Jeder fünfte Bürger war Jude im Zenngrund

14.1.2016, 20:00 Uhr
Die Grabstätten am jüdischen Friedhof zeugen noch heute von der langen jüdischen Tradition in der Zenngrundgemeinde.

Die Grabstätten am jüdischen Friedhof zeugen noch heute von der langen jüdischen Tradition in der Zenngrundgemeinde. © Fotos: Wraneschitz

„Wilhermsdorf ist international bekannt für den jüdischen Buchdruck.“ Keine Sekunde zögert Maike Strobel auf die Frage, welchen Wert die Marktgemeinde im Landkreis Fürth für Europas Judentum hat. Strobel arbeitet in der Hebraica- und Judaica-Abteilung der Frankfurter Universitätsbibliothek.

Robert Hollenbacher zeigt eine Aufnahme der Wilhermsdorfer Synagoge.

Robert Hollenbacher zeigt eine Aufnahme der Wilhermsdorfer Synagoge.

Einige der Bücher aus der Marktgemeinde sind recht wertvoll. Denn immerhin stammen die oft schön gestalteten Werke bereits aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Doch wenige Wilhermsdorfer wissen, welch wichtige Rolle ihr Wohnort in der jüdischen Buchdruckkunst gespielt hat.

Auch Robert Hollenbacher (73) hat erst in den vergangenen gut zehn Jahren das Wissen angehäuft, das ihn heute zu einem ausgewiesenen Kenner der jüdischen Geschichte seines Heimatorts macht. Es gab Zeiten, da war jeder fünfte Wilhermsdorfer Jude. Die ersten Bürger dieses Glaubens dürften im 15. Jahrhundert aus Nürnberg nach Wilhermsdorf gekommen sein – ob gezwungenermaßen oder freiwillig, ist unklar.

Auf einem Grabstein wurde jedenfalls die Jahreszahl 5212 jüdischer Zeitrechnung gefunden. Das entspricht 1452 gregorianischer Zeit, also „nach Christus“. Als letzter Toter wurde dort am 5. April 1936 der Viehhändler Naphtali Gottlieb begraben. Zu seiner Erinnerung wurde kein „Stein der Toten“ mehr errichtet. Dennoch: Über 500 davon stehen auf dem 3950 Quadratmeter großen, von einer Backsteinmauer umgebenen Friedhof.

Noch Rätsel zu lösen

Die bis Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellten Steine sind durchnummeriert bis zur Zahl 491, spätere tragen keine Nummern mehr. Warum viele Steine nummernlos sind, das hat Hollenbacher noch nicht herausgefunden. Vielleicht gelingt es ihm irgendwann. Denn seit der Hauptschullehrer 2004 seinen Beruf an den Nagel gehängt hat, beschäftigt er sich intensiv mit dem jüdischen Leben und Sterben in Wilhermsdorf.

Hobbyforscher Hollenbacher ist „neben dem Judentor aufgewachsen. Ein imposantes Gebäude mitten im Ort“, das erst 1965 abgerissen wurde. „Die Erinnerung daran ist eigentlich erst im Ruhestand wieder aufgetaucht.“ Robert Hollenbachers Wissensdurst war geweckt; eine Führung durch die damalige Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Fürth Gisela Naomi Blume über den Friedhof tat ein Übriges.

Quellenstudium betrieben hat er im Bayerischen Staatsarchiv und dem Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein. Hollenbacher hat das Internet durchsucht, „einschlägige Literatur zu diesem sehr umfassenden und interessanten Thema gelesen. Dabei hat sich herausgestellt: Mein Urgroßvater war für die Pläne und den Bau der Synagoge verantwortlich.“

Der rote Backsteinbau wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Er steht heute noch, hat aber viel von seinem Glanz verloren, und dazu noch seinen Turm, den alte Fotos am Südostgiebel zeigen. Weil das Gebäude nur aus dem Wiesengrund ganz zu sehen ist, kennen es wohl bloß die wenigsten Wilhermsdorfer. Hollenbacher fühlt sich dem Bauwerk verbunden: „Hätte ich ein paar Millionen, würde ich es kaufen“, sagt er mit Ernst in der Stimme. Heute ist die Synagoge teils bewohnt. Das einst sehr repräsentative Haus wieder zu einem Schmuckstück zu machen, wäre offensichtlich sehr aufwändig.

