Ermittlungen wegen "Containern"

Jesuitenpater Alt: "Wir wollen stören, nicht zerstören"

Matthias Oberth
Matthias Oberth

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12.1.2022, 16:11 Uhr

"Ich bin total zufrieden, besser hätte es nicht laufen können", sagt Jörg Alt über seine kürzlich erhaltenen Vorladung der Polizei wegen "besonders schwerem Diebstahls". Im Dezember sorgte er in dieser Zeitung für Schlagzeilen und löste ein bundesweites Medienecho mit einer Aktion aus, die nicht mehr ganz so unbekannt ist: das Containern.

Doch gibt es Unterschiede zum herkömmlichen Containern, also dem Stehlen von noch genießbaren Lebensmitteln aus Mülltonnen von Supermärkten. Alt trägt ein Kollar am Kragen, er ist Jesuitenpater. Und er legt es darauf an, fordert den Staat heraus, um mit der Aktion für die Initiative "Aufstand der letzten Generation" auf den Überfluss von Lebensmitteln auf der einen und dem Bedarf an Nahrung und Hunger in der Welt auf der anderen Seite aufmerksam zu machen.

Im Podcast "Horch amol" sagt Alt, dass die Initiative "Aufstand der letzten Generation" aus einer Gruppe von jungen Klimaaktivisten hervorgegangen ist, die im vergangenen Jahr mit einem unbefristeten Hungerstreik vor dem Berliner Reichstag in die Schlagzeilen geriet. "Angesichts einer Welt, in der 800 Millionen Menschen Hunger leiden", so der Jesuitenpater, sei das "symbolträchtige Containern" eine gute Möglichkeit, um die Wegwerfmentalität der Gesellschaft anzuprangern.

Seine öffentlichkeitswirksame Beteiligung an der Aktion, ist nicht zuletzt aus der Frage: "Was kann und muss eine Klimabewegung noch tun, damit sie angemessene Aufmerksamkeit erweckt?" entstanden, so Alt. Dabei ist ihm bewusst, dass polizeiliche Ermittlungen und eine Gerichtsverhandlung aufgrund seines Bekanntheitsgrads höhere Wellen schlagen, als der Einsatz gegen Gleichgesinnte, die sich am vergangenen Wochenende in verschiedenen deutschen Städten beim "Containern" haben festnehmen lassen.

Dem Jesuitenpater geht es bei seinem Engagement jedoch um deutlich mehr, als um die Rettung von Lebensmitteln. Im Mittelpunkt steht für ihn der Klimaschutz. Alt kritisiert, dass "wir uns offensichtlich nur mit den aktuellen Krisen auseinandersetzen", aber nicht damit, was in "fünf, zehn oder zwanzig Jahren auf uns zurollt".

"Wir müssen auf die richtigen Leute hören und jene, die gute Vorschläge haben", sagt der 60-Jährige und meint damit explizit nicht die Automobilindustrie, die "Jahrzehnte gepennt hat". Die "fossile Industrie" habe den Umstieg auf beispielsweise regenerative erzeugten Wasserstoff verhindert, obwohl dies vor "30, 40 Jahren schon möglich gewesen wäre", macht Alt deutlich. Er ist davon überzeugt, dass die deutsche Bevölkerung in der großen Mehrheit bereit ist, "zu handeln, wenn es vernünftig erklärt wird."

Derzeit werde viel zu wenig getan, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, was dazu führt, dass in der Klimabewegung heftig diskutiert wird, "welche Rolle ziviler Ungehorsam in Zukunft spielt", beschreibt der Jesuitenpater die aktuelle Lage und macht deutlich, dass er militante Aktionen ablehnt: "Wir wollen stören, nicht zerstören". Proteste, die spürbare Auswirkungen haben werden, sind für ihn aber legitim. "Ab Ende Januar werden junge Aktivisten und Aktivistinnen beginnen, Autobahnen zu blockieren", so Alt. Dabei gehe es nicht um die Verärgerung der Bevölkerung, sondern um deutlich zu machen: "Stopp, kein weiter so. Wir müssen reden".

Jörg Alt verteidigt strafrelevante Aktivitäten mit den Worten: "Wie sind in einer ganz, ganz, ganz großen Verantwortung". Dieser könne man nur gerecht werden, wenn man auch bereit ist, dafür ins Gefängnis zu gehen. Der streitbare Katholik sagt, dass eine "Radikalisierung der Szene" geben wird. So richtig verwunderlich ist es für ihn nicht, denn "wir fahren an eine Wand, wenn wir weiter so leben, handeln und produzieren wie bisher".

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