Dienstag, 12.11.2019

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Nürnberger Ärztekongress warnt: Gesunde Skepsis ist angebracht bei Medizin-Apps und Video-Doc

18.10.2019 19:37 Uhr

Zur Zeit der letzte Schrei: Medizin-Apps für das Smartphone. © dpa


Welcher Patient, der etwas Komplizierteres hat, kennt es nicht: Röntgenbilder müssen auf CD umhergetragen, Apothekenbelege gesammelt, Überweisungsscheine ausgedruckt werden. Der medizinische Alltag im Digitalzeitalter ist oft noch erstaunlich analog. Keine Frage, das deutsche Gesundheitswesen hat Nachholbedarf bei papierloser Kommunikation – ein Lieblingsthema des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn. Dafür, dass die Umsetzung seiner Digitaloffensive aber mit mehr Bedacht erfolgen sollte, spricht sich am heutigen Samstag die Fachtagung "Medizin und Gewissen" an der Technischen Hochschule aus.

"Der Minister drückt aufs Gas, ohne dass wichtige Fragen geklärt sind und die Akzeptanz von Ärzten und Patienten gegeben wäre", sagt der Nürnberger Onkologe Hannes Wandt von der Regionalgruppe der internationalen Mediziner-Initiative IPPNW, die auf dem Kongress rund 200 Teilnehmer erwartet. So seien etwa bei der elektronischen Patientenakte neben der Datensicherheit (siehe Interview oben) auch die Zugriffsrechte und Patientenhoheit ungeregelt. Das Versprechen, dieses digitale Netzwerk 2021 in Betrieb zu nehmen, könne nur scheitern, prognostiziert Wandt.

Ebenso unausgereift sei die Idee, Gesundheits-Apps fürs Handy zur Kassenleistung zu machen, etwa bei Diabetes, Allergien oder Depressionen. "Hier entstehen neue Werkzeuge, die hilfreich sein können", stellt Alfred Estelmann fest; der frühere Chef des Klinikums Nürnberg ist Mitveranstalter. "Aber wir sollten erst damit arbeiten, wenn beantwortet ist, was sie den Patienten nutzen." Anders als bei Medikamenten ist derzeit nicht vorgesehen, dass App-Anbieter vorab die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachweisen müssen.

Tagungsredner Gerd Antes, ehemaliger Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums, stellt wiederum der medizinischen Wissenschaft ein peinliches Zeugnis aus. Die Verlockungen durch "Big Data" führten zu naiver Technikverliebtheit und nebulösen Versprechen von Forschungsgewinn. "Es ist Unfug zu glauben, dass ein Mehr an Daten mehr Wissen bringt." Der "Datenrausch" erhöhe mathematisch vielmehr die Wahrscheinlichkeit von Fehlern – zulasten der Patienten. "Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr humane Intelligenz."

Mit dem Kongress wollen die Mediziner ihren Berufsstand für ein gesundes Maß an Skepsis sensibilisieren – denn viele Kollegen wüssten noch zu wenig über Chancen und Risiken der Digitalisierung.

Isabel Lauer

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