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Hochkarätiges Gegenprogramm

Mitglieder des Painistenclubs München und Florian Prey zu Gast beim Kunstforum - 19.10.2016 12:01 Uhr

Nicht nur Musik, auch Literatur wurde in der Stadthalle geboten: Florian Prey liest aus „Dr. Faustus“. © Kristy Husz


Zur besten Sonntagskrimizeit hatte Holger Pütz-von Fabeck im Namen des Kunstforums Fränkisches Seenland an den „Tatort Stadthalle“ geladen, und etliche Freunde gehobener Unterhaltungskunst wurden damit im Drittelsaal „Opfer“ eines hochkarätigen Gegenprogramms zum klassischen Fernsehabend. Die Tatwaffe: Musik und Literatur von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Peter Härtling sowie Thomas Mann. Auf der Anklagebank: drei Mitglieder des Pianistenclubs München und der renommierte Bariton Florian Prey.

Der 2. Vorsitzende des Kunstforums hat nicht zu viel versprochen. Die vier Ausnahmekünstler aus der Landeshauptstadt mit ihrer von dem Musikprofessor Thomas Gropper konzipierten Verknüpfung von Tastenklängen, Lied und Weltliteratur sind tatsächlich ein hörens- und sehenswertes Highlight der aktuellen Veranstaltungssaison im städtischen Theaterhaus. Los geht es mit Franz Schubert (1797-1828) und drei Stücken aus seiner ersten Impromptu-Sammlung (D 899, op. 90). Diese beliebten und eingängigen Werke aus dem Jahr 1827, die sich postum schnell zum festen Bestandteil bürgerlicher Salons mauserten, sind bei Heiko Stralendorff am Feurich-Flügel in idealen Händen.

Gefühlvoll widmet sich der in England als Sohn deutscher Musiker-Eltern geborene Pianist den perlend herabrieselnden Tonkaskaden des Mitbegründers der romantischen Musik, und das ganz ohne Notenblätter. Unmittelbar darauf rezitiert Florian Prey aus der Romanbiografie „Schubert“ des Erfolgsschriftstellers und Romantik-Kenners Peter Härtling (geboren 1933) und nimmt sein Publikum im klaren und lebhaften Vortrag mit in das Wien des frühen 19. Jahrhunderts. Die unstete Wohnsituation des jung verstorbenen österreichischen Komponisten, die einflussreichen Künstlerzirkel und von wüstem Kater begleiteten „Schubertiaden“, die beginnende „Lichtspur von Ruhm“, der zu leidenschaftlichen Liedern inspirierende Blick in den Sternenhimmel – all dies zeichnet sich deutlich vor dem inneren Auge der Zuhörer ab.

Megumi Bertram aus Japan nahm sich des erhabenen und fesselnden Werks Beethovens am Flügel an. © Kristy Husz


Passend dazu intoniert der international bekannte Opernsänger sogleich vier der über 600 von Schubert verfassten Lieder, und Sylvia Dankesreiter, die ihr öffentliches Debüt bereits im zarten Alter von sieben Jahren feierte, begleitet ihn flink fließend, doch angenehm unprätentiös auf dem Klavier. Inbrunst und Harmonie, diese Formel trägt verlässlich „Die Sterne“, „Frühlingsglaube“, „Auf der Bruck“ und besonders „Alinde“, wie der Zwischenapplaus verrät.

Wenn man allerdings von den Anfängen romantischer Musik spricht, dann muss natürlich auch ein anderes Genie erwähnt werden, das es nach Wien zog und für das Schubert tiefen Respekt empfand: Ludwig van Beethoven (1770 - 1827).

Als lupenreinen „Heavy Metal“ kündigt Pütz-von Fabeck den dem Meister aus Bonn gehörenden Part nach der Pause an, und mit Preys Lesung aus dem Roman „Doktor Faustus“ des Literaturtitans Thomas Mann (1875 - 1955) ist die perfekte Hinführung zur schwergewichtigen Kost gefunden. In einer für Mann typischen, von feinem Humor durchwobenen, aber hintergründigen Passage wird geschildert, wie der Musiklehrer Wendell Kretzschmar Beethovens letzte Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 spielt und stotternd erklärt, warum sie keinen dritten Satz habe.

Bei der sich anschließenden Aufführung des Stückes darf sich jeder seinen eigenen Reim auf diese Frage machen. Die Solistin Megumi Bertram aus Japan nimmt sich des so sperrigen wie fesselnden und erhabenen Werkes virtuos an; bis an den Rand der Erschöpfung bezwingt die zierliche kleine Frau den großen schwarzen Flügel und zeigt, dass auf die Wucht der beiden oftmals als Dokumente des Abschieds gedeuteten Sätze einfach nichts mehr folgen kann – außer ausgiebigem Beifall.

Das nun bereits dritte Gastspiel des Pianistenclubs in Gunzenhausen ist hiermit einmal mehr geglückt, genauso wie die einmalige Verbindung von 19. und 20. Jahrhundert, von Klang- und Wortkunst, von Gefühl und Verstand. Und erquickender als der x-te TV-Abend mit Mord und Totschlag war dieses Konzert allemal. 

KRISTY HUSZ E-Mail

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