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Chic aus der Hirschenstraße kam ganz groß in Mode

Ehemalige Textilfabrik wird jetzt zu Wohnraum umgebaut - 21.11.2013 11:00 Uhr

In der Hirschenstraße 65, direkt an den Bahngleisen, stehen das Haus und die Fabrik der Familie Mandel. Beide Gebäude werden nun umgebaut. © Hans Winckler


Fürth – eine Modestadt? Auch im Juli 1958 war das kein naheliegender Gedanke, doch zumindest in der Hirschenstraße gab es einen Ort, an dem ein Redakteur der Fürther Nachrichten ein Stück Paris entdeckt zu haben glaubte. Eine ganze Seite widmete er der florierenden Modefirma Jean Mandel, geradezu verzückt scheint er sich an den Schreibtisch gesetzt zu haben, um den Lesern von der „neuen Modestadt in Franken“ zu berichten.

Fotos zeigen das „Stamm-Mannequin Kathrin“ mit gewelltem Haar, mal im „aparten Cocktailkleid aus duftigem Nylon“, mal im trägerlosen weißen Spitzenkleid mit Petticoat: „So sieht die junge Braut von heute aus.“. Für zurückhaltendere Leserinnen hatte der Reporter einen Tipp: Wem der Halsausschnitt des Kleides „zu gewagt erscheint, hat die Möglichkeit, ihn mit einer feinen Spitzenstola zu verhüllen“.

Die Marke Adema war Ende der 50er Jahre sehr erfolgreich, was auch in den FN Niederschlag fand. © hjw


Louis Mandel, Sohn des Firmengründers und seit vielen Jahren in Kanada zu Hause, hat den alten Zeitungsartikel aufgehoben. „Wir waren die ersten, die den Petticoat nach Fürth gebracht haben“, erinnert er sich, als die FN anrufen. Sein Deutsch hat in der neuen Heimat einen Akzent bekommen, aber es geht ihm mühelos von den Lippen; er erzählt vom Vater, der damals „viele Stoffe von den USA nach Deutschland importierte“, und von der Mutter, die gerne Mode zeichnete. Nach ihr, Adele Mandel, wurde die Damenkollektion „Adema“ genannt. Die Familie Schickedanz, fällt ihm ein, war „ein großer Kunde“.

Binnen weniger Jahre, so heißt es in dem Artikel, hatte es die Firma Jean Mandel geschafft, „in der großen Konkurrenz des Welt-Modeschaffens mit an führender Stelle zu stehen“. Die Marke Adema stand demnach für „farbenfrohe, beschwingte Modelle“, die längst in alle Welt exportiert wurden.

Der Firmengründer war kein Unbekannter: Jean Mandel galt über die Grenzen der Stadt hinaus als eine führende Persönlichkeit des jüdischen Lebens. Er stammte aus einer Fürther Kaufmannsfamilie und hatte eine Lehre im väterlichen Geschäft absolviert, bevor die Familie mit polnischen Wurzeln 1938 von den Nazis nach Polen ausgewiesen wurde. Anders als sein Bruder überlebte Jean Mandel das KZ, im Sommer 1945 kehrte er in seine Geburtsstadt zurück.

In der Nachkriegszeit war Jean Mandel nicht nur die treibende Kraft beim Aufbau der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth, er organisierte auch den Aufbau des Bayerischen Landesverbands der Kultusgemeinden mit und setzte sich als Mitglied des Direktoriums des Zentralrats der Juden in Deutschland für die Verständigung von Juden und Christen ein. Für sein Engagement bekam er das Bundesverdienstkreuz. Jean Mandel, sagt Gisela Blume, die ehemalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Fürth, habe für die Kleeblattstadt ähnliche Bedeutung gehabt wie Arno Hamburger für Nürnberg.

Einige Kreative nutzten zuletzt die alten Räume als Arbeitsort. © hjw


Seine Frau Adele Mandel beschrieben die FN in jenem Juli 1958 als „weitgereist und weltgewandt“. Eines Tages habe sie den Zeichenstift in die Hand genommen, „und auf dem Papier entstanden sehr nette und verblüffend charmante Skizzen zu Kleidern und Röcken“. Rasch sei die Fachwelt angetan gewesen.

Fürth war die Heimat

50 Angestellte beschäftigten die Mandels in ihrer Fabrik in der Hirschenstraße 65, darüber hinaus halfen etwa 200 Menschen „in Kontaktbetrieben“ in der Umgebung bei der Fertigung der Kreationen. Als Student habe er während der Semesterferien die Betriebe im Landkreis abgefahren, um die Ware abzuholen, erzählt Louis Mandel.

Fürth, das sei für ihn immer „Heimat“ gewesen, auch wenn er hier nach seinem zehnten Geburtstag nicht mehr allzu viel Zeit verbrachte: Zusammen mit der jüngeren Schwester schickten ihn die Eltern ab 1957 auf ein Internat in England, die ältere Schwester ging in der Schweiz zur Schule. Nur die Ferien verbrachten die Kinder in Fürth, im Haus der Familie, das an die Textilfabrik angrenzte. Eine jüdische Schriftrolle neben dem Türrahmen, eine sogenannte Mesusa, erinnert bis heute daran, dass hier eine jüdische Familie lebte.

Anfang der 70er Jahre lief der Betrieb nicht mehr gut, erinnert sich Louis Mandel, 1974 starb der Vater. Die Fabrik wurde geschlossen. Die Mutter habe noch einige Jahre den Stoffgroßhandel der Familie fortgeführt. Die drei Kinder waren derweil im Ausland heimisch geworden.

Um die früheren Fabrikräume nicht länger leerstehen zu lassen, wurden sie in den vergangenen Jahren vermietet. Eine Messebaufirma zog ein, ein orthopädischer Schuhmacher, ein Fotostudio und eine Grafikerin.

Ein Ort für Kreative

Auch Uli Blendinger, ebenfalls Grafiker, richtete sich hier ein Büro ein: Allmählich sei in der Hirschenstraße 65 ein „kleiner Kreativpool“ entstanden, sagt er. Doch auch diese Zeit ist vorbei, die Mietverträge wurden vor kurzem gekündigt, das Grundstück wurde verkauft. „Wir konnten das nicht aus der Ferne weiterleiten“, sagt Louis Mandel. 2010 war seine Mutter Adele gestorben.

Als Käufer fand sich die Nürnberger Firma T&F. Die Projektentwickler wollen aus dem angejahrten Industriekomplex nun moderne Wohnräume machen, teils mit Loft-Charakter. Vier Stadthäuser, ein Drei-Familien-Haus und zehn Wohnungen sind geplant, dazu ein Spielplatz. Ein Teil des Komplexes soll dafür in den nächsten Tagen abgerissen werden. Zwar bleibt das Hauptgebäude stehen – der vertraute Schriftzug auf dem Dach aber wird verschwinden, wie Ferdi Güldiken von der Firma T&F auf Nachfrage bestätigte.

Erinnerungen an die Textilfabrik wird man dann noch am ehesten im Internet finden. Louis Mandel ist kürzlich über einen Blogeintrag gestolpert. Eine Frau berichtet darin von einem „wunderschönen zweiteiligen Wollkleid“ von Adema, das sie als Mädchen bekam. Auch ihr erstes Ballkleid sei von Adema gewesen: „Es war ganz aus Perlonspitze mit vielen Stufen. Darunter noch einen Petticoat – ohne den ging nichts. Ich trug es zu meinem Tanzkurs-Abschlussball und hätte traumhaft darin ausgesehen, hätte ich mir nicht die blöde Dauerwelle machen lassen.“
 

VON CLAUDIA ZIOB

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