Neuer Stromer aus Korea

Elektrischer Kia EV6: Mister 800 Volt macht schnell

Ulla Ellmer

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18.10.2021, 16:49 Uhr
Wie viele Elektroautos besitzt auch der Kia EV6 bündig versenkte Türgriffe - der Aerodynamik wegen.

Wie viele Elektroautos besitzt auch der Kia EV6 bündig versenkte Türgriffe - der Aerodynamik wegen. © Hersteller

Das Elektro-Zeitalter steht nicht vor der Tür. Es ist schon da. Und das spüren auch wir als Berichterstatter. Gefühlt stellen wir vorrangig automobile Neuheiten vor, zu denen wir Überschriften mit den Worten „Strom“ und „Stecker“ basteln. Selbige passen auch zum EV6. Er ist das erste E-Auto von Kia, das nicht von einem bereits existenten Verbrennermodell abgeleitet wurde, sondern auf einer speziellen Elektroplattform aufsetzt. E-GMP (Electric Global Modular Platform) heißt sie und stellt das Bindeglied zum Ioniq 5 der Schwestermarke Hyundai dar.

Wenn schon elektrisch, dann richtig

Gleichzeitig dokumentiert der EV6 die Entschlossenheit seines Herstellers, aus der Ecke des einstigen Discounters mit allem Nachdruck herauszufahren: Wenn schon elektrisch, dann richtig und premiumwürdig und mit allem Drum und Dran. Dazu gehören Features, die man sonst nur aus dem Reich der teuren Top-Stromer kennt, vom Porsche Taycan oder vom Audi e-tron GT etwa. Denn um seine Nutzer auch auf die Langstrecke zu locken und ihnen zeitraubende Aufenthalte an der Strom-Tanke zu ersparen, macht der EV6 ganz schnell beim Laden. Statt der gängigen 400 Volt fährt sein Batteriesystem 800 Volt auf. Das bedeutet eine maximale DC-Ladeleistung von 240 kW - und dass der Akku an einer entsprechend geeigneten Schnellladesäule in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent Ladestand gebracht werden kann. Im Idealfall, sagt Kia, reichen viereinhalb Minuten, um per Sturztrunk Strom für 100 Kilometer Strecke zu speichern. Aus der Wallbox bedient sich der EV6 dreiphasig und mit bis zu 10,5 kW.

Hyundai ist Mitglied des Lade-Joint-Ventures Ionity. Das sichert den Kunden vergünstige Preise beim Stromfassen.

Hyundai ist Mitglied des Lade-Joint-Ventures Ionity. Das sichert den Kunden vergünstige Preise beim Stromfassen. © Hersteller

Leistungsspektrum von 170 bis 585 PS

Modellvarianten gibt es gleich einige, und so hat der Konfigurator ordentlich zu tun. Klar werden muss sich der Kunde zunächst darüber, ob es die kleine Batterie (58 kWh) oder die große (77,4 kWh) sein soll. Erstere gibt die Wegrichtung zum Basismodell mit Heckantrieb und 125 kW/170 PS vor, Letztere stellt vor die Entscheidung zwischen 168 kW/229 PS und – dann verbunden mit Allradantrieb - 239 kW/325 PS. Ende 2022 kommt noch ein weiterer Kandidat hinzu, dann dient sich der GT als sportliche Speerspitze an, 430 kW/585 PS leistet er, ist ebenfalls allradgetrieben unterwegs, zoomt in 3,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und erreicht 260 km/h Spitze. Damit lässt sich am Stammtisch durchaus Eindruck schinden.

Eine andere Spitzenposition, die des Reichweitenkönigs nämlich, beansprucht der Hecktriebler mit 229 PS und 77,4-kWh-Stromspeicher, eine Akkuladung reicht für maximal 528 Kilometer. Selbst der kleinen Lösung – der mit 58 kWh und 170 PS - bescheinigt die WLTP-Norm Bereitschaft für 394 Kilometer. Der Verbrauch beläuft sich auf 17,2 – 16,5 beziehungsweise 16,6 kWh/100 km.

Expressives Schnittmuster

Das, was rund um den Globus karosserietechnisch derzeit am besten funktioniert, ist der Crossover. In ein solches Kleid hat Kia denn auch den 4,69 Meter langen EV6 gesteckt, das Schnittmuster ist expressiv mit futuristischer Würze, das hohe Heck mit der durchgehenden Lichtleiste zumindest diskussionswürdig, designtechnisch geht der Kia-Entwurf ganz andere Wege als der, den Hyundai beim kantigen Ioniq 5 umgesetzt hat.

