Immer mehr Städter entdecken die Lust am Gärtnern

26.3.2012, 18:04 Uhr
Der Heilkräutergarten auf der Stadtmauer am Hallertor wurde vom Bund Naturschutz und einer Gruppe von Ehrenamtlichen wiederbelebt und erfreut sich seitdem wachsender Beliebtheit. Zugänglich ist er ab April.

Der Heilkräutergarten auf der Stadtmauer am Hallertor wurde vom Bund Naturschutz und einer Gruppe von Ehrenamtlichen wiederbelebt und erfreut sich seitdem wachsender Beliebtheit. Zugänglich ist er ab April. © Harald Sippel

Jetzt kann sich nur nicht jeder glücklich schätzen, hinterm Häusl ein kleines Grün sein Eigen nennen zu dürfen. Die großzügige Aufschüttung mit Humus des Balkons führt womöglich zu Disharmonien mit der Hausverwaltung, Tomatenziehen auf der nächstgelegenen Verkehrsinsel verärgert SÖR. Das gelobte Schrebergartenland ist in festem und gestrengem Griff von Dynastien von Kleingärtnern – was also tun?

Im vergangenen Herbst stellte die NZ bereits Konzepte wie das des Knoblauchsländer Bauern Jörg Hofmann vor, der Parzellen seiner Äcker zur Nutzung für biologischen Anbau vermietet und das junge Bauerngemüse mit Rat und Tat unterstützt. Am vergangenen Donnerstag wurden im Bildungszentrum am Gewerbemuseumsplatz unter dem Titel „Urban Gardening – die neue Gartenbewegung“ weitere Projekte präsentiert.

Öko-Kisten sind die neuen iPods

Dr. Christa Müller, Referentin, Soziologin und Herausgeberin des gleichnamigen Buches über „die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ forscht seit langem zum Thema Gärten und weiß allerlei Spannendes zu berichten. Über das Hippsein erdiger Fingernägel in den Szenevierteln der Großstädte, über eine bewusste Bewegung, Handwerk und „Selbermachen“ neu zu entdecken.

„Es findet eine Verschiebung der Statussymbolik hin zu postmateriellen Werten statt“, beobachtet die Wissenschaftlerin. Und dass „Öko-Kisten die neuen iPods der urbanen Hippster“ sind. Es finde eine „Renaissance des Gärtnerns und der Körperlichkeit“ statt, die „neuen Orte des Selbermachens sind zugleich Orte des Miteinanders und der Begegnung“.

Vorbild für alle „Nomaden-Gärten“ ist der Berliner Prinzessinnengarten.

Vorbild für alle „Nomaden-Gärten“ ist der Berliner Prinzessinnengarten. © dapd/ddp

Drei solcher Orte befinden sich mittlerweile auch in Nürnberg oder zumindest in Planung. Als da wären: der Interkulturelle Garten in Langwasser, der Heilkräutergarten am Hallertor und das Projekt „Mobiler Garten“ von Bluepingu e.V. So unterschiedlich die Konzepte, so ähnlich die Ziele: das Bereitstellen von Anbauflächen zum Zwecke der Bepflanzung. Und (Rück-)Besinnung.

Der Interkulturelle Garten, gelegen zwischen Breslauer und Glogauer Straße hat einen weiten Weg, gesäumt von „massiven Protesten und geballtem Fremdenhass“ hinter sich, so Initiator Klaus Brock. Dabei soll das Projekt nicht zuletzt der Völkerverständigung dienen. Ähnlich wie im Knoblauchsland können hier Parzellen für einen Obolus von einem Euro pro Woche gemietet und dann nach eigenem Gutdünken bestellt werden.

Ganz anders der Heilkräutergarten. Nach einer längeren Zeit der Brache wurde die Fläche nahe des Neutorgrabens 2009 vom BN und einer Handvoll Ehrenamtlicher wiederbelebt. Einmal wöchentlich, nämlich immer freitags ab 16 Uhr, trifft man sich hier zum Gärtner, Erkunden mittelalterlicher Heilpflanzen oder „einfach nur die Seele baumeln lassen“, erzählt Susanne Wibell. „Und wir freuen uns über alle Interessenten, die vorbeikommen, um eine Gießkanne in die Hand zu nehmen oder auch nur zu entspannen“.

Von so viel Beschaulichkeit kann das dritte Gartenprojekt nur träumen – zumindest, bis die Planungsphase endlich abgeschlossen ist. Nach dem Vorbild der „mobilen Gärten“, wie sie bereits in Berlin oder Hamburg üblich sind, möchte Bluepingu auch in Nürnberg eine nomadische Anbaufläche etablieren. Der Clou hierbei: Brachflächen wie ungenutzte Parkplätze, Industrieareale oder Garagendächer werden zum Gemüseziehen genutzt. Um jederzeit umziehen zu können, wird Saatgut ausschließlich in Reissäcken, Tonnen und sonstigen Behältnissen ausgebracht. „Wir wollen einerseits die Artenvielfalt fördern“, so Manja Rupprecht und Joanna Nogly, „andererseits den Garten als einen Ort der Begegnung und des Austausches, für Picknick, Kunst und Kultur verstanden wissen“. Bis dahin ist jedoch einiges zu tun. Nachdem nun endlich auf dem Gelände der ehemaligen Quelle ein geeigneter Ort gefunden scheint, bedarf es noch allerlei Zubehör: „Wenn jemand zufällig einen alten Bauwagen übrig hat oder ein Foliengewächshaus, wären wir sehr dankbar für die Spende. Ansonsten auch für Gartengerätschaften wie Spaten etc.“ Interessenten und Wohltäter melden sich ganz einfach unter stadtgarten@bluepingu.de

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