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Juni 1999: Bombe in Südstadt-Kneipe explodiert

NSU-Prozess: Böhnhardt und Mundlos sollen Sprengstoff-Attentat in Nürnberg verübt haben - 12.06.2013 17:48 Uhr

Das Lokal "Sonnenschein" in der Nürnberger Südstadt im Jahr 2013 und 1999. © Daut/Sippel


Die Nürnberger Nachrichten berichteten am Tag danach wie folgt:

Bei der Explosion einer Rohrbombe in einer Pilsbar ist am Mittwochnachmittag ein 18-Jähriger verletzt worden. Der Mann hatte bei der Toilettenreinigung einen 30 Zentimeter großen Gegenstand bemerkt, den er für eine Taschenlampe hielt. Als er sie anknipsen wollte, kam es zur Explosion.

Der junge Mann, der zu dieser Zeit allein in der Gaststätte war, hatte Glück im Unglück. Die offenbar selbstgebastelte Bombe verletzte ihn zwar am Oberkörper, im Gesicht und an den Armen. Doch nach kurzer Behandlung konnte er das Krankenhaus verlassen. Hingebracht hatte ihn seine Mutter, die der 18-Jährige nach der Explosion verständigt hatte.

Aufgrund seiner Verletzungen informierten die Ärzte die Polizei. Die wiederum rief die Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes zu Hilfe, die gestern Spuren sicherten und den Pächter verhörten. Hat der Anschlag womöglich ihm gegolten und nicht dem 18jährigen Bekannten, der ihm die Kneipe putzte? "Nicht ausgeschlossen", murmelt der übernächtigt wirkende Mann. Belege dafür gibt es aber nicht. Drohungen, Schutzgelderpressung? Der Pächter schüttelt den Kopf.

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NSU-Anschlag in Nürnberg 1999: Rohrbombe explodiert in Kneipe

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Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund haben die LKA-Ermittler bislang ebensowenig. Yilmaz S. (Name geändert) ist Türke und hat die Kneipe in der Scheurlstraße (Südstadt) erst vor zwei Monaten übernommen. Der Gastraum ist hell und freundlich, alles wirkt neu: gepolsterte Barhocker, ein Läufer vor der Theke. In Klarsichttütchen die Überreste der Bombe. Sie hatte offenbar nur geringe Sprengkraft. An den Wänden des Toilettenraums sind nur schwarze Schmauchspuren zu sehen; Waschbecken und Spiegel blieben unbeschädigt.

Der Pächter allerdings wirkt verbittert. Angst habe er keine, sagt er. Doch sein Blick wandert immer wieder zur Decke, seine Lippen murmeln einen Fluch nach dem andern. "Ich denke, ich mache nicht mehr auf", sagt er.

Die Nürnberger Zeitung berichtete am Tag danach wie folgt:

Bei der Explosion einer Rohrbombe ist ein 18-jähriger Putzmann in einer Gaststätte in der Scheurlstraße in der Südtstadt verletzt worden.

Der junge Mann hatte bei Reinigungsarbeiten in der Toilette ein kunststoffummanteltes Rohr gefunden, berichtete die Polizei gestern. Das Rohr sei in der Toilette der Gaststätte hinter einem Papierkorb versteckt gewesen. Als der 18-Jährige den Gegenstand aufhob und woanders ablegen wollte, detonierte die selbstgebastelte Bombe, die eher schwache Sprengkraft hatte.

Das Opfer erlitt Verletzungen am Oberkörper, im Gesicht und an den Armen, konnte jedoch das Krankenhaus am selben Tag wieder verlassen.

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"Der Mann hatte unwahrscheinliches Glück" sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) der NZ auf Anfrage. Inzwischen sei sicher, daß es sich bei dem Rohr um den Korpus einer Stehtaschenlampe gehandelt habe.

Sprengstoffexperten des LKA versuchen nun zu ergründen, welche explosionsfähige Substanz darin enthalten war. Die Gaststätte wird laut Polizei von einem türkischen Pächter geleitet. Ein Motiv sei nicht erkennbar.

Auch Anhaltspunkte für politische Hintergründe des Vorfalls gibt es nach Angaben des Landeskriminalamtes bisher nicht. Die Beamten können es sich nicht erklären, wem der Anschlag eigentlich gelten sollte. Die Bombe hätte zu einem späteren Zeitpunkt auch von einem Gast des Wirtshauses, beispielweise einem Kind, gefunden und zur Explosion gebracht werden.

 

 







  

Rainer Woratschka/acb/NZ

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