Montag, 20.01.2020

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Gesichter der Quelle

170 Ex-Mitarbeiter trafen sich für ein Kunstprojekt - 15.11.2010 16:00 Uhr

„Wir waren Quelle“: 92 ehemalige Mitarbeiter des insolventen Unternehmens ließen sich von Edith Greven-Stöhr für eine Kollage ablichten. © Stefan Hippel


Vor 27 Jahren hat Edith Greven-Stöhr die Hochzeitsbilder von Werner Vogel gemacht. Jetzt hält er wieder sein Gesicht in die Kamera der Fürther Fotografin. Doch diesmal geht es nicht um seine private, sondern um seine berufliche Familie. Um die Quelle-Familie.

170 Ex-Quelle-Mitarbeiter sind gekommen, um Teil eines sozialen Kunstprojekts zu werden. Edith Greven-Stöhr und Ute Gistel-Lutz kennen sich von der Kunstakademie und haben sich vorgenommen, der offiziell verschwundenen Quelle ein öffentliches Gesicht zu geben, in dem sie Portraits der Mitarbeiter in einer Collage zusammenführen. „Die Quelle, das waren schließlich vor allem die Menschen“, sagt Greven-Stöhr.

Marga Hetzner unterstützt die Künstlerinnen. Die 54-Jährige leitete den Post- und Kurierservice der Quelle. Ihre Kontakte zu den Ex-Kollegen sind ein wertvoller Schatz. Ihr Motivations- und ihr Organisationstalent ebenso. So entstand rund um den Fototermin ein entspanntes Fest. Ein Familientreffen mit vielen fröhlichen Hallos und vielen Umarmungen.

Aber auch eines mit bitteren Zwischentönen. Die klingen etwa durch, wenn die Künstlerinnen über ihre Suche nach einem Raum für ihr Projekt berichten. Überall wurden sie weggeschickt — bis sie auf Matthias Murko trafen, der sein Museum Industriekultur bis in die Nacht für sie öffnete: „Ich will ein Museum, das lebt. Da darf man nicht um 19 Uhr die Sicherheitsanlage scharf stellen.“

Bitter klingt es auch, wenn die Teilnehmer über Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung reden, der zum Jahrestag der Pleite verkündet hatte, es sei alles gar nicht so schlimm gekommen wie befürchtet. Das hat sie hart getroffen. Immer wieder gleiten die Gespräche in diese Richtung. Denn einen neuen festen Arbeitsplatz haben die wenigsten. Sie stecken in Qualifizierungskursen. Oder sie haben sich selbständig gemacht wie Jürgen Döllner, der es mit einer eigenen Maschinenbau-Firma versucht und außerdem bald mit seiner Frau einen Laden für Hundezubehör eröffnet. „Wir kommen über die Runden“, sagt der 44-Jährige. Euphorie klingt anders.

„Wir würden überzeugen“

Werner Vogel dagegen, der sich in 33 Quelle-Jahren vom Azubi zum Abteilungsleiter hochgearbeitet hatte, schreibt noch Bewerbung um Bewerbung. Von seinen ehemaligen Mitarbeitern „haben höchstens 40 Prozent einen Job“. Von ihren Beratern beim Arbeitsamt bekommen sie zu hören, dass es längst als Vermittlungsproblem gilt, wenn einer von der Quelle kommt. Als ob sie dort die Jahre mit Rumsitzen und Däumchendrehen verbracht hätten... „Dabei würden wir die Chefs sofort überzeugen, wenn wir nur bis zu ihnen durchkommen würden“, sagt Marga Hetzner. Auch sie sucht noch, trotz all ihrer Kontakte.

Nicht jeder, der zum Familientreffen ins Museum kommt, lässt sich auch fotografieren. Einigen genügt das Reden, das Zusammensitzen, das Sich-Aufgehoben-Fühlen. 92 Portraits hat Edith Greven-Stöhr am Ende zusammen. In einem Jahr wollen die Künstlerinnen das Ergebnis des Projekts präsentieren.


 

GUDRUN BAYER

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