Freitag, 05.03.2021

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„Die Deutschen kleben an China-Klischees“

Interview mit Yan Xu-Lackner, Direktorin des Konfuzius-Instituts in Nürnberg und Erlangen — Lob und Kritik - 21.12.2011

Yan Xu-Lackner, die seit 20 Jahren in Deutschland lebt, leitet das Konfuzius-Institut Erlangen-Nürnberg. Die Einrichtung besteht seit fünf Jahren und bietet Sprachkurse, Bildungs- und Kulturangebote. Im kommenden Jahr soll es auch wieder ein Filmfestival in Erlangen geben.

20.12.2011 © De Geare


Frau Xu-Lackner, zum fünfjährigen Bestehen wurde auch Kritik am Konfuzius-Institut laut. In der FAZ wurde moniert, dass Peking mit Hilfe der Einrichtung Propaganda im Westen mache. Was sagen Sie dazu?

Xu-Lackner: Der Autor hat ein sehr zentralistisches Bild von China, alles andere hat ihn nicht interessiert. Dieser Blick wird der komplexen Situation im heutigen China, das sich im Umbruch befindet, in keiner Weise gerecht. Natürlich hat das Konfuzius-Institut eine Zentrale in China, die wiederum verschiedenen Ministerien untersteht. Das heißt aber nicht, dass wir von Peking aus gesteuert werden und chinesische Propaganda machen müssen. Im Gegenteil: Ich meine, das Institut bietet eine Chance für Austausch und Zusammenarbeit. Es ist wichtig zu wissen, dass das Konfuzius-Institut ein eingetragener deutscher Verein ist. Er wird von zwei Universitäten getragen: In unserem Fall ist das die Universität Erlangen-Nürnberg und die Foreign Studies University in Peking. Zu den Gründungsmitgliedern gehören außerdem die drei Städte Nürnberg, Fürth und Erlangen. Ich finde, die Chinesen sind sehr mutig: Man gründet und finanziert ein chinesisches Kulturinstitut, gibt aber dem Gastland die Möglichkeit, das Programm zu gestalten.

Welche Idee steckt hinter dem Konfuzius-Institut?

Xu-Lackner: 2005 wurde das erste Konfuzius-Institut in Korea gegründet, ein Jahr später folgte schon das Institut in Erlangen-Nürnberg, bisher das einzige in Bayern. Inzwischen gibt es elf Institute in Deutschland und 350 weltweit. Zentrale Idee ist die Förderung der chinesischen Sprache und Kulturarbeit, dabei ist das Goethe-Institut Vorbild. Ich verstehe das Konfuzius-Institut nicht als Außenstelle von Peking, sondern als Kulturbrücke und Dienstleister für die Metropolregion.

Hat sich das System Ihrer Meinung nach bewährt?

Xu-Lackner: Ich finde, das System hat sich sehr bewährt. Dabei muss ich betonen, dass ich die deutsche Position im Konfuzius-Institut vertrete. Ein Kollege aus Peking ist mein Co-Direktor. Wir bekommen zum Beispiel dank seiner Kontakte gut ausgebildete Fachkräfte aus China, die wir als Sprachlehrer einsetzen können. Ich lebe seit 20 Jahren in Deutschland, kenne mich hier besser aus und mache das Programm. Das ist eine gute Arbeitsteilung.

Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrem Programm?

Xu-Lackner: Wir bieten Sprachkurse für Kinder und Erwachsene an. Das Interesse ist groß: Im vergangenen Jahr hatten wir 600 Kursteilnehmer. Das zweite große Thema ist Kulturarbeit. Wir haben allein im Jahr 2011 rund 50 Veranstaltungen organisiert, zum Beispiel die Erlanger Ausstellung „Das große Lernen“ mit dem renommierten Künstler Chen Guangwu. Außerdem fördern wir Lehre und Forschung an der Uni und produzieren einmal im Monat die Sendung „China süß-sauer“ bei Radio Z.

Wie wird das Institut finanziert?

Xu-Lackner: Die Universität Erlangen-Nürnberg stellt die Räumlichkeiten kostenfrei. Die Programmkosten, also den größten Brocken, übernimmt China, zur Zeit etwa 200000 Euro pro Jahr. Außerdem arbeiten wir von Fall zu Fall mit Sponsoren zusammen. Die Unterstützung von verschiedenen Seiten sichert die unabhängige Arbeit.

Können die Institute wirklich unabhängig arbeiten?

Xu-Lackner: Bisher gab es in unserem Institut keine Einmischung. Selbst nicht bei kritischen Themen wie Religion oder Autorenkino.

Beim Stichwort China denkt man zuerst an Wirtschaftswachstum, Umweltzerstörung und Menschenrechte. Inwiefern kann das Institut ein differenzierteres China-Bild vermitteln?

Xu-Lackner: Wir sind auf einem guten Weg. Es gibt viele Probleme in China, die man kritisieren kann und kritisieren muss, aber ich vermisse hierzulande oft die Zwischentöne. Es gibt auch ganz normale Chinesen (lacht). Man muss auch das Alltagsleben zeigen. Da stelle ich große Wissenslücken bei den Deutschen fest. Aber ohne Wissen kann man sich kein Urteil erlauben. Vielen Menschen, selbst meinen eigenen Kinder, die hier aufgewachsen sind, fallen erstmal diese China-Klischees ein, alles andere wird ausgeblendet. Das Institut will die Probleme nicht leugnen, aber immer auch zeigen, dass es ein anderes China gibt. Wir können Verständnis wecken und Wissen vermitteln. Unsere Aufgabe besteht auch im übertragenen Sinn im Übersetzen.

Sind die Chinesen mehr an Europa interessiert als umgekehrt?

Xu-Lackner: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Lange betrieb man China-Forschung in Deutschland wie Käferkunde: Man forschte über die Chinesen, nicht mit ihnen. Das geht heute nicht mehr. In chinesischen Medien ist Europa tagtäglich präsent, das Allgemeinwissen über Europa ist bei der Normalbevölkerung größer als andersherum. Den Namen der Bundeskanzlerin kennt zum Beispiel fast jeder. Selbst Nürnberg ist in jedem Schulbuch zu finden – als Stadt der Lebkuchen und der Kriegsverbrecherprozesse.

Wie sehen Ihre Pläne für 2012 aus?

Xu-Lackner: Nächstes Jahr wird das 15-jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Shenzhen gefeiert. Wir schicken das Nürnberger Papiertheater nach China und holen ein Jugendorchester nach Franken. Außerdem wollen wir zum zweiten Mal ein Filmfestival in Erlangen veranstalten. Der Schwerpunkt liegt auf Dokumentationen unabhängiger Filmemacher, sie zeigen das heutige China in all seinen Facetten.
 

Interview: STEFFEN RADLMAIER

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