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Dittenheimer fuhr mit dem Liegedreirad nach Italien

"Entschleunigungstour" von Wolfgang Moog führt bis an die Amalfiküste - 28.10.2018 08:02 Uhr

Das darf bei einem Aufenthalt in der ewigen Stadt nicht fehlen: Eine Selfie vor dem Kolosseum. Auch Wolfgang Moog aus Dittenheim konnte dem berühmten Motiv in Rom nicht wiederstehen. © Wolfgang Moog


Es sind kleine Naturbegegnungen wie diese, die Wolfgang Moog – der Mann auf dem Liegedreirad – von seiner großen Reise mitgebracht hat und lange wertschätzen wird. Dabei fehlte es auf seiner Route wahrlich nicht an riesigen Attraktionen, auf die er blicken konnte: Alpen, Adria und Amalfiküste, das Kolosseum in Rom und das Amphitheater im kroatischen Pula, die Ruinenstadt von Pompeji am Fuße des Vesuv oder der Domplatz von Salzburg.

Doch was sich per Auto, Zug und Flieger ziemlich entspannt abklappern lässt, war für den Drucker aus Dittenheim, der 38 Jahre bei der Druckerei Emmy Riedel in Gunzenhausen arbeitete und zum 1. April dieses Jahres in Rente ging, "ein Gradmesser dessen, was ich noch leisten kann". Die Strecke von Bayern über Österreich, Slowenien und Kroatien nach Italien bewältigte der 63-Jährige nämlich auf dem Drahtesel.

Genauer gesagt: auf einem zum Pedelec nachgerüsteten Trike, das Moog mit verschiedenen Gesundheitsbeeinträchtigungen besser benutzen kann als ein herkömmliches Rad. Stattliche 80 Kilogramm wog sein Gespann aus Fahrzeug und Anhänger; im Gepäck unter anderem Zelt und Schlafsack, Kleidung und Kochgeschirr, Tablet und Kameras, eine Landkarte und zwei E-Bike-Akkus sowie ein Schlafapnoe-Gerät samt Kabeltrommel.

So beladen begann am Morgen des 15. Mai die seit 2017 akribisch ausgetüfelte "Entschleunigungstour" des Neu-Rentners mit dem markanten weißen Vollbart. Frei nach dem Motto "Ich bin dann mal weg" nahm er Abschied von Ehefrau Ulli – die hinter dem Vorhaben stand, denn: "Wann, wenn nicht jetzt?" – und rollte von konzertierenden Grillen begleitet los in Richtung Süden.

Kein Quartier in München

Sehr hilfsbereit und begeistert von Moogs Gefährt waren diese „Genussradler“ aus Österreich. © Wolfgang Moog


Bereits in Bayern kämpft Moog gegen Widrigkeiten. Er findet wegen einer Messe in München kein Quartier in der Hallertau, Regen überzieht ihn bis hinter Landshut, und seine "Mimosenschaltung" zickt herum. Es gibt jedoch nette Entschädigung: Der fahrende Franke erregt in jedem Land Aufmerksamkeit, immer wieder grüßen ihn andere Verkehrsteilnehmer, fachsimpeln mit ihm über die Route oder bitten um Selfies mit dem ungewöhnlichen Radgespann.

Es mangelt außerdem nicht an kostenlos gereichten Erfrischungsgetränken, helfenden Händen an Hindernissen, kurzzeitig vorausfahrenden Lotsen. Auf dem "Stiefel" sind es gleich dreimal Ferrari-Cabrio-Insassen, die sich fasziniert zeigen. Nicht ganz unschuldig am Interesse sind vermutlich die Fahnen. Die deutsche, bayerische und fränkische – später noch die kroatische und italienische – flattern bunt an Moogs Wimpelstange und fallen Einwohnern und Exilfranken auf weite Distanz auf.

An der Salzachbrücke zwischen Laufen und Oberndorf kommt es zum ersten Grenzübertritt, und Salzburg wird nächstes Etappenziel. Hier lauscht Moog an Pfingsten dem gewaltigen Glockenschlag der Domkirche, um kurz darauf festzustellen, dass er in einem 800 Jahre alten Gasthaus in Laufen einen Akku vergessen hat. Bergan braucht er auf dem extra-schweren Liegerad meist Elektro-Power – also Umkehr, um die Speicherzelle zu holen.

