Medikament schlägt an 

Durchbruch in Erlangen: Weltweit erster Patient mit Long-Covid-Syndrom erfolgreich geheilt

2.7.2021, 15:02 Uhr
Nach einer überstandenen Corona-Infektion droht vielen Patienten das Long-Covid-Syndrom. Erlanger Ärzte haben nun erstmals einen Mann mithilfe eines Medikaments geheilt. 

Nach einer überstandenen Corona-Infektion droht vielen Patienten das Long-Covid-Syndrom. Erlanger Ärzte haben nun erstmals einen Mann mithilfe eines Medikaments geheilt.  © Jae C. Hong, dpa

„Momentan können wir leider nicht mehr Menschen mit dem Medikament behandeln, da es noch nicht alle Zulassungsstudien durchlaufen hat“, sagt Prof. Dr. Christian Mardin, leitender Oberarzt der Augenklinik. Die Ärztinnen und Ärzte hatten im Vorfeld bereits herausgefunden: Wer eine Covid-19-Infektion hinter sich hat, bei dem ist die Durchblutung der Augen auch viele Monate später noch deutlich eingeschränkt, teilt die Uniklinik mit.

Long-Covid-Medikament wird eigentlich zur Behandlung des Grünes Stars eingesetzt

Die Expertinnen und Experten vermuteten daher, dass die veränderte Durchblutung nicht nur auf das Auge begrenzt ist, sondern den gesamten Körper betrifft. Im Blut von ehemaligen Covid-19-Patienten fand das Ärzteteam Monate nach der Infektion bestimmte Eiweißstoffe, mit denen sie sich im Zusammenhang mit der Glaukom-Erkrankung - besser bekannt als Grüner Star - bereits seit vielen Jahren beschäftigen: Autoantikörper gegen G-Protein-gekoppelte Rezeptoren.

"Darunter ist zu verstehen, dass sich die per se gute Immunabwehr gegen den eigenen Körper richtet und Stoffe bildet, die schädlich sein können. Das bringt teils schwerwiegende Folgen mit sich“, erklärt Dr. Dr. Bettina Hohberger, Fachärztin der Erlanger Augenklinik. Das Team fand bei den Blutuntersuchungen heraus, dass Patienten nach einer Corona-Infektion mehrere dieser Eiweißstoffe aufweisen. „Wir kennen einen dieser Autoantikörper bereits von der Glaukom-Erkrankung und wissen von seiner schlechten Wirkung auf die Augendurchblutung“, erläutert Dr. Hohberger.

Erlanger Forscher: "Viele kleine Puzzlestücke, die für uns zusammenpassten"

Durch Kooperationspartner wussten die Erlanger Ärztinnen und Ärzte, dass es ein Präparat gibt, dass die Autoantikörper unschädlich machen kann und möglicherweise die Durchblutungsstörungen verbessert. Das Medikament wurde vor einigen Jahren speziell für Patienten mit einer schweren Herzerkrankung in eine Zulassungsstudie gebracht. „Ursprünglich wollte ich damit meinen Glaukom-Patienten helfen“, erinnert sich Dr. Hohberger. „Als wir dann die Ergebnisse sahen, die aus Kooperationsprojekten zu Long-Covid entstanden sind, waren es wie viele kleine Puzzlestücke, die für uns zusammenpassten. Es war durchaus denkbar, dass sich auch die Long-Covid-Symptomatik dadurch bessern könnte.“

Als ein langjähriger, an Glaukom erkrankter Patient des Erlanger Glaukomregisters von seinen Beschwerden nach überstandener Corona-Infektion berichtete – Geschmacksverlust, starke Konzentrationsstörungen und Abgeschlagenheit, die ihn in seinem beruflichen und privaten Leben massiv einschränkten – wollte das Team der Augenklinik ihm Hilfe anbieten. Der 59-Jährige erhielt das Präparat per Infusion und blieb drei Tage am Uni-Klinikum Erlangen. „Bereits innerhalb weniger Stunden zeigte sich eine Besserung. Bei seiner Entlassung fühlte sich unser Patient schon deutlich erholter als vor der Verabreichung und seine Autoantikörperwerte bestätigten diesen Eindruck“, schildert das Ärzteteam den Verlauf.

Long-Covid-Symptome dank Medikament verschwunden

Auch die Konzentrationsschwierigkeiten verschwanden, die Leistungsfähigkeit des 59-Jährigen stieg wieder an und der Geschmackssinn kehrte zurück. „Insgesamt hat sich die Durchblutung der Kapillaren, die wir am Auge messen können, deutlich verbessert.“ Das Team der Erlanger Augenklinik geht deshalb davon aus, dass die Long-Covid-Beschwerden des Patienten dank der verbesserten Durchblutung verschwunden sind.

Die klinische Studie mit Patienten nach einer Covid-19-Infektion soll nun weiter fortgeführt. Gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Erlanger Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin und dem Team um den Molekularmediziner Dr. Gerd Wallukat werden nun gezielt Mechanismen untersucht, die zu der eingeschränkten Durchblutung führen können und die Wirkweise des erfolgreichen Heilversuches erklären können.