23 Euro? Zu teuer!

9.10.2012, 09:00 Uhr

© Hagen Gerullis

Die „Revolution“, die derzeit in Tallinn stattfindet, wünscht sich Rolf Engelmann vom Bündnis Sozialticket auch für Nürnberg. Die Hauptstadt Estlands bietet ihren Bürgern ab 2013 kostenlosen öffentlichen Nahverkehr. Davon ist Nürnberg weit entfernt. Aber den ersten Schritt dorthin soll die Stadt aus Engelmanns Sicht nun endlich gehen: Nürnberg soll die Fahrpreise für Busse und Bahnen deutlich senken — insbesondere für Bürger mit geringem Einkommen.

Aber: Das Bündnis Sozialticket, das mit vielen anderen, überwiegend linken Organisationen zur Demo aufgerufen hat, pocht obendrein auf ein „echtes“ Sozialticket. Eines, das „an den Bedürfnissen und Verhältnissen der Betroffenen ausgerichtet ist“. Heißt: ein Ticket, das nicht mehr als 15 Euro im Monat kostet und rund um die Uhr gilt, also keine Ausschlusszeiten hat.

Diskussion im Stadtrat

Genau das soll der Stadtrat, der demnächst über die Einführung eines Sozialtickets diskutiert, beschließen. Dass es dazu kommt, ist aber unwahrscheinlich. Denn Grundlage der Ratsdebatte ist eine Studie, deren Ergebnisse schon im Juli dieses Jahres vorgestellt wurden (wir berichteten). Die Verkehrsforscher von „Socialdata“ aus München rechneten damals verschiedene Varianten für ein Sozialticket durch. Die günstigste Variante sieht einen Monatspreis von 23 Euro vor (was in etwa dem Regelsatz für Mobilität entspricht, der Alg-II-Empfängern zusteht). Würde so ein 23-Euro-Ticket eingeführt, gäbe es zwar Einnahmeausfälle, aber auch höhere Nachfrage. Folge: Unter dem Strich würden die VAG-Erlöse um 180000 Euro im Jahr schrumpfen. „Peanuts“ nennt Engelmann diesen Betrag angesichts der Zuschüsse von zig Millionen Euro jährlich, die die VAG erhält. Er kritisiert auch, dass in der Studie die 15-Euro-Variante nicht berechnet wurde. Aus ökologischen wie sozialen Gründen ist sie für ihn unabdingbar.

Ebenso sieht es Ingrid Tsakmakides, eine der Demonstrantinnen, die vom Hallplatz aus durch die Innenstadt ziehen. Die promovierte Ärztin meint zum einen, der öffentliche Nahverkehr sei generell zu teuer. „Allein aus Umweltgründen muss man ihn billiger machen.“ Zum anderen ist es aus ihrer Sicht absurd, dass Menschen, die von Hartz IV leben müssen, auch noch rund 30 Euro für eine Monatskarte zahlen sollen.

Inhaber des Nürnberg-Passes, etwa Hartz-IV-Empfänger, haben schon heute die Möglichkeit, ein günstigeres Monatsticket zu kaufen — für rund 30 Euro. Dazu sagt Tsakmakides knapp: „Das geht nicht.“ Dass das nicht geht, weiß sie durch ihren Beruf. Lange praktizierte sie als Ärztin in St. Leonhard — sie kennt sich also aus mit den Sorgen und Nöten sozial Schwacher.

„Jeder Euro weniger ist gut — aber 23 Euro sind immer noch zu viel“, meint auch Anne Maya vom Internationalen Frauencafé. Die Flüchtlingsfrauen, die sie betreut, hätten ähnliche Mobilitätsbedürfnisse und -notwendigkeiten wie jeder andere Bürger — sei es für Wege zu Ämtern, Ärzten oder Bildungseinrichtungen. Die Fahrkosten jedoch, erzählt Maya, müssten sie von dem bisschen Bargeld berappen, das sie monatlich bekämen und das bei maximal 130 Euro liege.

Die Fahrpreiserhöhungen, die bis 2015 beschlossen wurden, treffen hier besonders hart. Das Bündnis Sozialticket fordert daher weiterhin, diese Erhöhungen rückgängig zu machen.