Karlbad noch nicht geöffnet

Als der Ruheständler zum zweiten Mal die Mozartstadt passiert, streicht er schweren Herzens einen Reiseabschnitt: Ursprünglich wollte er zum Karlbad in den Ostalpen und ins ungarische Héviz, um seiner Gesundheit in den beiden Heilquellen etwas Gutes zu tun. Aber das Karlbad öffnet erst im Juli, und er zweigt direkt nach Süden ab.

Hoch oben in Bad Gastein bewundert er das Naturspektakel des durch den Ort stürzenden Wasserfalls. Weil es im Gebirge selbst im Sommer nachts frisch wird, schläft der Radwanderer in Österreich bevorzugt in Gasthöfen. Hotels wählt er nur ausnahmsweise; die Rente bestimmt das Budget. Am liebsten sind ihm deshalb günstige Herbergen und vor allem Campingplätze.

Zwangloser Kontakt

Letztere bedeuten zwar ein Plus an Ausrüstung, dafür mag Wolfgang Moog am Zelten die "andere Atmosphäre" und den zwanglosen Kontakt mit den übrigen Urlaubern. Tatsächlich wird er häufig von wissensdurstigen Mitcampern auf einen Kaffee eingeladen, und gegen Sprachbarrieren weiß er ein einfaches Mittel: "Hände und Füße sind international."

Mit der Tauernschleuse gelangt er nach Kärnten, überquert die Drau, wenig später die Grenze zu Italien und befährt eine Weile den Alpe-Adria-Radweg. Zwischen Udine und Triest entdeckt er in einem Naturreservat wilde Flamingos und vergisst vor lauter Staunen das Fotografieren. Dann erreicht der Franke in der Fremde den slowenischen Teil der Halbinsel Istrien. Nach einer halsbrecherischen Abfahrt – nicht die einzige, denn sein Anhänger hat keine externen Bremsen – erfreut er sich im schmucken Piran an landestypischer Küche: gefüllte Tintenfische.

Bei zunehmender Hitze geht es anschließend durch das Küstengebiet von Kroatien. Der 63-Jährige genießt die schroffe und gleichzeitig schöne Gegend, den Umbra-Ton der Erde, Olivenhaine. Er erkundet das antike Pula, findet fjordartige Buchten, hüpft über die Inseln Cres, Krk, Rab und Pag, um die abenteuerliche Küstenstraße des Festlandes zu meiden. Und badet natürlich im Meer.

Auf seiner langen Tour durch Italien musste Wolfgang Moog mit seinem Liegedreirad teils auf katastrophale Pisten fahren. Und dann stieß er wieder ganz unverhofft auf richtig komfortable Abschnitte wie diese Schrägseilbrücke für Radler und Fußgänger in Pescara. © Wolfgang Moog


Nicht ohne Grund hat er den Schlenker in das ehemalige Jugoslawien in seine Tour eingebaut. Vor vielen Jahren betätigte er sich hier als Entwicklungshelfer, bereiste den Balkan außerdem mit den Handballern des TV Gunzenhausen. "Das Wasser in Kroatien vergisst man nie", sagt Moog, und so reifte die Idee, im Rentenalter hierher zurückzukehren und vor allem die Hafenorte durch die Langsamkeit des Radreisens neu zu entdecken.

In gemäßigtem Tempo

Das "Sightseeing" auf dem Trike sei ein bisschen wie mit dem Bus, man treibe in gemäßigtem Tempo vorbei und sauge viele Eindrücke in sich auf. Dabei reduziere man sich nicht nur beim Gepäck auf das Wesentliche und lebe vollkommen in der Gegenwart: "Es dauert keine 24 Stunden, und alles andere ist weg", betont Moog und meint damit hauptsächlich den Alltagsstress.

