Sonntag, 29.11.2020

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Pocket Opera Company hat ein neues Refugium

Neue Schaltzentrale für die älteste freie Musiktheatergruppe Deutschlands - 27.02.2020 14:00 Uhr

Noch sind die Schaufenster des neuen Domizils der Pocket Opera in der Wodanstraße geschlossen. Ab März dient das ehemalige Ladenlokal als Schaltzentrale.

26.02.2020


"Wir mussten uns zwar von 188 auf 120 Quadratmeter verkleinern", berichtet POC-Chef Franz Killer. "Aber so ein Wechsel ist ja auch die Chance, mal wieder richtig auszumisten." So wurden der Fundus und auch die Requisitensammlung einer kritischen Prüfung unterzogen. "In der ehemaligen Lagerhalle in der Rollnerstraße gab es eigentlich ein bisschen zu viel Platz, so dass eben alles aufgehoben wurde", meint Killer durchaus selbstkritisch.

Als der Dirigierschüler von Werner-Andreas Albert vor 13 Jahren die Nachfolge von Peter Beat Wyrsch als künstlerischer Leiter antrat, geschah das auch just während eines Umzugs. Damals ging es von der Gertrudstraße in Eberhardshof in Richtung Nordring. Die Ursache für die neuerliche Domizilverlagerung ist schnell erzählt und zeittypisch. Es herrschen goldene Zeiten für Vermieter und entsprechend schnellen die Mieten in die Höhe.

Narren-Zeit ist bei der Pocket Opera das ganze Jahr: POC-Leiter Franz Killer.

26.02.2020 © Foto: Roland Fengler


"Unsere Subventionen und Einnahmen haben aber in den letzten 20 Jahren nicht mit der Inflationsrate mitgehalten, sodass der Etat immer enger auf Kante genäht ist", erläutert Killer ein Phänomen, über das viele Kulturschaffende in Nürnberg das gleiche Lied singen könnten. Bekanntlich suchen gerade auch Bildende Künstler händeringend bezahlbare Atelierflächen in der Stadt.

 

Großzügiges Angebot eines Fans

 

Im Fall der Pocket Opera machte sich bezahlt, dass sie langjährige Freundschaften und gewachsene Fan-Beziehungen aufweisen kann. Der Unternehmer Peter Hamm, der sich kaum eine POC-Produktion entgehen lässt, hörte von den Raumnöten der innovativen Truppe und unterbreitete das Angebot: "Wenn ihr nichts findet, dann kaufe ich eine Immobilie, in die ihr euch einmieten könnt." Und genauso geschah es. "Das ist natürlich ein echtes Glückslos für uns", weiß Killer um die außergewöhnliche Geste des Immobilien-Experten.

Nun steht in dem ehemaligen Ladenlokal in der Wodanstraße der größte Raum als Probenrefugium zur Verfügung. Und der wichtigste Bewohner hat auch schon seinen Platz gefunden: Das Klavier, das als Orchesterersatz dient. Daneben gibt es einen Raum für die Kostüme, einen für das technische Equipement und einen, wo die Requisiten aufbewahrt werden. "Schaltzentrale" ist natürlich das Büro, in dem Dirigent Franz Killer und Dramaturg Florian Reichart die Organisation abwickeln und neue Pläne aushecken.

 

Spielstätte: Tucher-Sudhaus

 

Auch wenn noch nicht alles in trockenen (Vertrags-)Tüchern ist, so plant die Pocket Opera, deren Spezialität von Anbeginn die Erschließung nichtmusikalischer Räume für das Musiktheater ist, im Herbst das Tucher-Sudhaus am Schiller-Areal zu bespielen. "Und zwar mit einem Werk, das in Nürnberg noch nie zu sehen war", gibt sich Killer geheimnisvoll. Nur so viel verrät er: "Es stammt aus der spätesten Spätromantik." Das kreist die Epoche so etwa von Richard Wagner bis zum Ersten Weltkrieg ein.

Nicht weit von hier ist der Schauplatz der erfolgreichsten POC-Produktion aller Zeiten. Ihre "Washhouse"Version des "Fliegenden Holländers" findet Jahr für Jahr in einem Waschsalon in der Schweppermannstraße statt. "Eigentlich wollten wir das Ding längst abgespielt haben." Aber alle Vorstellungen im November und Dezember dieses Jahres sind schon wieder fast ausreserviert. Gastspiele eingeschlossen lief diese ironisch verkleinerte wie verfeinerte Wagner-Adaption bereits rund 70 Mal. Damit ist das Untoten-Drama das Erfolgsstück der Pocket Opera, mit dem sie zum Beispiel auch in einem Möbelhaus im oberfränkischen Gefrees (Bayreuth-nah!) hervorragend beim Publikum ankam.

"Ich denke aber im nächsten Jahr ist dann wirklich Feierabend. Zehn Jahre sind genug", kündigt Killer das Ende der dritten POC-Wagnerei nach "Männerlist größer als Frauenlist" im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 und dem "Tannhäuser" in der Peterskirche an.

Fest im Pocket-Jahr verankert sind auch die Beiträge für die Gluck-Geburtsstadt Berching. Dort im Landkreis Neumarkt soll im Herbst die neue Kulturhalle "Christoph Willibald Gluck" eingeweiht werden und da ist es natürlich Ehrensache für die Pocket Opera, dabei zu sein. Mit der "Orpheus"-Wanderung im Rahmen der letzten Gluck-Festspiele erreichte man immerhin 500 Zuschauer. Im Juni will man "L’ombra dell’amore – Orfeo ed Euridice" rund um das Hirtenmuseum in Hersbruck zeigen.

InfoWeitere Infos unter www.pocket-opera.de

JENS VOSKAMP

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