Tag gegen den Schlaganfall

Gefürchtete Komplikation: Schlaganfall durch Corona-Infektion

8.5.2021, 05:55 Uhr
Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein.

Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein. © Stephan Jansen/dpa

"Virus greift Nerven und Gefäße an", meldete jüngst erst wieder die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Die Beobachtung, dass die Infektion mit Sars-CoV-2 neben anderen neurologischen Schäden auch Schlaganfälle begünstigen kann, erhärte sich durch Studien aus den USA und Griechenland weiter. Demnach, so die verantwortlichen Mediziner, träten Schlaganfälle bei Corona-Kranken nicht nur deutlich häufiger auf als etwa bei Influenza-Patienten. Die Schlaganfälle verliefen auch heftiger und öfter tödlich als sonst.

Viermal höheres Risiko

Prof. Frank Erbguth, Chefarzt der Neurologie am Klinikum Nürnberg, kann das aus eigener Anschauung bestätigen. Das Klinikum behandelt nicht nur mit Abstand die meisten Covid-Patienten in der Region, es verfügt auf dem Südgelände auch über eine Schlaganfall-Abteilung, eine "Stroke Unit", die jährlich 2200 Patienten versorgt. Der Mediziner erwähnt das Beispiel einer Patientin Anfang 50, die wegen einer Covid-Infektion kürzlich im Klinikum behandelt wurde. "Sie hatte die Infektion der Lunge schon fast überstanden, als sie einen großen Gefäßverschluss in einer Hirnarterie bekam." Zur Behandlung musste der Frau ein Teil der Schädeldecke entfernt werden. "Bei uns sind das nicht nur Zahlen, sondern leibhaftige Menschen."


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Ein tragischer Einzelfall ist das nicht. "Wenn Sie Covid-19 haben, ist Ihr Schlaganfallrisiko etwa viermal höher, als wenn Sie im selben Alter kein Covid-19 hätten. Auch bei anderen Infektionen gibt es so ein Risiko, aber das liegt niedriger als bei COVID-19 und ist zum Beispiel bei der Influenza nur verdoppelt", erklärt Erbguth. 1,2 Prozent aller Covid-19-Patienten seien nach momentanen Schätzungen betroffen.

Gefäßwände entzünden sich

Bei den Erklärungen sind sich Mediziner relativ einig. Vor allem eine Entzündung der Gefäßinnenwände im ganzen Körper, Folge des Abwehrkampfes gegen das Coronavirus, ist schuld: An entzündeten Wänden bilden sich leichter Blutgerinnsel, die die Arterien des Gehirns verstopfen und so zum Schlaganfall führen. Außerdem reagiert das aktivierte Immunsystem mit einer stärkeren Blutgerinnung auf die Infektion; die Folge: Neigung zu Thrombosen und lebensgefährlichen Embolien. "Bei einigen Patienten hat Covid aber auch zu einer Herzmuskelentzündung geführt, durch die sich Gerinnsel im Herzen gebildet haben, die dann ins Gehirn gepumpt wurden", erläutert Erbguth.


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Gehirnvenenthrombosen – gewissermaßen eine seltene Sonderform des Schlaganfalls – traten durch diesen Mechanismus sowohl bei Covid-Patienten als auch nach Corona-Impfungen vor allem mit dem Impfstoff Astrazeneca auf.

Jüngere Menschen sind durch die Schlaganfälle häufiger betroffen als sonst im Bevölkerungsdurchschnitt, weil Schlaganfälle eigentlich erst in der zweiten Lebenshälfte gehäuft auftreten. Der schwerere Verlauf erkläre sich dann mit der Doppelbelastung des Körpers. Bestehende Vorerkrankungen – etwa vorhandene Gefäßverengungen – wirken sich offenbar im Zusammenspiel mit dem Coronavirus besonders ungünstig aus. Aber diejenigen, die zusätzlich einen Schlaganfall bekamen, hätten oft auch gar keine nachweisbaren Risikofaktoren gehabt. In einer Studie aus Kanada ließen sich bei 43 Prozent der Betroffenen unter 50 Jahren kein besonderes Schlaganfallrisiko und keine Vorerkrankung finden, bei der Hälfte von ihnen zunächst auch gar keine typischen Covid-19-Symptome.


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Für den Nürnberger Chefarzt ein weiterer Grund, für die Impfung gegen Covid-19 zu werben. Hirnvenenthrombosen als mittlerweile nachgewiesene Nebenwirkung der Astrazeneca-Impfung seien zu selten aufgetreten, um als Gegenargument herangezogen werden zu können. "Es gibt bisher auch keine Anhaltspunkte dafür, dass die Impfung Schlaganfälle auslöst." Er rechnet vor: In Deutschland ereignen sich täglich etwa acht Schlaganfälle auf eine Million Menschen. "Wenn man also an einem Tag eine Million Menschen impft, gibt es schon rein aus statistischen Gründen fünf bis zehn Schlaganfälle unter allen Geimpften, die ursächlich nichts mit der Impfung zu tun haben." Die Impfung als Auslöser zu vermuten, sei zwar verlockend, aber unbegründet.

Prof. Frank Erbguth ist am 10. Mai von 18 bis 20 Uhr am Expertentelefon der Deutschen Hirnstiftung zum Thema „Schlaganfall“ zu sprechen. Voranmeldung nötig unter info@hirnstiftung.org oder Telefon (030) 5 31 43 79 36.