Wo sich Daseinsfreude und Weltschmerz eng berühren

13.1.2019, 19:00 Uhr
Als Deuter von Gustav Mahler im Einsatz: Tenor Jonas Kaufmann.

Als Deuter von Gustav Mahler im Einsatz: Tenor Jonas Kaufmann. © Foto: Georg Hochmuth/dpa

Wer an Jonas Kaufmann denkt, dem kommt sicher unweigerlich dessen Liebe zu Italien, zum Belcanto und zu folkloristischer Italianità in den Sinn. Es gibt nur wenige deutsche Sänger, denen man dieses Faible authentisch abnimmt. Bei dem Münchner Tenor ist das der Fall. Mit der gleichen südländischen Daseinsfreude, Emphase und Intensität geht er auch an das "Lied von der Erde", das es von seinem vokalen Anspruch locker mit einer anspruchsvollen Opernpartie aufnimmt — zumal wenn die sechs Orchesterlieder nur ein einziger Interpret schultert.

Kaufmann vertraut dabei auf die baritonalen Qualitäten seiner Stimme, die aber doch nicht so ausgeprägt sind, als dass er die Kontraste wirklich erfüllen könnte, die Mahler mit der ursprünglichen Verteilung auf eine Alt- und eine Tenorlage beabsichtigte. Ohne Zweifel: Er ist ein dringlicher, am Detail interessierter Wortinterpret und dennoch ereilt ihn das Schicksal, das fast jeden Sänger in einer Live-Aufführung trifft. Mahlers riesenhafter Orchesteraufbau ist für unverstärkte Stimmen einfach zu mächtig, als dass man locker über die aufgetürmten Klangschichtungen hinwegsingen könnte.

Nicht, dass es keine Piano-Stellen gäbe, die dem Sänger einmal die Chance ließen, wirklich gehört zu werden. Aber sie sind im Verhältnis sehr rar gesät. Somit ist eine optimale Balance zwischen Instrumental- und Gesangspart fast nur in Studioproduktionen zu erzielen.

Weltseliger Rausch

Dennoch vermittelte Kaufmann die weltselige, dem Rausch ergebene und ganz untranszendentale Aura dieser Sinfoniekantate auf sehr zu Herzen gehende Weise. Zumal das zahlreiche, allerdings auffällig unruhige Publikum für einigermaßen ungünstige Aufführungsverhältnisse sorgte und viele entscheidende Stellen schlicht verhustete . . .

Dabei zeigte das groß besetzte Schweizer Orchester viele Qualitäten: Schon in Richard Strauss’ Tondichtung "Also sprach Zarathustra", die übrigens inhaltlich wie von ihrer Lust an sinfonischer Farbigkeit ausgezeichnet mit dem "Lied von der Erde" korrespondiert, war die Präsenz und stilistisch gefühlvolle Aneignung aller Instrumentengruppen zu bewundern. Zumal Kaufmann-Freund Jochen Rieder mit seiner großformatigen Zeichengebung wenig eigene Akzente setzte und sich mit der Koordination des Geschehens zufrieden gab.

Auch als Mahler-Orchester machten die Basler enormen Eindruck. Nie lärmend, sondern die Extremität in Lautstärke und Duktus als Suche nach der Erweiterung der Klanggrenzen deutend. Die zahlreichen Solos zeugten daneben von den individuellen Qualitäten. Nein, den Latin-Lover konnte Jonas Kaufmann hier nicht geben, sondern den chinesischen Landbewohner wie ihn sich die europäische Belle Époque sicher etwas naiv vorstellte. Das war oft grandios, nicht in allem überzeugend, wurde aber mit vielen Bravos quittiert.

ZAktuelle CD: Gustav Mahler, "Das Lied von der Erde", mit Jonas Kaufmann und den Wiener Philharmonikern; Leitung: Jonathan Nott (Sony Classical).

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