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Mit Aussteigern unterwegs ins Glück

„Wie es euch gefällt“: Markus Nondorfs lockere Shakespeare-Inszenierung im Rathaushof - 02.08.2015 11:00 Uhr

Verbannt: Die drei Protagonisten (v. li.) Rosalinde (Varvara Imas), Hofnarr Probstein (Karsten Kunde) und Celia (Sarah Adler) haben am Hof gründlich verspielt. © Foto: Tim Händel


Shakespeare gilt ja - neben Sophokles und Euripides – als der Tragödiendichter schlechthin. Da wird gemordet, gedarbt, intrigiert – und wer sich einen Hauch von schlechtem Gewissen bewahrt, wird von eben diesem gefressen. Doch Shakespeare kann auch ganz anders. Man kann herzhaft über „Der Widerspenstigen Zähmung“ lachen, sich vom „Sommernachtstraum“ verzaubern oder sich vom „Sturm“ intellektuell durchblasen lassen. „Wie es euch gefällt“ gilt eher als komödiantisches Leichtgewicht, was sowohl an den undurchsichtigen Intrigen wie an der wunderbaren Auflösung der Konflikte liegt.

Dabei ist eigentlich alles bereitet für ein blutiges Königsdrama: Wir haben zwei feindliche Brüder, dazu einen Herrscher, der um seinen unrechtmäßig ergriffenen Thron fürchtet, denn der vertriebene Gegner sinnt im Wald auf Rache. Obendrein zwei junge Damen – Celia und Rosalinde –, die einander eigentlich spinnefeind sein müssten, jedoch in Liebe zugetan sind. Dazu ein Hofnarr, der alles mit ätzenden Kommentaren übergießt. Gleich im ersten Akt kracht es, die Mädels ziehen in die Verbannung, und nehmen den Hofnarren gleich mit wie bei König Lear.

Entspannte Atmosphäre

 Doch was geschieht dann? Im Ardenner Wald pfeift kein kalter Wind, da säuseln linde Lüftlein, von Machtgier keine Spur, hier lässt man fünfe gerade sein, hat immer genug zum Futtern und viel Zeit für diverse Liebeleien. Die einzige Komplikation ergibt sich darin, dass Rosalinde sich als Bursch ausgibt, weshalb wollüstige Schäferinnen ihr nachstellen, und der junge Held Orlando, der Rosalinde liebt (aber diese in ihrer Verkleidung nicht erkennt), vom schmucken Schäfer mehr als leicht irritiert wird. Wenn man dann noch bedenkt, dass zu Shakespeares Zeiten hübsche junge Männer die Frauenrollen spielten, und hier die Frau nun in eine Hosenrolle schlüpft, dann ist die Genderverwirrung komplett.

Kurz und gut: Das Publikum muss ein gerüttelt Maß an Unwahrscheinlichkeiten durchgehen lassen, wenn es nach dem dramatischen Auftakt auf die friedliche Schiene umschwenken soll. Doch genau diese Schiene fährt TKKG-Regisseur Markus Nondorf gnadenlos aus. Seine Vertriebenen sind Hippies und Aussteiger. Freilich keine Aussteiger unserer Tage, sondern deren Eltern, alle im Look der späten sechziger und frühen siebziger Jahre gewandet. Vom Band tönen die Beatles, die verbannte Herzogin stolziert in Netzstrumpfhose und Sgt. Pepper-Uniform, Seifenblasen schweben über den Hof, Rebellen fläzen sich im Strandkorb, und überhaupt ist alles so schön bunt hier.

Sparsames Bühnenbild

Dabei kommt das Bühnenbild extrem sparsam rüber, für den Ardenner Wald reicht neben dem Rathausbaum ein Nato-Tarnnetz. Der Clou an der Kostümierung: Sie wirkt derart museal und antiquiert, wie die bürgerlichen Zerrbilder über Hippies im Englischen Garten in der 45 Jahre alten Serie „Der Kommissar“. Was einst vielleicht eine Alternative bot, ist selbst längst in die Sphäre der Nostalgie entrückt. Wer über die einstige Enttäuschung seiner Ideale hinweggekommen ist, der darf nun umso herzlicher lachen. Shakespeares Arkadien ist kein Raum, der in einer mythischen Zeit angesiedelt ist, sondern in unseren Jugendsünden. Und da darf nun jeder sich geben, wie er mag.

Hochseriöser Narr

Varvara Imas sprengt die Rolle der schicksalhadernden Rosalinde und erblüht als burschikoser Ganymed im Cowboyhemd mit oranger Hose und grünen Stiefeln. Ihr eigentliches Pendant gibt Karsten Kunde als Hofnarr Probstein. Der wiederum unterläuft die Erwartungshaltung des buntscheckigen Spaßmachers, tritt in schwarzem Anzug mit Fliege hochseriös auf und liefert sich mit dem Berufsmelancholiker Jacques (Tilman Goerttler) hochergötzliche Wortgefechte.

Am Ende findet jedes Paar (fünf an der Zahl) zueinander, und wenn sogar die Schurken sich eines Besseren besinnen, dann durch das gute Zureden eines heiligen Einsiedlers. Markus Nondorf liefert selbst dafür eine einleuchtende Erklärung: Der geläuterte Herzog (Martin Motier) geht nicht in Sack und Asche, sondern als Bhagwanjünger in Nachthemd und Mala-Kette. „All you need is Love“, erschallt der Schlusschor. Dann geht das Licht an. Und vom Band tönt „Im Garten eines Kraken“, die Verballhornung von „Octopus’s Garden“ aus der Sesamstraße. Herzlich willkommen in der Wirklichkeit. 

REINHARD KALB

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