Fürther Kulturpreis 2020: Warum diese Frau ihn verdient hat

14.11.2020, 21:00 Uhr
Vermittlerin, Forscherin, Kommunikatorin: Der Erinnerungskultur widmet sich Gisela Naomi Blume seit nunmehr drei Jahrzehnten. An diesem Sonntag wird die gebürtige Saarländerin 82 Jahre alt - und hätte im Kulturforum den Kulturpreis der Stadt Fürth 2020 entgegengenommen. Die Pandemie zwingt heuer jedoch zur Absage des Festakts und zu einer alternativen Form der Würdigung (siehe unten).

Vermittlerin, Forscherin, Kommunikatorin: Der Erinnerungskultur widmet sich Gisela Naomi Blume seit nunmehr drei Jahrzehnten. An diesem Sonntag wird die gebürtige Saarländerin 82 Jahre alt - und hätte im Kulturforum den Kulturpreis der Stadt Fürth 2020 entgegengenommen. Die Pandemie zwingt heuer jedoch zur Absage des Festakts und zu einer alternativen Form der Würdigung (siehe unten). © Hans-Joachim Winckler

"Zuerst konnte ich mich gar nicht freuen", sagt Gisela Naomi Blume. "Ich dachte, diese Ehre ist doch eine Nummer zu groß für mich, da gehöre ich nicht hin."

Dann sei ihr der Gedanke gekommen, dass "Erinnern auch ein Teil von Kultur" ist. "Und ab da kam langsam Freude in mir auf." Die offizielle Verleihung musste vorerst abgesagt werden. Dem zunächst für Sonntag geplanten Treffen im Kulturforum inklusive Online-Live-Stream schoben die Regeln des"Lockdown light" einen Riegel vor.

Gisela Naomi Blume wird dafür ausgezeichnet, dass sie das Vergessen aufhält. Mit ihrer beispiellosen Arbeit hat sie Leben, Schicksale und Familienverbindungen der Fürther Juden über einen Zeitraum von gut 350 Jahren dokumentiert. Dank ihres Wirkens erinnern Memorbuch und Mahnmal an die mehr als tausend Fürther jüdischen Glaubens, die während der NS-Diktatur zwischen 1933 und 1945 ihr Leben verloren.

In Santiago de Compostela begann alles

Während ihrer Zeit als Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde gelang es Blume unter anderem auch, die nötigen Spenden für die drängende Sanierung der maroden Halle auf dem Neuen Jüdischen Friedhof zu sammeln.

Wo ihr Weg zu diesem umfassenden Engagement begann? "Eigentlich war das in Santiago de Compostela", erinnert sich die unermüdlich Engagierte, die am Sonntag ihren 82. Geburtstag feiert. Nach dem frühen Tod ihres Mann mit erst 45 Jahren konnte und wollte sie "nicht weitermachen, als sei nichts geschehen". Sie war auf der Suche nach "etwas Sinnvollem".

Ohne dass sie es zunächst ahnte, fiel die Entscheidung 1990 bei einer Studienfahrt nach Galicien. "Ein Mitreisender aus Westfalen hat damals von seinen Forschungsarbeiten über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in seiner Heimatstadt erzählt. Ich dachte, aus Fürth weiß ich gar nichts darüber." Deshalb meldete sie sich zu einer Führung mit der langjährigen Stadtheimatpflegerin Barbara Ohm über den Alten Jüdischen Friedhof an.


Nie wieder Auschwitz


Es war ein erster Besuch, dem unzählige weitere folgten. Auf dem Friedhof am Rande der Altstadt wurden ab 1607 bis 1936 etwa 20 000 Menschen beerdigt. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden zahlreiche Gräber geschändet, heute sind noch etwa 6500 Grabsteine erhalten.

Gisela Naomi Blume begann, die verwitterten und überwachsenen Male zu dokumentieren und zu fotografieren. "Ich begriff, dass diese Arbeit Besuchern helfen kann, die Gräber ihrer Vorfahren zu finden." Unterstützung bekam sie von einer jungen Israelin, die die hebräischen Inschriften entzifferte und übertrug.

