Donnerstag, 01.10.2020

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Wenn Geld das Gewissen besticht

Sommernachtsspieler Spalt bringen „Der Besuch der alten Dame“ auf die Bühne - 11.07.2011

Erst wird „Klärchen“ umjubelt, will sie dem armen Städtchen Güllen doch viel Geld vermachen. Dann zieht sie den Zorn der Bürger auf sich, weil sie als Bedingung für ihre milde Gabe zum Mord auffordert. Doch der wird schließlich vollzogen — nicht des Geldes, sondern der Gerechtigkeit wegen...

© Leykamm


Erst aber verlangt der Wetterwechsel den Zuschauern einiges an Geduld ab. Denn es dauert etwas, bis die Akteure und ihre Helfer alle Requisiten vom Veranstaltungsort im Freien in die Halle geschafft und dort neu aufgestellt haben, von wo aus bald schon einige zuckende Blitze zu sehen sind.

Eine recht passende atmosphärische Einstimmung auf die Ankunft von Claire Zachanassian (gespielt von Ute Bachmann-Wieder), die im imaginären Güllener Bahnhof per Privatbahn einfährt. Doch während das Stück selbst aufgrund der Kalamitäten erst eine dreiviertel Stunde später als geplant beginnen kann, kommt „Klärchen“, wie sie bald von den Bewohnern Güllens genannt wird, gleich zwei Stunden zu früh zum Besuch ihres Geburtsortes, was dort erst einmal für Chaos sorgt. Sie habe eben keine Lust gehabt, sich an den Fahrplan zu halten, sagt die „alte Dame“.

Vor fast fünf Jahrzehnten hatte sie das Städtchen nach der Geburt eines Kindes Hals über Kopf verlassen müssen. Ihrem damaligen Freud Alfred Ill (Martin Hoffmann) war es seinerzeit gelungen, die Vaterschaft vor Gericht erfolgreich (wenn auch wider besseren Wissens) abzustreiten. Aus Claire wurde eine Prostituierte, die es aber schaffte, sich einen Milliardär zu angeln. Seit seinem Tod wechselt sie ihre Ehepartner in rechter Windeseile. Als sie sich nach fünf Jahrzehnten in Güllen wieder sehen lässt, hat sie gerade Nummer sieben mit dabei. Am Ende des Stücks reist sie mit Nummer neun wieder ab.

Doch der Mann ist ihr egal: Sie will nur Rache, die sie Gerechtigkeit nennt. Dafür soll ihr Geld sorgen, für sie das Allheilmittel schlechthin. Und so stellt sie Güllen eine Milliarde in Aussicht — wenn Ill stirbt. Das lehnen Bürger und Bürgermeister (Fritz Leng) aber entrüstet ab. „Lieber arm als blutbefleckt!“ kommt es von den Lippen des Rathauschefs. Doch die Moral bröckelt schnell. Auf Pump kaufen sich die Güllener so manchen Luxusartikel, was Ill denn doch sehr nervös macht. Zugleich lässt die Geliebte seiner Jugend die schönsten Grabkränze heranschaffen und macht so den schleichenden Psychoterror perfekt.

Den Gegenwert des plötzlichen Wohlstands glaubt Ill zu wissen: „Alle werden mit mir bezahlen!“, sagt er verzweifelt und flüchtet sich in die Arme des Pfarrers (Christoph Wechsler). Doch dessen Glaube an Gott scheint unter dem riesigen Schatten der Milliarde in spe genauso zu schwinden wie der Glaube des Schulrektors (Markus Kummerer) an die Humanität. Wollten die Herren der Stadt Ill eben noch zum Ehrenbürger machen, weil er „Klärchen“ zur mutmaßlichen Wohltat für Güllen gewinnen konnte, so wird er nun zum Bösewicht ernannt, der eine arme junge Frau ins Elend stürzte.

Es ist das in Aussicht gestellte Geld, das die Gewissen der Güllener plötzlich im Kollektiv eine ganz andere Richtung nehmen lässt. Doch die Hände schmutzig machen will sich keiner — und der Bürgermeister rät Ill kurzerhand zum Selbstmord.

Doch der Beinahe-Ehrenbürger und jetzige Übeltäter will nicht und so kommt es zum großen Showdown in der Gemeindeversammlung, an der der Rektor sich geradezu verbal überschlägt. Es gehe nicht um Geld, sondern um den Kampf für die „Ideale der abendländischen Kultur“. Kurz darauf haucht Ill im Würgegriff einer ganzen Gemeinde sein Leben aus.

Mit der Inszenierung der Dürenmattschen Tragikomödie ist den Sommernachtsspieler Spalt ein guter Wurf gelungen. Dezent umgeschrieben und gekürzt, verfehlt das Stück seine Wirkung nicht, wie auch der langanhaltende Schlussapplaus der Premiere zeigt. Man merkt der Hauptdarstellerin an, wie intensiv sie sich ein halbes Jahr lang mit ihrer Figur auseinandergesetzt hat.

Überzeugend spielt auch Ill als ihr Gegenpart, der keinen leichten Job hat. Immerhin muss er sich im Stück vom Sympathieträger zum verzweifelten Bösewicht wandeln, der sich dann wieder willig in sein Schicksal ergibt. Und sich nur wundert, warum an seinem eigenen Ende Geld und nicht Gott für Gerechtigkeit sorgt — oder auch nicht....

Weitere Aufführungstermine des Stückes sind am Samstag, 16. Juli und Sonntag, 17. Juli sowie von Freitag, 22. Juli bis Sonntag, 24. Juli, Beginn ist jeweils um 20 Uhr. Gespielt wird je nach Wetterlage im Bürgergarten oder in der Stadthalle.

ley

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