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Gunzenhausen: Literarischer Spaziergang gefiel gut

Die Fünf Lesungen an ungewöhnlichen Orten waren gut besucht - 22.04.2016 16:11 Uhr

Wo geht es als Nächstes hin? Plakate und zwei Fahrradlotsen wiesen den Gunzenhäuser Spaziergängern den richtigen Weg zu den Lesungen. © Tina Ellinger


Und in der Tat ist eine Kläranlage wohl so ziemlich die letzte Location, die man sich für eine anregende Veranstaltung voller literarischer Häppchen vorstellen kann, macht man doch meistens lieber einen naserümpfenden Bogen darum. Doch nicht an diesem Abend: Bis auf den letzten Platz ist der Raum voller Rohre und Leitungen in den Katakomben der Gunzenhäuser Kläranlage besetzt und Peter Schnell hätte wohl kaum eine passendere Geschichte auswählen können als „Der dritte Mann“ von Carol Reed.

Durch die bekannte Filmmelodie eingestimmt, nimmt er die aufmerksam lauschenden Zuhörer mit in die — wie sollte es anders sein — Kanalisation Wiens in der Nachkriegszeit, „in diese seltsame Welt, unter uns verborgen, den meisten unbekannt“. Nach der spannenden Verfolgungsjagd in den brackigen Abwässern gibt der Vorsitzende der „Kulturmacherei“ seinem Publikum noch etwas Erheiterndes mit auf ihren weiteren Weg: „Die Scheiße“ – ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger.

Noch über diese „Beinahe-Liebeserklärung“ schmunzelnd, machen sich die Spaziergänger auf zur nächsten Station: das Schützenhaus der HSG Gunzenhausen, das viele von ihnen sicherlich noch nie von innen gesehen haben. Jetzt aber drängen sich die Besucher in den holzvertäfelten, mit Schützenscheiben behangenen Raum, in dem Rainer Hochreiter gleich mit drei Titeln wartete, die sich allesamt nicht um menschliche Ausscheidungen, sondern um die ebenfalls sehr menschliche Suche nach dem Glück befassten. Wie in „Hectors Reise“ von François Lelord, einer wunderbaren Geschichte über die Fragen nach dem Glück und 23 beeindruckenden Antworten darauf, wie diese hier: „Das Glück ist eine gute Wanderung inmitten schöner unbekannter Berge“.

Und dieses Glück bleibt den Teilnehmern des Stadtspaziergangs auch am nächsten Vorleseort treu, hat sich Kerstin Zels doch passend für die Schmiede ihres Mannes Max Lingg die humorvolle Kurzgeschichte „Der Schmied seines Glücks“ von Gottfried Keller ausgesucht. Inmitten von Werkzeug und umhüllt vom Geruch nach Eisen und Arbeit lauschen die Gäste der angenehmen Stimme, die in der blumigen Sprache des 19. Jahrhunderts von John Kabys’ verzweifeltem Versuch erzählt, endlich sein Glück zu finden.

Im Bann der Geschichten

Draußen im Hof lodert ein wärmendes Feuer und lädt zu einem kleinen Pläuschchen mit anderen Spaziergängern ein, was man sich ruhig genehmigen kann. Schließlich ist die Zeit zwischen den Stationen gut bemessen und niemand muss von Ort zu Ort hetzen. So richtig heimelig ist es auch im Café Kleeberger, das die Zuhörer mit angenehmer Atmosphäre empfängt.

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Litarischer Spaziergang in Gunzenhausens Südstadt

Publikum, Mitwirkende und Veranstalter, allen hat diese neue Format gefallen: Der 1. Literarische Spaziergang in Gunzenhausen war ein voller Erfolg. Von Kläranlage über Schützenhaus, Schmiede und Bestattungsinstitut bis hin zum Café warteten nicht nur höchst unterschiedliche Stationen auf die Besucher, sie bekamen dort auch abwechslungsreiche Geschichten serviert.


Doch recht schnell werden die bequemen Stühle zur Nebensache, vergisst man das Drumherum, so gebannt lauschen alle der Geschichte, die Kristy Husz zum Besten gibt. „Der Bäcker“ aus der Feder des Berliner Strafverteidigers Ferdinand von Schirach ist kein blutrünstiger Krimi mit thrillermäßigen Handlungssträngen, vielmehr einer der leisen Töne. Die Sympathie und das Mitgefühl gehören eindeutig dem Täter, der sich abmüht, alles richtig zu machen, und immer wieder enttäuscht wird.

In diese leicht melancholische Stimmung versetzt, kommt mit dem Bestattungsinstitut Bauer die letzte Station der Lesewanderung gerade recht. Vorleserin Christine Höller bleibt beim Thema Tod, nähert sich ihm aber auf sehr humorvolle Art und Weise. Wer kennt das nicht, ein leichtes Zwicken hier, ein Ziehen da und schon geht sie los, die Odyssee von Arzt zu Arzt. Wie tragisch so etwas enden kann, erlebt die Hauptfigur in Ephraim Kishons „Die Medikamentenstaffette“.

Ein feines Gespür für Zwischentöne, menschliche Abgründe und eine überraschende Wende beweist E. W. Heine in „Das Wasserloch“. Es ist eine schicksalshafte Begegnung zweier Männer, die sich ihr ganzes Leben gehasst haben und nun gemeinsam auf Rettung — oder das Ende — warten müssen. Auch für das Auditorium kam mit der fünften Lesung das Ende — anders als in der Geschichte allerdings keines mit einem Schrecken, sondern vielmehr mit dem angenehmen Gefühl eines gelungenen Abends.

Und genau das war der „Literarische Stadtspaziergang“ wohl für alle Beteiligten, von den Organisatoren und Vorlesern der „Kulturmacherei“ bis hin zu den zahlreichen Literaturfans, die sich in Gunzenhausen auf den Weg gemacht haben.

Ein Extralob verdienen diejenigen, die ihre Räume für dieses neue Veranstaltungsformat nicht nur geöffnet, sondern eigens ansprechend hergerichtet haben und sich auch den Gästen vorstellten. So fand der Kulturverein nur offene Türen für seine Idee — und plant schon eifrig den nächsten Stadtspaziergang der etwas anderen Art, wie beim gemütlichen Abschluss der Premiere im Café Kleeberger zu hören war.

  

TINA ELLINGER E-Mail

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