Leder ist tabu im Innenraum, die Sitze sind mit veganen Stoffen bezogen.

Leder ist tabu im Innenraum, die Sitze sind mit veganen Stoffen bezogen. © Hersteller

Am Armaturenträger fügen sich zwei Bildschirme zu einem gewölbten Panoramadisplay, die Lüftungsöffnungen unterstreichen eine schmale Bedienfläche, die wahlweise die Taster für die Klimatisierung oder diejenigen für die (mitunter etwas spät reagierende) Navigation und das Infotainment anzeigt, das Umschalten erfolgt per sanftem Fingertipp. Das großflächige Head-up-Display projiziert mithilfe von Augmented Reality dreidimensionale Abbiegehinweise auf die Fahrbahn. Und Leder wurde verbannt aus dem Interieur, stattdessen versieht Kia die Sitze mit veganen Bezügen, in Stoffen und Teppichen finden 111 PET-Flaschen eine neue Bestimmung. Apropos Sitze: Optional sind sie in Relaxposition zu bringen, so lässt sich während des Ladevorgangs ein Nickerchen einlegen, während – was man beispielsweise schon vom Kia Sorento Plug-in-Hybrid kennt – Meeresrauschen, Vogelgezwitscher oder der heimelige Soundtrack eines Straßencafés in den Entspannungsmodus lullen.

Stromspender fürs E-Bike

Der lange Radstand von 2,90 Metern vertreibt jegliche Enge aus dem fünfsitzigen Innenraum, das Kofferraumvolumen wird mit 490 bis 1300 Litern beziffert, ein Zusatzfach unter der Fronthaube bietet dem Ladekabel eine Heimstatt. Oder dem Adapter, mit dem der EV6 des bidirektionalen Ladens mächtig wird und beispielsweise das E-Bike füttert oder – über ein Ladekabel mit In-Kabel-Kontrollbox -netterweise anderen Stromern auf die Sprünge hilft.

Wenn der E-Auto-Fahrer respektive die -Fahrerin einen Anhänger in Schlepp nehmen möchte, kann sie dies tun, das 58-kWh-Modell zieht bis zu 750 Kilogramm, die 77-kWh-Versionen schaffen 1600 Kilogramm.

Die Heckpartie ziert ein durchgehendes Leuchtenband.

Die Heckpartie ziert ein durchgehendes Leuchtenband. © Hersteller

Größe und Bauart stehen einer Karriere als Kurvenjäger zwar entgegen, dynamisch und präzise lässt sich der rund zwei Tonnen gewichtige Koreaner aber allemal um die Kehren lenken, auch in puncto Fahrkomfort ist ihm nichts nachzusagen. Beim Fahren unterstützt allerlei elektronisches Dienstpersonal, zum Team gehört ausstattungsabhängig beispielsweise der Autobahnassistent mit Spurwechselunterstützung, auch ferngesteuertes Einparken ist möglich. Über Schaltwippen am Lenkrad sind sechs Rekuperationsstufen anzuwählen, besonders schlau agiert der Auto-Modus, der den Grad der Energierückgewinnung auf Basis der jeweiligen Verkehrssituation und der Navi-Daten einstellt.

Wo es lang geht in Sachen Elektromobilität, weiß Kia ersichtlich, lässt sich das aber auch nicht unerheblich bezahlen: Der Einstiegspreis des EV6 beträgt 44.990 Euro.

Kia EV6 in Kürze:

Wann er kommt: Marktstart im November

Wen er ins Visier nimmt: Hyundai Ioniq 5, Ford Mustang Mach-E, Cupra Born, VW ID.4 GTX, Audi e-tron, Skoda Enyaq, Mercedes EQA

Was ihn antreibt: Elektromotoren, Leistung 125 kW/170 PS, 168 kW/229 PS und 239 kW/325 PS. Akkukapazität 58 und 77,4 kWh

Was er kostet: Ab 44.990 Euro, nach Abzug der Subventionen 35.420 Euro

Was noch kommt: Ende 2022 das Topmodell EV6 GT mit 430 kW/585 PS

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