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So kam Galerist Alejandro Franco nach Nürnberg

Seine vier Kinder wuchsen in Franken auf - Kunstatelier mit Schmuck und Wein - 31.03.2017 10:45 Uhr

Südamerika beginnt am Nürnberger Trödelmarkt: Der Chilene Alejandro Franco führt dort mit seiner deutschen Frau seit vielen Jahren die Galerie Arauco. © Eduard Weigert


Das Haus am Trödelmarkt ist schmal wie ein Handtuch und bietet doch Platz für einen ganzen Kontinent. Die Galerie Arauco, die neben Kunst auch Schmuck und Wein bietet, hat sich längst als Treffpunkt für Lateinamerika-Liebhaber in Franken einen Namen gemacht. Viele schauen hier einfach mal auf einen Espresso vorbei. Aber auch südamerikanische Künstler schätzen Arauco als kulturellen Außenposten in Deutschland. Ein Blick in die dicken Gästebücher beweist das.

Alejandro Franco, das Herz und die Seele der Galerie, ist mit zwei jüngeren Geschwistern in Chillán aufgewachsen. Sein Vater war Polizeichef der Provinz Ñuble, die Mutter arbeitete als Musikprofessorin an der Universität von Concepción. Dort studierte Alejandro später Soziologie und Betriebswirtschaft. Ähnlich wie in Europa herrschte Ende der 60er Jahre politische Aufbruchstimmung. "Das waren andere Zeiten damals", erinnert sich der 67-Jährige, "wir haben als junge Idealisten wirklich geglaubt, dass wir die Gesellschaft zum Besseren verändern könnten."

Militärputsch 1973 betraf auch Franco

Im Herbst 1970 wurde der Sozialist Salvador Allende zum chilenischen Präsidenten gewählt. Der sozialistische Traum dauerte nicht lange. Denn die USA wollten um jeden Preis verhindern, dass dieses Beispiel in Lateinamerika Schule machte. Und mit Unterstützung der CIA gelang der Militärputsch von General Pinochet am 11. September 1973. Die Folgen waren dramatisch. Nicht nur Allende-Anhänger wurden verfolgt, sondern alle Andersdenkenden, allen voran linke Sympathisanten.

Auch Alejandro Franco, der in der Studentenbewegung aktiv war und sich im "Movimiento de Izquierda Revolucionario (MIR)" engagierte, kam ins Fadenkreuz der neuen Machthaber. Nach seinem Studium arbeitete er damals als Soziologe in der Personalabteilung eines großen Steinkohle-Konzerns mit 16.000 Mitarbeitern. 1975 wurde er eines Tages aus heiterem Himmel vom Geheimdienst zu Hause abgeholt und verhaftet. Ein Bekannter hatte Franco unter Folter denunziert.

Als politischer Häftling kam er in ein Konzentrationslager und erlebte drei Monate einen Albtraum. Allein und nackt in einer Zelle, festgeschnallt auf einem Metallbett, immer wieder gequält mit Elektroschocks, um Namen von Gesinnungsgenossen zu erpressen. "Ich hatte Schmerzen und Todesangst, aber am schlimmsten waren die Schreie der anderen Folteropfer", sagt Franco, "das und das Gefühl des Ausgeliefertseins werde ich nie im Leben vergessen."

Wieder aufgenommen von der alten Firma

Irgendwann wurde er in ein Zuchthaus verlegt, wo vergleichsweise angenehme Haftbedingungen herrschten. Genauso überraschend wie er inhaftiert worden war, wurde er eines Tages wieder entlassen. Man konnte ihm nichts nachweisen. "Ich ging wieder zurück nach Concepción und konnte sogar wieder für meine alte Firma arbeiten," erzählt Franco. Doch 1977 kamen die Schergen wieder, verwüsteten in seiner Abwesenheit die Wohnung und vergewaltigten seine damalige Frau.

