Donnerstag, 21.11.2019

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„Führerschein“-Prüfung für den Führhund

Die sehbehinderte Helga Mertmann hat einen neuen „Blindenhund“: Anton - 05.02.2015 11:01 Uhr

„Anton“ im Alltagstest: Helga Mertmann muss sich wegen ihrer Sehbehinderung auf ihren Führhund im Alltag verlassen können. „Mobilitätstrainer“ Michael Kleiß hat die beiden begleitet und den Hund im Auftrag der Krankenkasse getestet. © Foto: Robert Schmitt


Nur am Stadtpark vorbei zögert er kurz. Wenn die Schwabacherin etwas einkaufen oder sich im Café ausruhen will, dann legt sich Anton auf den Boden, um geduldig zu warten. Denn Anton ist kein Zweibeiner. Anton ist ein Blindenführhund.

Um seine Fähigkeiten zu testen, mussten sich er und sein Frauchen kürzlich einer „Gespannprüfung“ unterziehen. Die Krankenkasse hatte dazu Michael Kleiß geschickt. Er soll bestätigen, dass der Hund seine Besitzerin sicher durch eine Stadt bringen kann. Anton kann es. „Er hat Frau Mertmann wunderbar um alle Hindernisse herumgeführt, sie werden ein gutes Gespann bilden“, lautete das Resümee des selbständigen „Mobilitätstrainers“ aus Oberhaid bei Bamberg. Daher: „Prüfung bestanden.“

Sicherheit — für alle

Im heutigen Massenverkehr muss ein vierbeiniger Verkehrsteilnehmer höchsten Ansprüchen gerecht werden. „Ein ungeeigneter Blindenführhund mit einem womöglich ungeeigneten blinden Menschen würde die im Verkehr drohenden Gefahren erhöhen, statt sie zu verringern“, sagt Michael Kleiß. Laut Gesetz müssen Tiere im Straßenverkehr nämlich von Personen begleitet werden, die in geeigneter Weise auf sie einwirken können. Daraus ergebe sich eine äußerst komplexe Situation. „Ein Blinder ist für sein Hilfsmittel verantwortlich, das er ja gerade zu dem Zweck einsetzt, andere nicht zu schädigen“, erklärt Kleiß.

Das erfordert Übung und Prüfung. „Wie beim Führerschein.“ Querstraßen erkennen, planvoll Gehen, den Verkehr einschätzen, sich daran ausrichten und Entscheidungen treffen. Die Ansprüche an Anton sind enorm.

Die Krankenkassen sind Kostenträger für Blindenführhunde. Zwischen 20 000 und 25 000 Euro fallen für den Alltagshelfer an. „Etwa 50 davon gibt es im Mittelfranken“, sagt Klaus Weber vom Bayerischen Verband der Blinden und Sehbehinderten. Er und seine Kollegin Anne Kaiser begleiten die Prüfung.

„Labradoodle“

Sie führt von Helga Mertmanns Wohnung in der Kettelerstraße zum Bahnhof. Treppe runter, Treppe rauf. Am Bahnsteig fährt die S-Bahn ein. Das Mensch-Tier-Gespann bewältigt Ein- und Ausstieg vorbildlich. Wieder Treppe runter, Treppe rauf. Zebrastreifen überqueren. Dann die Bahnhofsstraße entlang ins Zentrum.

Anton ist ein „Labradoodle“, eine Mischung also. Ihnen sagt man nach, sie vereinigten die Vorteile beider Rassen: Die Gelassenheit des Labradors und die Intelligenz des Pudels. „Anton ist sehr freundlich und hat ein gutes Sozialverhalten“, beschreibt Michael _Kleiß die schnell erkennbaren Teile seines Charakters. Die helle Farbe des Fells und sein kuscheliges Äußeres laden förmlich zum Streicheln ein. Anton nimmt gerne Kontakt auf, mit Menschen ebenso wie mit anderen Hunden. Dann aber wendet er sich schnell wieder seiner eigentlichen Aufgabe zu. „Er ist wach und interessiert, zugleich lässt er sich gut zur Arbeit zurückrufen“, sagt Michael Kleiß.

Seit 1989 beschäftigte sich der Australier Wally Conron mit Zuchtversuchen für einen Blindenführhund, der für Menschen mit einer Hundehaarallergie besser verträglich sein sollte. Dazu kreuzte er den häufig als Blindenhund eingesetzten Labrador mit dem Großpudel, der keinem Fellwechsel unterliegt. Die dabei entstandenen Hunde wurden durch das Zusammenziehen der beiden Rassenamen als „Labradoodle“ bezeichnet. Sie gelten nicht als eigene Rasse, sondern als Hybridhunde. Das Ziel des fehlenden Fellwechsels ist allerdings noch nicht vollständig erreicht.

Anton kennt die Wege

Helga Mertmann und Anton bilden seit 1. Dezember ein Gespann. In den zwei Monaten bis zur Prüfung hat sie viel mit ihm geübt. „Er weiß, wo die Bank ist und wo mein Lieblingscafé“, sagt Mertmann. „Such Treppe“, lautet ihr erster Befahl auf dem Bahnhofsvorplatz. „Er muss sie sehen, dann findet er sie auch“, erklärt Michael Kleiß. Für Helga Mertmann ist Antons Reaktion im Angesicht einer Gefahrenquelle besonders wichtig. „Dann stellt er sich quer vor mich“, beschreibt sie das Verhalten des mit 21 Monaten noch jungen Führhundes. Michael Kleiß lobt seine hohe Aufmerksamkeit auf dem Weg ins Zentrum. „Er hat jeden abgeflachten Bordstein und jede Änderung des Bodenbelags erkannt.“

Diese Fähigkeiten kommen nicht von ungefähr. Anton ist bei Eva Rehm groß geworden. Die Führhundetrainerin aus Abensberg hat ihn als Welpe erworben und ihm in etwa eineinhalb Jahren das erforderliche Rüstzeug vermittelt, mit dem er zum wichtigen Helfer im Alltag blinder Menschen werden kann. Anton versetzt Helga Mertmann schließlich in die Lage, individuell und unabhängig mobil zu sein. Er führt zu Treppen, erkennt Aufzüge, warnt vor Gruben und umkurvt Monsterjeeps. Erstaunlicheres könnte ein Hund kaum leisten.

ROBERT SCHMITT

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