss im Stil und Material dazu passen.“

Schreckte viele Nürnberger einst eine Warteliste ab, sind heute etliche Gräber auf dem Johannis- und Rochusfriedhof unbelegt. (www.st-johannisfriedhof-nuernberg.de). „Doch es werden immer mehr, die zu Lebzeiten an der Gestaltung ihres individuellen Epitaphs mitwirken wollen“, sagt Haydn bewundernd. „Das ist eine bewusste Beschäftigung mit dem eigenen Ableben.“

Für eine erneute, mehr auf die Herstellung der Epitaphien abzielende Bewerbung um den Titel des immateriellen Weltkulturerbes sieht man im jungen Verein gute Chancen: „Das hier ist so einmalig, dass der Antrag gut begründet wäre“, meint Maué. Und Haydn? Lehnt sich weiter aus dem Fenster: „Ich denke, wir haben da sehr gute Chancen!“ 

Anabel Schaffer

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