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Tolle Musik und ihre zurückhaltenden Macher

Das Nürnberger Trio "Supergroup" begeistert mit dem Album "Vol. 4" - 17.01.2019 10:06 Uhr

Statt Bandfoto eine Zeichnung der „Supergroup“. © Foto: Alex Sticht


Es gibt nicht wenige Bands, die haben ihre Promotion-Fotos schon fertig, bevor sie den ersten Song eingeübt haben, andere verkaufen die größten Hallen aus, ohne einen physischen Tonträger in der Hinterhand. Im Social-Media-Zeitalter haben sich die Spielregeln im Musikbusiness entschieden verändert, aber eines gilt seit eh und je: Wer Erfolg will, braucht nicht nur Talent, sondern auch den Willen zur Selbstvermarktung.

Bei "Supergroup" verhält sich das alles etwas anders: Die spielen zwar bereits seit den späten Neunziger Jahren zusammen, haben gerade ihr viertes, schlicht "Vol.4" betiteltes Album auf Vinyl herausgebracht, können mir jedoch mit einem Bandfoto zur Illustration dieses Artikels leider nicht weiterhelfen. "Ich glaube, sowas haben wir nicht", sagt Gitarrist und Sänger Zattl und schaut etwas ratlos, während Drummer Alex Sticht das Textblatt aus der Albumhülle zieht und auf drei unscharfe Einzelporträts deutet. Das von Bassist Hubertus sieht so aus, als wäre es auf dem Totenbett aufgenommen. "Die sind wohl nicht so geeignet." Nein, sind sie nicht.

Nur wenige Auftritte

Auch mit Auftritten kann man kaum dienen, der einzig anstehende Live-Termin ist im September 2019 auf einem kleinen Festival in Großbellhofen, in der tiefsten fränkischen Provinz also. Nun könnte man diese selbsternannte "Supergroup" als eine von vielen alternden Hobbybands abtun, für die das wöchentliche Treffen im Proberaum eine kreativere und gesündere Alternative zu Fernsehsessel und/oder Kneipentresen darstellt — wenn die Musik, die sie fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit herausbringen, nicht so brillant wäre.

Gehen wir zurück auf Start: Ende der Neunziger Jahre gründen einige befreundete Nürnberger Musiker, darunter ehemalige oder aktive Mitglieder von Bands wie Throw That Beat In The Garbage Can, Shiny Gnomes, B' Shops oder When Skipjack Tripped, eine lose Session-Formation. Der Name "Supergroup" ist natürlich reinste Ironie, sollte selbige eben gerade keine neue Band werden.

"Wir wollten einfach Aufnahmen machen und die gleich veröffentlichen, ohne Terminvorgaben", erklärt Alex Sticht. "Und diese Veröffentlichungen sind dann auch schon der Schlusspunkt der Entwicklung. Im Grunde machen wir das nur für uns selbst."

So sind auf dem zeitgleich gegründeten Mini-Label Mikropal, welches über den nicht ganz so unbedeutenden Vertrieb Broken Silence deutschlandweit vertrieben wird, bisher vier "Supergroup"-Alben erschienen.

Vorläufiger Höhepunkt

"Vol. 4" markiert den vorläufigen Höhepunkt einer musikalischen Entwicklung, bei der schon immer viele Einflüsse in einen Topf geworfen und zu etwas eigenständig Neuem verarbeitet wurden: Sixties-Garage-, Folk-, und Psychedelic-Rock, sowie die vielfältige Independent-Szene der Achtziger Jahre haben im Supergroup-Sound von Anfang an ihre Spuren hinterlassen, doch selten klang das Songwriting so fokussiert wie bei ihrem jüngsten Streich.

Das wunderschön entspannte Instrumental "Answer" taugt mit gezupfter Akustikgitarre, Glockenspiel und schwebenden Soundspielereien hervorragend als musikalischer Aperitif, mit "The Winner" folgt gleich ein erstes Highlight: ein ruhiger, simpler Midtempo-Groove, ein verträumt murmelnder Bass, stoische Rhythmusgitarre, zart tröpfelndes E-Piano, eine genauso einfache wie eingängige Gesangsmelodie mit der weisen Zeile "What's a winner left to do but fail?" als definitiver Trost für alle Gescheiterten.

Zeitkritische Untertöne

Das flotte "Head On Wrong" kommt cool und drängend zugleich rüber, "The Devil Breaks His Heart" ist ein ultra-langsamer Soul-Blues-Schleicher mit zeitkritischen Untertönen, beim psychedelischen Funk von "Repeat" kommt gar eine afrikanische Kalimba zum Einsatz.

Man kann und muss hier nicht jeden Song abfeiern, obwohl es jeder einzelne verdient hätte: Vielfältiges Songwriting, schöne englische Texte, die in ihrer Schlichtheit manchmal an japanische Haikus erinnern, sparsame, aber sehr durchdachte, kreative Arrangements und eine warme, trockene, sehr natürliche Produktion – "Supergroup" ist ein kleines Indierock-Meisterwerk gelungen, selbstverständlich völlig absichtslos.

Fast könnte man sich ein bisschen ärgern, dass die Jungs diese tolle Musik so wenig promoten, aber vielleicht ist dies ja auch genau die richtige Haltung in diesen wichtigtuerischen Selbstdarsteller-Zeiten. "Ich finde es gut, dass man unsere Gesichter nicht sieht", sagt Alex Sticht. "Nur die Musik ist wichtig."

Aktuelle LP/Download: Supergroup, "Vol. 4" (Micropal/Broken Silence)

PETER GRUNER

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