Weil Familie Moog ihren Urlaub oft radelnd in Italien verbracht hat – Tochter Luisa war als kleines Mädchen dank Tandemstange von Anfang an dabei –, zieht es ihn nicht zuletzt wieder in das Land, wo die Zitronen blühen. So entscheidet er sich in Split, wo ihm insbesondere die Armut der älteren Bevölkerung auffällt, gegen das kraftraubende Etappenziel Dubrovnik und schifft sich nach Ancona ein. Grandiose Farben am Abend- und Morgenhimmel umrahmen die nächtliche Adria-Überquerung, die durch ein siegreiches Spiel Kroatiens bei der Fußball-WM etwas schlaflos gerät. Die Staatsstraße 16 führt Moog in Italien von der Region Marken bis nach Apulien. Kurz vor Bari, im tiefsten Süden, treten unvermittelt vier Personen auf den Radweg und sprechen ihn an: "Edz soong’S amol, sin Sie den ganzn Weech do her middn Fahrrad gfahrn? Und Sie ham ka Fernsehdiehm dabei?" Über eine Stunde plaudern der Mann aus "Dittna" – eigentlich ein gebürtiger Zirndorfer – und die Leute aus Nürnberg miteinander.

Neugierige Menschentrauben

Auch bei den Einheimischen hagelt es positive Reaktionen. Den Liegeradler aus Germania belagern Frauen mit Selfiesticks, Rennradler, Vespa-, Motorrad- und Kehrmaschinen-Fahrer, neugierige Menschentrauben. Inzwischen hat er sein "Logbuch" auf dem Smartphone ins Italienische übertragen lassen, um nicht dauernd mühsam erklären zu müssen, wo er schon war und was ihn antreibt.

Zugleich beginnen sich die Ärgernisse zu häufen: Straßen voller Schlaglöcher und Müll, ständige Reifenpannen, ein nicht immer verlässliches Navi, dauernd steile Anstiege, Umwege und Gegenwind sowie die Gluthitze, die den Akkus nicht gut tut. Und zu allem Überfluss eine gebrochene Deichsel am Anhänger, die in einer Autowerkstatt gratis repariert wird.

Doch Wolfgang Moog lässt sich seinen Trip einstweilen nicht vermiesen. Er strampelt an malerischen Bergdörfern vorbei, zeltet am Meer, verinnerlicht für Einkäufe die Siesta-Zeiten, gerät zufällig in eine Wein- und Grappa-Probe und gibt sich originalem Piazza-Flair hin. Nachdem er am Golf von Tarent entlanggefahren ist, erreicht er die Westküste Italiens. Dort hält er sich am 8. Juli, als in Gunzenhausen das Stadtradeln startet, in Kampanien auf und trägt ab sofort seine Kilometer im Internet ein.

Nachhaltig beeindruckt ist der Radwanderer von den nun folgenden UNESCO-Weltkulturerbestätten Paestum, Pompeji und Rom. In der Ewigen Stadt muss er sich zusätzlich zu Engelsburg und Co. allerdings auf den hektischen Verkehr konzentrieren und hat keine andere Wahl, als die kaltschnäuzige Fahrweise der Bewohner zu übernehmen.

Dann bricht auf dem Weg nach Manciano in der toskanischen Maremma erneut die Anhängerdeichsel. Die Reparatur mit Kabelbindern und Panzerklebeband ist notdürftig. Moog dämmert, dass nach all den Zweifeln, die ihn bereits länger beschleichen, jetzt tatsächlich das Ende seiner Reise gekommen ist. Die Deichsel, die chronisch überforderten Akkus, die hügelige, dünn besiedelte Gegend, die ihn bis Siena erwartet – all dies sind ihm zu viele Unsicherheitsfaktoren.

Schweißtreibender Abstecher

Er unternimmt noch einen schweißtreibenden Abstecher zur Schwefelquelle von Saturnia, die ein würdiger Ersatz für den gestrichenen Besuch im Karlbad und in Héviz ist. Anschließend ruft er, da er sein Trike-Gespann nicht mit der Bahn transportieren kann, wie für den Fall der Fälle vereinbart seine Tochter an und lässt sich von ihr mit dem Auto abholen.

Sonnengeküsst, zehn Kilo leichter, mit 3500 Radkilometern in den Knochen und um viele kostbare Erfahrungen reicher kehrt Wolfgang Moog am 1. August nach zweieinhalb Monaten heim. Das mit dem Entschleunigen ist ihm trotz des vorzeitigen Abbruchs und aller Mühen vollauf geglückt. 

KRISTY HUSZ

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