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Corona-Chaos: Warum die Menschen den Lockdown nicht mehr ernst nehmen

Drei Thesen zur mentalen Lage der Nation in der Pandemie - 17.04.2021 05:56 Uhr

Viel los an der Steintribüne - ob sich wohl jeder an die Abstandsregeln hält?

14.04.2021 © NEWS5 / Bauernfeind


2021 hat mit so viel Hoffnung begonnen. Wenn die zweite Welle vorbei ist, die Impfungen weit fortgeschritten, Tests billig und stets verfügbar, wenn im Frühjahr die Sonne wieder herauskommt – dann holen wir endlich nach, worauf wir ein ganzes Jahr verzichten mussten.

Nun ist es April, wir stecken mitten in der dritten Welle, ein Sommerfestival nach dem anderen wird abgesagt, die Impfkampagne rollt gerade erst an und es wird – wieder einmal – über eine Lockdown-Verschärfung diskutiert. An die bestehenden Regelungen scheint sich kaum jemand zu halten, obwohl laut Umfragen noch immer eine Mehrheit für härtere Maßnahmen ist. Zeit für drei provokante Thesen zur mentalen Lage der Nation.

Die Stimmung ist schlecht...

14.04.2021 © NEWS5 / Bauernfeind


1. Die Menschen haben nicht in erster Linie die Einschränkungen satt, sondern das Herumgeeiere der Politik.

Die öffentliche Meinung zur Politik hat sich selten so um 180 Grad gedreht wie in diesem vergangenen Pandemie-Jahr. Die öffentliche Meinung zu Maßnahmen gegen das Coronavirus ist dabei weitgehend gleich geblieben. Weiterhin spricht sich in Umfragen regelmäßig eine Mehrheit der Befragten für harte Einschränkungen aus. Wenn ein Lockdown Menschenleben rettet und noch dazu frühere Lockerungen verspricht, dann ist eine Mehrheit noch immer bereit, diesen Weg zu gehen.

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Die Politik hatte zu Beginn der Pandemie höchste Zustimmungswerte, insbesondere die Exekutive – wovon logischerweise die CDU/CSU am meisten profitierte. Diese Werte sind massiv in den Keller gegangen, die Unzufriedenheit mit der Politik ist greifbar. Warum?

Im Frühjahr 2020 wandten sich Bundesregierung und Landesregierungen in ihrer Verzweiflung an die Wissenschaft. Virologen wurden zu TV-Prominenz. Kritiker fürchteten gar ein Primat der Wissenschaft gegenüber der Politik. Diese Hinwendung zu den Experten war aber vor allem eines: konsequent. Wenn ich einen Wasserrohrbruch habe, dann hole ich einen Klempner und lasse ihn machen. Ich mische mich nicht ein, weil ich weiß, dass er mehr Ahnung von der Materie hat als ich.

Seit die Politik sich "ihr" Primat zurückgeholt hat, lässt sie vor allem eines vermissen: Konsequenz. Da wird im Herbst 2020 so lange über Maßnahmen diskutiert, bis die Infektionszahlen hoch genug sind, um uns Weihnachten zu vergällen. Da werden im Februar 2021 Öffnungen beschlossen, während Modellrechnungen eine dritte Welle voraussagen. Da kocht jedes Bundesland sein eigenes Süppchen und allenthalben gibt es Ausnahmen, hier die Friseure, da die Buchläden, dort die Mallorca-Flieger.

Da beschließen die wichtigsten Politiker des Landes gemeinsam eine "Osterruhe", um sie einen Tag später wieder zurückzunehmen. Warum eigentlich? Hat ein BMW-Vorstand bei Frau Merkel angerufen und ihr vorgerechnet, wieviel ein Tag Produktionsausfall kosten würde? Wir werden es nie erfahren.


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Der Punkt ist: Eine Mehrheit im Land würde sich auch jetzt noch in harte Maßnahmen fügen, wenn sie konsequent, gerecht und wissenschaftlich fundiert sind. Gerade wird aber wieder – genau – diskutiert.

2. Die Vielzahl von Informationen zum Coronavirus und Regelungen zu dessen Bekämpfung sind längst unüberschaubar geworden, deshalb suchen die Menschen sich ihren persönlichen Weg durch die Pandemie – auch wenn das bedeutet, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Ich schreibe das jetzt einfach so hin: Seit Herbst 2020 habe ich mehrfach gegen die Corona-Bestimmungen verstoßen. Ich habe zweimal die Ausgangssperre missachtet. Ich habe einige Male im Freien mit meiner Familie eine andere Familie getroffen. Ich habe mich an Ostern mit meiner Frau, meinen Kindern und meinen Eltern in einem geschlossenen Raum getroffen – nachdem wir zuvor Schnelltests gemacht hatten.

