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Mollath: Lieber Gefängnis als weiter Psychiatrie

Schwarzgeld-Vorwürfe an seiner Ex-Frau bekräftigt - 11.06.2013 16:55 Uhr

Gustl Mollath sagte vor dem Landtagsuntersuchungsausschuss aus. © dpa


Es dürfte ein einmaliger Vorgang in der deutschen Rechtsgeschichte sein: Ein offiziell für psychisch krank erklärter und seit sieben Jahren gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebrachter Mensch erhält Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt in einem Parlament. Der Nürnberger Gustl Mollath ist mit Hilfe seiner Unterstützer, vieler Medienberichte und eines tatkräftigen Anwalts zu Deutschlands bekanntestem Psychiatriepatienten geworden.

Nun gibt es einen Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag. Dort wird Mollath am Dienstag als Zeuge vernommen. Und er nutzt die Gelegenheit: "Bei mir liegt keine psychische Krankheit vor, bei mir liegt kein paranoides Wahnsystem vor." Wenn er denn schon fälschlich bis zum Lebensende untergebracht werden solle - "dann bitte ich um ein ordentliches Gefängnis!", sagt er zu den Abgeordneten. Die Psychiatrie sei "schlimmer als jede ordentliche bayerische Haftanstalt". Er werde jede Nacht alle zwei Stunden geweckt, leide an Schlafentzug. Schon das Beschaffen eines Bleistifts und Büromaterials sei schwierig. Er habe sich gegen Zwangsbehandlung mit Psychopharmaka gewehrt. Wenn man die Wirkungen der Medikamente sehe - "da kriegt man mehr als Panik". Und er sagt auch: "Das wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht."

Psychiatrie eine Geldsache

An die anwesenden Landespolitiker appellierte er, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen. Der Freistaat Bayern könnte damit zugleich erhebliche Kosten sparen: "Die Unterbringung in einem normalen Gefängnis wäre etwa nur halb so teuer wie in der Psychiatrie." Derzeit koste seine Unterbringung in der Psychiatrie rund 100.000 Euro im Jahr. "Inzwischen belaufen sich die Kosten also auf rund 800.000 Euro", fügte der 56-Jährige hinzu.

Der Mollath-Untersuchungsausschuss soll aufklären, ob die bayerischen Behörden im Fall Mollath Fehler machten. Dass es Fehler gab, steht eigentlich längst fest. Dem Nürnberger Richter, der Mollath 2006 wegen vermuteter Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie einweisen ließ, unterliefen in seinem Urteil so viele Versäumnisse, dass Justizministerin Beate Merk (CSU) nach einer Welle der öffentlichen Kritik Ende November einen Wiederaufnahmeantrag der Staatsanwaltschaft anordnete. Schon zwei Jahre vorher hatten sowohl die Nürnberger Staatsanwaltschaft als auch die Steuerfahndung eine Schwarzgeld-Anzeige Mollaths gegen seine frühere Frau sowie weitere Mitarbeiter und Kunden der HypoVereinsbank zu den Akten gelegt. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass einige Vorwürfe Mollaths zutrafen.

Die Nürnberger Steuerfahndung ermittelt inzwischen in mehreren Fällen wegen Steuerhinterziehung. Mollaths Anzeige diente dem Richter aber damals als ein Beleg für eine psychische Erkrankung. Im Untersuchungsausschuss fragen ihn mehrere Abgeordnete nach Beweisen für seinen Vorwurf, die wahre Dimension der Schwarzgeldgeschäfte sei noch viel größer. Mollath kann dafür aber keine Belege nennen. In den Landtag gekommen sind auch viele Mollath-Unterstützer, die ihn für ein Justiz- und Psychiatrieopfer halten und mit lautem Beifall begrüßen.

Schwarzgeldgeschäfte der Ex-Frau

Der Ausschussvorsitzende Florian Herrmann (CSU) bremst die Erwartungen: "Wir können hier nicht entscheiden über die Frage, ob Sie, Herr Mollath, zu Recht oder Unrecht in der Psychiatrie untergebracht sind." Mollath beschuldigt den damaligen Vorsitzenden Richter, von Anfang parteiisch gewesen zu sein: "Es war von Anfang an eine Voreingenommenheit von diesem Mann." Mollath schildert ausführlich, wie es zu dem Prozess kam. Er wollte seine Frau - damals Mitarbeiterin der HypoVereinsbank - offensichtlich dazu zwingen, ihre Finanzgeschäfte in der Schweiz einzustellen. "Für mich stand fest, diese Tätigkeit muss aufhören." Seine Frau wollte den Befehl ihres Mannes jedoch nicht befolgen. "Wenn Sie ihren Kopf nicht durchsetzen kann, dann hat sie ein gewisses Rumpelstilzchen-Verhalten", sagt Mollath dazu.

Der Ehestreit mündete in Rosenkrieg, Scheidung, Misshandlungsvorwürfe, gegenseitige Strafanzeigen, den Strafprozess und Mollaths Einweisung in die Psychiatrie. Die frühere Ehefrau hat mittlerweile ihr langjähriges Schweigen gebrochen - sie beschuldigt ihren Ex-Mann, sie über Jahre immer wieder brutal misshandelt zu haben. Nach ihrer Darstellung war Mollath mit seiner Ferrari-Werkstatt pleitegegangen und habe danach immer wieder Geld von ihr gefordert. Das Ehepaar stritt demnach um mehrere hunderttausend Euro.

Mollath überraschte mit dem Hinweis, er habe weiteres belastendes Material in Frankreich und der Schweiz deponiert. Im Wissen um die Brisanz des Material und weil er damals Deutschland nicht für ausreichend sicher gehalten habe, habe er Dokumente beispielsweise im Büro der französischen Journalistin und Nazijägerin Beate Klarsfeld in Paris deponiert. Ein anderer Teil seines Beweismaterials sei bei der Versteigerung seines Nürnberger Hauses abhanden gekommen.

Mollaths Ex-Frau stellt die Schwarzgeld-Anzeige als Racheakt dar: Erst nach der Trennung habe er die Schwarzgeldvorwürfe erhoben. Was wahr oder unwahr ist, kann der Ausschuss jedoch nicht ermitteln: "Was wir nicht sind, ist ein Gericht", sagt zu Beginn der Sitzung im Münchner Landtag der Vorsitzende Herrmann.

Mollath war 2006 wegen vermuteter Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie eingewiesen worden – weil er laut damaligem Urteil seine Frau schwerst misshandelt und die Reifen mehrerer Dutzend Autos zerstochen habe. Mollath selbst und viele seiner Unterstützer glauben, er sei Opfer eines Komplott seiner früheren Ehefrau und der Justiz, weil er Schwarzgeldgeschäfte in Millionenhöhe aufgedeckt habe. 

dpa

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