Mit viel Glück gelang es dem jungen Paar danach in Santiago unterzutauchen, bis ihm mit Hilfe kirchlicher Organisationen die Flucht gelang. Wesentlichen Anteil daran hatte der deutsche Pfarrer und Menschenrechtler Heinz F. Dressel, der politisch Verfolgte vorgeblich als Stipendiaten nach Deutschland holte. Auf diese Weise gelangte Franco 1977 zuerst nach Düsseldorf und dann nach Bochum. Statt politisches Asyl zu beantragen, bemühte sich der Soziologe um ein Promotionsstipendium und bekam an der Friedrich-Alexander-Universität eine Stelle.

"Ich wusste, dass Asylbewerber schlecht angesehen waren, das wollte ich nicht", sagt Franco. Seine Doktorarbeit hat er nie abgeschlossen, aber bis heute unterrichtet er an der Wiso in Nürnberg als Spanisch-Dozent. "Anfangs dachte ich, dass ich bald wieder nach Chile zurückkehren könnte, aber Pinochet blieb ja bis 1990 an der Macht." Nur langsam wurde dem Chilenen bewusst, dass er sich auf einen längeren Aufenthalt in der Fremde einstellen musste.

Sprache als Sprungbrett

Auf Grund seiner eigenen Geschichte verfolgt er die aktuelle Flüchtlingsdebatte voller Empathie. "Anfangs fühlte auch ich mich hier völlig verloren. Dann fing ich an, Deutsch zu lernen, denn ohne Sprache kann Integration nicht funktionieren. Eigentlich habe ich mich selbst hier integriert und es nie bereut", erklärt er. "Ich bin Deutschland unendlich dankbar dafür, dass es mich damals aufgenommen hat." Und er erinnert daran, dass vor langer Zeit auch viele Deutsche nach Chile ausgewandert sind. "Vielleicht nennt man die Chilenen deshalb die Preußen von Südamerika", fügt er lachend hinzu.

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Mit Partnern gründete Franco in den 80er Jahren einen Großhandel für Lapislazuli-Steine, denn Chile ist nach Afghanistan Hauptlieferant der blauen Edelsteine. "Auf die Dauer wurde mir der Großhandel per Fax und Telefon einfach zu langweilig", sagt Franco. "Ich bin ein kommunikativer Typ und brauche Kontakt zu anderen Menschen." Das stimmt: Wer ihm begegnet, wird von seiner Herzlichkeit geradezu überrumpelt.

Im Juli 1993 eröffnete Franco mit seiner zweiten Frau Annette Bausewein die Galerie Arauco. Der Name erinnert an die Araucanos, die indigenen Ureinwohner Chiles. Das Mischkonzept mit Kunst, Schmuck und Wein aus Südamerika hat sich über die Jahre bestens bewährt.

Kleines Kulturzentrum

Zu Francos Freunden zählen auch etliche Politiker, darunter der Schriftsteller und ehemalige Botschafter Chiles in Berlin, Antonio Skármeta. Auch er war schon zu Gast in dem kleinen Kulturzentrum mit der großen Ausstrahlung. Dank des Internet ist Arauco weltweit erreichbar, die Homepage informiert über alle möglichen Aspekte Lateinamerikas.

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Längst hat der lebenslustige, weltoffene Mann aus Chile in Nürnberg seine zweite Heimat gefunden. "Meine vier Kinder sind hier aufgewachsen, ich habe viele Freunde hier. Mir geht es gut. Was will man mehr?"

Sein Vaterland ist ihm inzwischen ziemlich fremd geworden, vieles hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Außerdem kommt bei jedem Chile-Besuch die Vergangenheit wieder hoch. "Die alte Wunde schmerzt immer noch. So viele Menschen sind unter der Militärdiktatur sinnlos gestorben, aber viele der Täter leben bis heute unbehelligt. Das ist eine ähnliche Situation wie in Deutschland nach 1945."

Verbittert wirkt der Südamerikaner trotz seiner leidvollen Erfahrungen keineswegs. "Ich bin ein unverbesserlicher Optimist." Mit dem Leben im Exil hat er sich arrangiert. Und im Sommer fliegt die ganze Familie nach Chile, um den 90. Geburtstag von Francos Mutter zu feiern.

Steffen Radlmaier

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