Als die ,Seekuh‘ über Land zuckelte

8.11.2006, 00:00 Uhr
Zum 70. Jubiläum der „Sekundärbahn“ gab‘s einen großen Bahnhof. Foto: Archiv

Zum 70. Jubiläum der „Sekundärbahn“ gab‘s einen großen Bahnhof. Foto: Archiv

Die Dörfer waren mit Blumen und Girlanden geschmückt, die Menschen festlich gekleidet. Hochrufe und Böllerschüsse begleiteten den Dampfzug bei seiner Jungfernfahrt. Die ersten Fahrgäste: Honoratioren der Universität Erlangen, die politischen und gesellschaftlichen Spitzen der Stadt, sowie Generaldirektor Schnorr von Carolsfeld und sämtliche Leiter des gesamten bayerischen Eisenbahnwesens.

1886 rumpelte noch die Postkutsche durch die Dörfer. Die Stadt Erlangen, heute gerade mal eine knapp halbstündige Autofahrt entfernt, war weit weg. Erst fünfzig Jahre zuvor war die erste deutsche Eisenbahn, der Adler, bei seiner Jungfernfahrt zwischen Nürnberg und Fürth bejubelt worden.

Da kamen ein paar verwegene Männer auf die Idee, dass durch den Schwabachgrund eine dieser rauchenden, stinkenden und gefährlichen Dampfmaschinen rattern sollte. Um die Kosten für dieses Vorhaben möglichst gering zu halten, wurde beschlossen, so weit wie möglich die vorhandenen Straßen und Ortsdurchfahrten zu benutzen. Deshalb ist in den alten Akten auch von einer «Straßenbahn“ die Rede.

Und man verlangte, dass die «Straßenbahn“ an jeder Stelle so schnell angehalten werden kann wie ein Pferdefuhrwerk. Damals sicherlich ein vernünftiger Vorschlag, allerdings war diese geringe Geschwindigkeit letztendlich der Grund, warum die «Seku“ keine Zukunft haben konnte. Rund drei Millionen Mark hatte der Bau insgesamt gekostet, 22 Bedienstete wurden dafür eingestellt. Zahlreiche Anekdoten zeugen von der Beliebtheit der Bahn bei der Bevölkerung: So soll sie den Namen «Seekuh“ erhalten haben, weil ein Maler, der den Namen Sekundärbahn auf ein Wirtshausschild an der Strecke pinseln sollte, nicht bis Feierabend fertig geworden war. Also stand über ein Wochenende hinweg nur «Restauration zur Seku“ an der Gaststätte. Oder es wird erzählt, dass die Lokomotive häufig Schwierigkeiten am Buckenhofer Berg gehabt haben soll. Als Passagiere sie hinaufschieben wollten, soll der Zugführer die Hilfreichen angeblafft haben: «Das ist Beleidigung von Staatseigentum!“

Am 22. November 1886 wurde die Sekundärbahn für den allgemeinen Verkehr freigegeben. Haltestellen gab es in Igensdorf, Forth, Eschenau, Brand, Steinbach, Neunkirchen, Dormitz, Uttenreuth und Spardorf. Darüber hinaus gab es noch diverse Halteplätze. Die Fahrt von Gräfenberg nach Erlangen dauerte rund zwei Stunden und zwanzig Minuten. Wenn es keine Zwischenfälle gab.

Und diese gab es natürlich immer wieder. Nach einem Zusammenstoß mit einem «Straßenfahrzeug“ zwang ein Gerichtsurteil die «Seku“ dazu, dass sie an jeder vorfahrtsberechtigten Straßenkreuzung anhalten musste. Dadurch sank ihre Geschwindigkeit von zuvor schon mageren 20 Stundenkilometern auf 15 Kilometer pro Stunde.

Als auch der Autoverkehr immer mehr zunahm, wurde am 1. Mai 1961 der Abschnitt zwischen Neunkirchen am Brand und Eschenau stillgelegt, das endgültige Aus kam dann bereits zwei Jahre später. Erlangens damaliger Oberbürgermeister Heinrich Lades sprach vor den Ehrengästen, die mit schwarzen Zylindern und weißen Papierblumen gekommen waren, am 16. Februar 1963 rührende Abschiedsworte.

Heute erinnert neben einem begrünten Mittelstreifen in Erlangen und einem Radweg zwischen Neunkirchen und Kleinsendelbach, der auf der ehemaligen Trasse verläuft, nur noch der Faschingsverein Buckenhofer Seku-Narren, der sich nach der Dampfbahn benannt hat, an die ehemalige Zugverbindung. Und der alte Bahnhof in Neunkirchen wurde vom Heimat- und Trachtenverein zum Museum umgebaut.

Wer mehr über die Seekuh wissen möchte: Buch «Die Seekuh — Sekundärbahn Erlangen-Gräfenberg“ von Günther Klebes und im Internet unter http://www.fen-net.de/er/einzelthemen/seku/seku01.htm