Darüber hinaus forschte Blume erfolgreich in alten Registern oder Meldebögen sowie weltweit in Archiven nach Lebensdaten, Biografien, Verwandtschaftsverhältnissen und Adressen. "Manche jüdischen Familien lebten über sechs bis sieben Generationen in Fürth." Ihre aufwändige Recherche mündete 2007 in einem Buch über den alten Friedhof an der Schlehenstraße und einer Datenbank mit den Namen von mehr als 15 000 Fürther Juden aus den vergangenen 300 Jahren. "Das ist ein Schatz, den wohl kaum eine andere Stadt besitzt", erklärte Oberbürgermeister Thomas Jung, als die Stadt ihr 2011 das Goldene Kleeblatt verlieh.

Bonbonfabrik in der Gebhardtstraße

Zur Welt kam die neue Kulturpreisträgerin – sie folgt auf Kabarettist Matthias Egersdörfer, dem die Ehre 2018 widerfuhr, und ist seit 1970 die 14. auf der Namensliste – als Gisela Hussong im Saarland. Von dort stammte ihr Vater. Nach seinem Tod mit 32 Jahren im Zweiten Weltkrieg zog die Mutter, eine Fürtherin, mit ihren vier Kindern zurück nach Franken und übernahm gemeinsam mit ihrer Schwester das Familienunternehmen: eine Bonbonfabrik in der Gebhardtstraße.

Gisela will Medizin studieren, dem Vorbild des Vaters als Ärztin folgen. "Doch bei vier Kindern ging das nicht." Sie wird Technische Zeichnerin und macht zudem eine Ausbildung als Sanitäterin: "Das war sehr hilfreich, als ich Witwe wurde, weil ich in dieser prekären Situation mit einer zunächst sehr kleinen Rente im ärztlichen Notfalldienst arbeiten konnte, um unsere Tochter und mich zu versorgen."

Der Klang der Gebete

Religion und Glaube seien ihr in dieser Phase ihres Leben aus verschiedenen Gründen relativ fern gewesen. Als Kind hatten die Eltern ihr Freiheit gewährt: "Meine Schwester, meine Brüder und ich wurden nicht getauft, wir sollten uns selbst entscheiden." Deshalb durften sie erst den katholischen und anschließend den evangelischen Religionsunterricht besuchen. "Dann sagte ich, dass ich evangelisch werden will."

Viele Jahre später wuchs bei ihr mit der Arbeit auf dem Jüdischen Friedhof das Interesse am Judentum, und sie besuchte zum ersten Mal die Synagoge: "Ich war sofort von dem Raum fasziniert und habe gespürt, dass der Klang der Gebete bei mir etwas im Innersten anrührt."

Allmählich sei sie in den Glauben hineingewachsen. Die Konversion, also der Übertritt zum Judentum, folgt strengen Regeln. "Man lernt zuvor erst einmal sehr viel, die Speisegesetze zum Beispiel, die Feiertage und ein Minimum an Hebräisch, damit man den Gebeten folgen kann." Eine Prüfung schließt die Jahre der Vorbereitung ab. "Meine Prüfung hatte ich 2002 vor dem Hauptrabbinat in Jerusalem." Damals wurde Gisela zu Naomi.


Steine statt Blumen: Das unterscheidet einen jüdischen von einem christlichen Friedhof


Es war eine Entscheidung, die einen bedeutenden Teil ihres Lebens definiert. "Das gehört zu mir", sagt sie. "Ich fühle mich als Jüdin und möchte auf dem Neuen Jüdischen Friedhof beerdigt werden." Ihr Buch über diesen Friedhof erschien 2019.

Wenn sie auf ihre Arbeit schaut, dann ist sie dankbar für "die weite Ausstrahlung und die Resonanz aus aller Welt", die ihr Einsatz hervorrief. "Was den Menschen in der Shoah angetan wurde, bleibt. Die Erinnerung nimmt keiner ab. Mein Bestreben war, heute ein positives Zeichen zu setzen." Abgeschlossen hat sie ihre Aufgabe nicht, nach wie vor ist sie aktiv, fotografiert, hat Pläne. "Ein jüdischer Geburtstagswunsch heißt: Mögest du 120 Jahre alt werden. Ich denke, ich müsste 130 werden, um alles fertig zu machen."

 

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