Charlotte Knobloch erinnert sich an Verfolgung und Tod

12.12.2014, 08:19 Uhr
Charlotte Knobloch las in der Alten Synagoge aus ihren Autobiographie und berichtet, wie sie als Kind unter falschem Namen auf einem Bauernhof die NS-Zeit überlebte.

Charlotte Knobloch las in der Alten Synagoge aus ihren Autobiographie und berichtet, wie sie als Kind unter falschem Namen auf einem Bauernhof die NS-Zeit überlebte. © Foto: Wilhelm

Charlotte Knobloch ist eine der herausragenden Persönlichkeiten jüdischen Lebens in Deutschland. Sie ist Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Bundesrepublik hat sie mit höchsten Verdienstorden geehrt.

Am Mittwoch war sie in Schwabach, um für das neue Jüdische Museum zu werben und aus ihrer Biographie zu lesen.

Charlotte Knobloch beginnt „mit dem wichtigsten Tag in meinem Leben“. 9. November 2006: In München wird die neue Synagoge eröffnet. „Damit war die jüdische Gemeinde wieder im Herzen meiner Heimatstadt. Mein Traum war Wirklichkeit geworden.“

In der Nacht zuvor findet sie kaum Schlaf. „Die innere Anspannung will nicht weichen“, liest die 84-Jährige. Szenen ihres bewegten Lebens gehen ihr durch den Kopf. Ihre Geschichte erzählt sie in einem Buch: „In Deutschland angekommen — Erinnerungen“.

Es sind Erinnerungen an Verfolgung und Tod. Ihre Großeltern werden im KZ Theresienstadt ermordet. Und es ist die Geschichte einer fast unglaublich Rettung.

Der 9. November ist wie ein Fixpunkt ihrer Erinnerungen. Der guten an 2006. Und der an den 9. November 1938. „An diesem Tag wurde die Tür nach Auschwitz aufgestoßen.“ Die Nazis nennen ihn „Reichskristallnacht“. Der braune Mob plündert jüdische Geschäfte, brennt die Synagoge nieder, holt Juden aus ihren Wohnungen, schreckt selbst vor Mord nicht zurück.

Ihr Vater nimmt das sechsjährige Mädchen an der Hand. Es ist eine Flucht durch die Straßen ihrer Heimatstadt. „Nicht stehenbleiben, Charlotte, nicht stehenbleiben“, schärft ihr der Vater ein. „Es könnte uns jemand erkennen.“ Schließlich retten sie sich zu Freunden nach Gauting.

Doch die Deportationen in die Vernichtungslager beginnen erst. Ihr Vater sieht nur eine Chance für seine Tochter: Trennung. Ein neues Leben in einer nichtjüdischen Familie.

1942 bringt er sie nach Arberg, einem Bauerndorf bei Gunzenhausen. Dort lebt die katholische Kreszentia Hummel, das ehemalige Hausmädchen ihres Onkels in Nürnberg. Die „Zenzi“ gibt sie als ihr uneheliches Kind aus, erträgt die Verachtung des Dorfes, riskiert ihr eigenes und rettet Charlottes Leben.

Dieses Leben hat Charlotte Knobloch als Jüdin in Deutschland gelebt. Einem anderen Deutschland, „in dem Juden nicht mehr auf Koffern sitzen müssen“.

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