Eine Renovierung würde auch Johannes Geisenhof erfreuen. Der Professor ist Architekt und Denkmalschützer. Im Jahre 1998 hat er ein wissenschaftliches Buch veröffentlicht, die Basis der Altorterneuerung von Wilhermsdorf. Darin hat er empfohlen, die Synagoge auf die Bayerische Denkmalschutzliste zu setzen, auf der bereits 38 Wilhermsdorfer Objekte stehen. Aber erst vor ein paar Wochen hat das Landesamt für Denkmalpflege auf Geisenhofs Vorschlag reagiert: Die Prüfung, ob die Synagoge aufgenommen wird, habe gerade begonnen, so die Behörde.

170 hebräische Titel

Auf die Bücher aus dem Ort im Zenngrund sind dagegen auch heute noch viele Bibliotheken stolz. Etwa 170 hebräische Titel wurden ab 1669 in Wilhermsdorf gestaltet, redigiert, gedruckt. „Schuld“ an den jüdischen Drucken trägt der damalige Regent der Marktgemeinde, weiß Robert Hollenbacher: Graf Wolfgang Julius von Hohenlohe und Gleichen. Der wollte den Umsatz seiner Papiermühle in Ernsbach an der Kocher steigern und setzte auf Buchdruck seiner jüdischen Bevölkerung. Isaak ben Judah Jüdels Katz leitete bis 1690 „die erste Druckerei. Die muss handwerklich nicht sehr gut gewesen sein“, meint Hollenbacher. Er beruft sich dabei auf das 1995 erschienene Buch „Jewish Printing in Wilhermsdorf“, wenn er von „unlesbaren und unwerten Ergebnissen des Drucks wegen des Unfleißes der Setzer und Korrektoren“ erzählt.

1712 kam dann der wirkliche Aufschwung: Da übernahm Zebi Hirsch ben Chaim aus Fürth die Druckerei in einem Gartenhaus auf dem Schlosshof. Hirsch ben Chaim, der Sohn eines Rabbiners, verhalf der Wilhermsdorfer Fabrikation zu Ruhm: Die Bücher wurden auf den Messen in Frankfurt und Leipzig gezeigt, teilweise mit dem Schiff von Marktbreit aus transportiert, nach Polen, Mähren oder Lothringen verkauft.

Robert Hollenbacher meint, der Drucker habe zwar viel Erfolg gehabt, doch sei er von der gräflichen Herrschaft dafür eher schlecht entlohnt worden: Hirsch war pleite, der Graf dagegen habe 18 000 Gulden an den Büchern verdient, hat Hollenbacher in den „Archivalien“ von Ralf Rossmeissl herausgefunden, die viele Originalbelege enthalten. Ohne den Meister Hirsch kam zwei Jahre später das Aus der jüdischen Druckstätte Wilhermsdorf.

Zu riskant

Viel hat Robert Hollenbacher inzwischen zur Geschichte der Juden in seinem Heimatort erfahren und zusammengetragen. Ein Buchprojekt darüber ist ihm jedoch „zu riskant aus finanziellen Gründen“. Bald will er aber ein Manuskript mit vielen Dokumenten ins Internet stellen. Außerdem hofft der Hobbyforscher auf „Kontakt zu Nachkommen von Zeitzeugen“.

Wer mit Robert Hollenbacher Kontakt aufnehmen will, kann dies per Mail tun unter roholle@t-online.de

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