Das alles war verboten. Ich will niemanden dazu anstiften, so etwas zu tun. Aber ich habe für mich persönlich entschieden, dass in diesen Fällen mein gesunder Menschenverstand und mein Sinn für Verhältnismäßigkeit schwerer wiegen als ein Gesetz.

Am Limit: Viele leiden unter der derzeitigen Situation und verknüpfen damit ganz unterschiedliche Forderungen.

14.04.2021 © Roland Fengler


Und ich habe das Gefühl, dass eine überwältigende Mehrheit in diesem Land in den vergangenen Monaten genauso gehandelt hat.

Woran soll man sich halten? Die Virologen wollen harte Einschränkungen, sind sich aber nicht ganz einig, welche. Die Mobilitätsforscher wollen die Mobilität verhindern. Die Aerosol-Forscher (ich weiß erst seit einigen Tagen, dass es die überhaupt gibt) wollen außen fast alles erlauben, weil die Gefahr innen lauert. Die Veranstalter, der Einzelhandel, die Gastronomie wollen Öffnungen. Die Industrie will in Ruhe gelassen werden (Arbeitsplätze!). Und die Politik weiß nicht, was sie will. Woran soll man sich also halten?

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Wenn ich mich umschaue, sehe ich, dass die Menschen sich nur noch an ihren eigenen Kompass halten, der mal in die eine Richtung ausschlägt und mal in die andere. Je nachdem, wie vorsichtig man ist, was man zuletzt von Drosten gelesen oder bei Lanz gesehen hat, welche Dinge einem wichtig sind und worauf man leichter verzichten kann. Ich nehme mich selbst nicht aus.


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Leider ist es ein Zustand des kollektiven Blindflugs. Da versteht man, warum in Bayern fast genau dieselben harten Maßnahmen, die im Bund gerade durchgesetzt werden sollen, dummerweise so gar keinen Erfolg zeigen. Die dritte Welle wird auch so, trotz des Gewurschtels, irgendwann abflauen. Die Frage ist nur, wie viele Kranke und Tote es bis dahin gibt und wie viel spärlich vorhandenen Kredit die Politik noch verspielt.

3. Wenn sich die Lage nicht schnell verändert, bekommen wir im Herbst eine grüne Bundeskanzlerin.

Es ist eine bemerkenswerte Situation: Obwohl von Anfang an eine breite Mehrheit für maximale Vorsicht in der Pandemie war, hat keine Partei sich als Anwalt dieser Mehrheit positioniert. Wer möchte schon die Partei der Schließungen sein, das klingt nicht gut.

Der Einzige, der es zumindest versucht hat, ist Markus Söder – und er hat massiv davon profitiert. Dass er in Umfragen tatsächlich der aussichtsreichste Kanzlerkandidat ist, wäre vor der Pandemie undenkbar gewesen.


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Die AfD hat sich im vergangenen Frühjahr instinktiv gegen die Obrigkeit gestellt und die Einschränkungen verdammt. Das war ein taktischer Fehler. Ein restriktiver "Rettet deutsche Leben"-Kurs hätte (nicht nur) am rechten Rand sehr gut funktionieren können.

FDP, Linke, SPD und auch Grüne haben es in der Pandemie nicht geschafft, irgendein Profil zu gewinnen. Für die Grünen macht das nichts. Sie haben mit dem Klimaschutz das einzige Thema, dass es von der existenziellen Größe her mit Corona aufnehmen kann. Außerdem verbindet niemand das Versagen der Exekutive in der Pandemie mit den Grünen – trotz Winfried Kretschmann.

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Das Versagen, wenn es denn von den Wählenden so gewertet wird, bleibt an der CDU hängen. Sie ist die Partei der Exekutive, sie hat 2020 profitiert und jetzt verliert sie Tag für Tag mehr an Boden. Wenn sich die Lage nicht bald beruhigt, wenn weitere unsaubere Pandemie-Geschäfte an den Tag kommen, wenn die Impf- und Test-Versprechen nicht eingehalten werden, dann wird die Union dafür verantwortlich gemacht werden.

Ach ja. Kanzlerin habe ich oben bewusst geschrieben. Ein grüner Bundeskanzler wäre auch möglich. Aber ich tippe darauf, dass sich die Grünen für Annalena Baerbock entscheiden. Das wäre dann die vierte These.

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