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Nürnberger Busunternehmen stellen sich Fernbus-Konkurrenz

Klagen über Wettbewerbsverzerrung durch die Politik - 26.01.2014 07:00 Uhr

An der Mauthalle steigen die Passagiere in den Reisebus ein - die Branche sieht sich gegenüber anderen Transportmitteln politisch benachteiligt. © Horst Linke


Es ist ein grauer, kühler Januarmorgen, kurz nach acht Uhr. In der Nürnberger Königstraße ist es ruhig, die meisten Geschäfte haben noch geschlossen. Nur vor der Mauthalle stehen die Menschen in kleinen Grüppchen zusammen und unterhalten sich angeregt - sie warten auf den Bus.

Auch Ernestine Goller und Ilse Hippelein sind darunter, die beiden älteren Damen kennen sich von einer anderen Bustour. Heute soll es nach Frankfurt gehen, zur Dürer-Ausstellung im Städel-Museum. Und zwar mit dem Reisebus, der gerade mit lautem Schnauben um die Ecke biegt. Und warum?

„Es ist bequem, eine Reiseleitung ist immer dabei und man wird vor Ort gebracht. Ich muss mich um nichts kümmern“, sagt Frau Goller, bevor sie zum Einstieg eilt, wo sie von der Reiseleiterin begrüßt wird. Der Altersdurchschnitt ist hoch, grau ist die dominierende Haarfarbe unter den Passagieren. Aber sie füllen den Bus an diesem Tag fast komplett, nur in den hinteren Reihen sind ein paar Plätze frei.

„Dann warten wir eben“

Betreuung rund um die Uhr: Das versuchen viele Reisebusunternehmen ihren Kunden zu bieten - und es ist der Grund, warum die meisten von ihnen die neue Konkurrenz durch Fernbusse nicht besonders fürchten. Dazu seien die Ansprüche der Passagiere einfach zu unterschiedlich. „Wir bringen die Kunden bei einem Musical direkt vor die Halle und wenn es noch Zugaben gibt, dann warten wir so lange“, erklärt Björn Heinritz, Geschäftsführer des Nürnberger Anbieters Neukam-Reba. Bei Fernbussen müsse man sich dagegen streng nach dem Abfahrtsplan richten und am Ende mit dem Taxi vom Busbahnhof zur Halle fahren.

Zu anstrengend für die Zielgruppe der Bustouristik-Anbieter, die böse Überraschungen nicht schätzt. Von der Liberalisierung des Fernbus-Marktes glauben die Touristik-Busunternehmen sogar zu profitieren: Galt ein Reisebus früher eher als Transportmittel für den Klassenausflug, den Billigurlaub oder die Kaffeefahrt der Großeltern, hat er nun ein moderneres Image. „Der Bus wird als attraktiver wahrgenommen, lange war eher der Flieger stylish. Dabei konnten wir in Sachen Komfort schon immer mehr bieten“, sagt Axel Nettersheim, Leiter beim Busbetrieb von Schielein-Reisen.

In Nürnberg hat sich der Markt der Reisebusunternehmen seit dem Jahr 2000 stark konsolidiert. Neukam-Reba, Schielein und Stöcklein kooperieren seitdem über die Gesellschaft NRS in ihren Reisesparten und geben einen gemeinsamen Katalog heraus. Eine Zusammenarbeit, die sich immer noch lohne, sagt Alexander Herrmann von Stöcklein-Reisen, der auch einer der beiden Geschäftsführer von NRS ist. „Wir können dadurch stärker in der Fläche präsent sein. Unser Einzugsgebiet reicht bis Bamberg, Bayreuth und Ingolstadt.“

Überhitzter Markt

Mit dem Gedanken, auch selbst ins Fernbus-Geschäft einzusteigen, haben die Geschäftsführer von Neukam-Reba, Stöcklein und Schielein alle schon gespielt. Das einhellige Urteil aber lautet: In einem überhitzten Markt, in dem viele große Wettbewerber zu Niedrigpreisen mitmischen, lohnt sich das Engagement - zumindest momentan - nicht.

Nur über die Rahmenbedingungen, die die Politik den Betrieben setzt, herrscht Unzufriedenheit. „Das Kerosin bei Flugzeugen wird nicht versteuert, aber die Busunternehmen müssen die Ökosteuer entrichten“, empört sich Schielein-Betriebsleiter Nettersheim. Eine Einschätzung, die Xaver Hörmann, Vorsitzender des Touristik-Ausschusses im Landesverband Bayerischer Omnibusunternehmen (LBO), teilt: „In Bayern verliert die Bustouristik durch diese Wettbewerbsverzerrung an Marktanteil.“

Unter der Konkurrenz durch Billigflieger leiden gerade kleine Anbieter. „Das Spanien-Geschäft existiert für uns dadurch gar nicht mehr“, sagt Martin Gronau, Inhaber von Chaos-Reisen aus Hilpoltstein. Er geht Ende des Jahres in den Ruhestand - und will nicht, dass das kleine Unternehmen mit nur einem eigenen Bus danach weitergeführt wird. „Das Geschäft ist zu hart“, sagt Gronau - vor allem der bürokratische Aufwand beim Verkehr über die Grenze werde trotz EU immer schwieriger zu bewältigen.

Junge Kunden im Fokus

Und bald könnte den Unternehmen auf deutschen Autobahnen auch noch die Maut drohen. „Wenn die auch für Busse kommt, würde sich die Wettbewerbsverzerrung fortsetzen“, befürchtet LBO-Mann Hörmann. Um der entgegenzuwirken, buhlt die Branche gezielt um junge Kunden. „Wir haben schon vor Jahren begonnen, junge Leute mit Musicalreisen zu gewinnen“, sagt Alexander Herrmann von Stöcklein.

Dabei kommt den Reisebusunternehmen der Imagegewinn durch die Fernbusse zugute, die den Bus durch Niedrigpreise und unkomplizierte Organisation attraktiv gemacht haben. Aber passen Jugendliche oder Studenten und die Toskana-Rundreise wirklich zusammen? LBO-Vertreter Hörmann drückt das so aus: „Junge Leute suchen das Abenteuer, Busfahrten bieten Geborgenheit.“

Vor allem mit Erlebnis-, Bildungs- und Skireisen hofft die Branche, dennoch ein jüngeres Publikum in die Busse zu locken. Dabei muss aber auch das Wetter mitspielen: Denn während viele Nürnberger hoffen, dass der milde Winter noch lange anhält, kann die Reisebusbranche mit Blütenknospen im Januar nicht viel anfangen. „Momentan sind die Busse entschieden zu leer“, sagt Axel Nettersheim. Der Grund: „Wenn das Wetter in Nürnberg zu schön ist, laufen die Skifahrten nicht - egal wie viel Schnee in Österreich liegt.“ Allerdings: Im Laufe des Winters gleicht sich der Effekt in der Regel aus.

Alexander Pfähler (Nürnberger Nachrichten)

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