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Giftiger Flammschutz: Folgen noch nicht absehbar

Im Brandfall gefährlich: Polystyrolplatten zur Gebäudedämmung — - 18.11.2016 06:00 Uhr

Styroporplatten zur Wärmedämmung wurden 2010 an der Fassade eines Kindergartens in Niederbayern befestigt. Vor der „Styropor-Monokultur“ wurde in vielen Kommunen schon vor Jahren gewarnt. © Foto: Armin Weigel/dpa


Styropor zum Beispiel, allerorten als Verpackungsmaterial oder zur Wärmedämmung verwendet, wurde für diesen Zweck mit dem Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) behandelt.

Der Stoff ist nicht toxisch, wenn er am Haus verbaut wurde. Soll die Dämmung jedoch auf der Mülldeponie entsorgt werden, dann kann das HBCD ins Grundwasser gelangen und schließlich sogar die Entwicklung von Embryonen und Säuglingen schädigen.

HBCD ist seit 2014 weltweit verboten. Seit 30. September 2016 gelten Styropor-Dämmstoffe, die mit HBCD behandelt sind, als Sondermüll.

Zahlreiche Gebäude besitzt der Landkreis und muss sie als Sachaufwandsträger unterhalten: Große Schulen wie die Gymnasien in Herzogenaurach und Höchstadt sind darunter. Zurzeit baut der Landkreis das neue Landratsamt in Erlangen.

„Der Landkreis hat bei seinen Liegenschaften noch nie mit HBCD gedämmt“, lässt Sprecherin Hannah Reuter auf NN-Anfrage wissen. „Mindestens in den vergangenen zehn Jahren wurde immer mit Mineralwolle gedämmt.“

Vor dem weltweiten Verbot von HBCD wurden alte Dämmplatten in Müllverbrennungen „thermisch entsorgt“. Styropor besteht aus Erdöl und brennt ausgezeichnet.

Die übergroße Anzahl bayerischer Müllverbrennungsanlagen nimmt allerdings Polystyrolplatten nicht mehr an. Gehandelt werden nun Preise von 5000 Euro pro Tonne der HBCD-behandelten Dämmplatten bis sogar 15 000 Euro pro Tonne.

Auf die natürlichen Ressourcen zum Dämmen wie Schafwolle, Holzfasern, Seegras oder Hanf wiesen Fachleute, die auf Nachhaltigkeit setzen, schon vor Jahren hin.

Die Stadt Herzogenaurach hat in den vergangenen Jahren viel gebaut und saniert. Fast komplett umgebaut wurde die Mittelschule, erneuert die Carl-Platz-Schule. Auch zahlreiche Kindergärten und Kinderkrippen wurden und werden unter städtischer Regie errichtet und saniert. Welche Materialien wurden dabei verwendet?

Steinwolle in Brandabschnitten

Walter Pander von der Gebäudewirtschaft der Stadt Herzogenaurach weiß, dass die Stadt „früher“ mit Polystyrol gedämmt hat, seit zwei Jahren nicht mehr.

„Nach Diskussionen in Ausschüssen wird in Brandabschnitten nur noch Steinwolle eingesetzt“, informiert Pander. Das Entsorgungsproblem betreffe letztlich die mit der Bauausführung beauftragten Firmen. Die würden erhöhte Entsorgungskosten wiederum auf die Auftraggeber umwälzen.

In welche Klassifizierung der Müll fällt, darüber habe der Landkreis noch nicht entschieden, hat Walter Pander an der Mülldeponie selbst erfahren, als er Dämmplatten entsorgen wollte. Dort habe es geheißen, wenn das Produktionsdatum der Platten vor Mitte 2015 lag, dann könne die Deponie das Material nicht mehr annehmen.

Klimawandel aufhalten, Heizkosten sparen, für Schallschutz sorgen: Dämmen von Dächern, Außenwänden und Fassaden wurde in den vergangenen 20 Jahren zum großen Thema.

Der am häufigsten eingesetzte Stoff ist Steinwolle laut Statistik.

Ein Handwerksbetrieb aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt berichtet, etwa die Hälfte der Kundschaft habe in der Vergangenheit Polystyrol als Dämmstoff bestellt, die andere Hälfte Mineralwolle.

Dies ist ein Werkstoff aus künstlich hergestellten mineralischen Fasern. Je nach Ausgangsmaterial unterscheidet man Schlackenwolle, Glaswolle und Steinwolle. Mineralwolle wird vorwiegend als nichtbrennbarer Dämmstoff in Häusern eingesetzt.

Manche Kunden hätten mit Styropor sogar „Fassaden aus den 1960er Jahren aufgedoppelt“.

Natürliche Dämmstoffe wie Hanf hingegen würden nur vereinzelt bestellt – eine Preisfrage. Den Styropor-Müll, das heißt auch die kleinen Restabschnitte, die übrig bleiben, wenn eine Fassade gedämmt wird, schicken viele Handwerksbetriebe in Bigpacks an den Lieferanten, die Firma Caparol in der Nähe von Darmstadt zurück.

Für die Feuerwehr ergibt sich durch die Klassifizierung „Sondermüll“ des Flammschutzes keine Änderung, lässt Rainer Weber wissen, Feuerwehrkommandant der Wehr Herzogenaurach:

„Solange es sich um keine Fassadenbrände handelt, stellt es sich für die Feuerwehr nicht als Problem dar. Gefährlich ist es schon immer bei einem Fassadenbrand.“

Denn die Polystyrolplatten würden regelrecht „schmelzen, tropfen und brennen wie der Teufel“, weiß der Feuerwehrmann und verweist auf ein YouTube-Video zu Fassadenbrand.

Der Hauptbestandteil solcher Platten ist schließlich

Öl. „Ein Löschangriff erfolgt immer unter schwerem Atemschutz und mit starker und massiver Rauchentwicklung.“ 

EDITH KERN-MIEREISZ

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