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Mittwoch, 24.04.2019

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Den Superkommissar gibt’s nur im Krimi

Früherer Polizeichef und ein Autor verglichen im Museumsgewölbe Realität und Fiktion - 19.10.2012 19:00 Uhr

Wilfried Dietsch (links) und Josef Rauch plauderten aus dem Kriminalisten-Nähkästchen. © Brigitte Riemann


Das Ambiente im Gewölbekeller des Fürther Kriminalmuseums könnte nicht besser sein. Gerade so passen die Klappstühle für die Zuhörer in den Raum, und man fühlt sich fast wie der Teilnehmer einer eilig einberufenen Sonderkommission. Schon bei der Begrüßung hebt Wilfried Dietsch den ersten Unterschied zwischen Krimi und Realität heraus: „In den Krimis gibt es immer den Superkommissar, der alle Fälle löst, meist alleine und unter Einsatz von Leib und Leben. Bei der echten Polizei ist das immer Teamwork. Gefährliche Ermittlungen im Alleingang gibt es nicht.“

Diesen Unterschied bestätigt Josef Rauch und erklärt ihn damit, dass der Krimileser einen Helden braucht. Das sei mit den klassischen Mythen vergleichbar. Früher hießen die Helden Siegfried oder Odysseus, heute Wallander oder Brunetti. „Solche Helden gibt es bei der Kriminalpolizei in Wirklichkeit nicht“, erklärt Dietsch und beschreibt den wesentlich weniger spannenden Alltag eines Kripo-Beamten bei Mordfällen. So müssen die Leichen noch am Tatort entkleidet, ihre Körpertemperaturen gemessen und unzählige Details zur Spurensicherung bearbeitet werden. „Mit ein paar Sachen, die in Plastiktüten gesteckt werden, wie man es im Krimi immer sieht, hat die echte Erstuntersuchung eines Tatorts wenig zu tun.“ Die tatsächliche Polizeiarbeit besteht aus vielen langwierigen Untersuchungen und viel Schreibkram, erläutert der ehemalige Polizeichef.

„Wenn ich fünf Seiten über die rektale Temperaturmessung bei einer Leiche schreibe, streicht mir das jeder Verleger sofort raus“, sagt dagegen der Krimi-Autor. „Das will keiner lesen.“ Rauch beleuchtet die Geschichte des Kriminalromans und macht daraus ein kleines Quiz. Der erste Kriminalroman? „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ von Edgar Allen Poe, 1841 erschienen. Waren in den Anfangszeiten des Genres oft Amateur- oder Privatdetektive am Werk, so ermitteln heute meist gestandene Polizeikommissare. „Die Verbrechen in Kriminalromanen sind immer schlimmer geworden“, sagt Rauch; heute müsse es immer um Mord gehen, „am besten um einen Serienkiller, der besonders brutal und bizarr vorgeht“.

Solche Fälle gibt es im echten Polizeialltag zwar auch, glücklicherweise jedoch wesentlich seltener als in Büchern — aber genauso spannend, wie Wilfried Dietsch erzählt. Statt ein Taschenbuch füllen die Akten solcher Fälle dann jedoch unzählige Ordner — und nur der Abschlussbericht ähnelt wenigstens vom Umfang her der Fiktion. 

BRIGITTE RIEMANN

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