"Wollen unseren Freund zurück": Fürther Schüler protestieren gegen Abschiebung

Birgit Heidingsfelder
Birgit Heidingsfelder

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18.2.2021, 20:10 Uhr

© Ron Hübner

Vladyslav V. hat die zwölfte Klasse der Fachober- und Berufsoberschule in der Amalienstraße besucht. Er war im Begriff, an der FOS sein Fachabitur zu machen, wollte Elektrotechniker oder Elektroniker werden. Doch am 29. Januar habe die Bundesrepublik Deutschland, so klagen Mitschüler, "Vlad", seine Eltern und seine Brüder – sie sind elf und drei – in einer "Nacht- und Nebel-Aktion" zurück in die Ukraine verfrachtet.

Um 5.12 Uhr schrieb Vlad an jenem Tag aus dem Flugzeug im Klassenchat, dass er seine Mitschüler nie vergessen werde. "Ich bin sehr frohlich, dass ich mit Ihnen gelernt", teilte er in angestrengtem Deutsch mit. Und flankiert von betrübten Emojis schrieb er weiter: "Ich wurde deportiert ohne Bescheid." Die Polizei habe ihn und seine Familie um 3 Uhr nachts aufgefordert, zu packen.

Vladyslav V. galt als bestens integriert

Klassenkameraden, Lehrkräfte und Bekannte reagierten bestürzt. Sie beschreiben Vladyslav V., der mit seiner Familie seit 2015 in Fürth lebte, als "sehr beliebten" und bestens integrierten Schüler. Wegen einer Hörschädigung sei er fast taub gewesen, sagt ein Lehrer. Doch sei der junge Mann "auffallend fleißig, engagiert und entschlossen" gewesen.

Mitschüler berichten, Vlad oder Slava, wie sie ihn auch nennen, habe geholfen, wo er konnte. Noch vor Corona habe er ehrenamtlich kleine Kinder betreut. Und während der Pandemie habe er für alte Leute eingekauft.

Kein Glück mit dem Asylantrag

Rechtsanwältin Alla Schäfer zufolge hatte die Familie V. mit ihrem Antrag auf Asyl 2015 kein Glück. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge habe das Gesuch 2017 abgelehnt. Vladyslav V. klagte gegen den Bescheid, biss beim Verwaltungsgericht aber auf Granit. Nein hieß es 2019 aus Ansbach.

Laut Schäfer stellte er daraufhin bei der Fürther Ausländerbehörde Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis für gut integrierte Jugendliche. Auch ohne Erfolg. Zwar habe ihm die Behörde die Bewilligung zunächst in Aussicht gestellt, dann aber eine Kehrtwende vollzogen.

Im September 2020 kam ein ablehnender Bescheid. "Die Voraussetzungen waren nicht erfüllt", sagt Behördenleiterin Olga Wittliff. Weil der Schüler damit als "vollziehbar ausreisepflichtig" galt, so Wittliff, war von nun an nicht mehr die Stadt, sondern die Zentrale Ausländerbehörde bei der Bezirksregierung zuständig.

Aussetzung der Abschiebung

Unterstützt von seiner Anwältin klagte Vladyslav V. beim Verwaltungsgericht Ansbach und begründete dies "unter anderem mit dem nicht nachvollziehbaren Vorgehen der Fürther Ausländerbehörde". Zugleich stellte er Eilantrag auf eine Aussetzung seiner Abschiebung. Diesen lehnte Ansbach ab. Obwohl im Fall von Vladyslav V. noch Urteile aus Ansbach und vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ausstehen, wurden er und seine Familie am 29. Januar abgeschoben.

Linke drängen auf Rückholung

Fürths Linke drängen den Stadtrat nun dazu, das zu verurteilen. Er solle auch auf einer sofortigen Rückholung der Familie bestehen. Wegen der Pandemie sei es unverantwortlich, Menschen in ein Risikogebiet auszuweisen, sagen sie einerseits und verweisen andererseits auf einen Stadtratsbeschluss von 2018.

Das Gremium hatte sich damals vor dem Hintergrund eines Nürnberger Abschiebeversuchs, der bundesweit für Furore sorgte, gegen Abschiebungen während des Schulbesuchs oder der Ausbildung ausgesprochen. Eine Aussage, die Niklas Haupt (Linke) nicht nur auf den konkreten Unterricht bezieht, sondern auf die ganze Zeitspanne einer Ausbildung.

Fall von Asef N. erregte Aufsehen

2017 hatte die Polizei den abgelehnten Asylbewerber Asef N. direkt in einer Nürnberger Berufsschule abholen wollen.Hunderte Menschen, vorwiegend Schüler, boykottierten das mit Sitzblockaden. Es kam zu Tumulten. 2019 kehrte Asef N. freiwillig nach Kabul zurück.

Unabhängig davon, ob die Abschiebung von "Vlad" aus Fürth juristisch korrekt war oder nicht: Seine Mitschüler empfinden einen "freundlichen Menschen" wie ihn als "Musterbeispiel eines Migranten" und als "Vorbild für andere". "Wir wollen unseren Freund zurück", riefen sie auf der Kleinen Freiheit und appellierten an den Staat: "Holt ihn bitte wieder ins Land."