Bornemann bleibt Realist: "Dürfen den Club nicht überfordern"

4.8.2018, 05:50 Uhr
Bornemann bleibt Realist:

© Daniel Marr/Zink

Herr Bornemann, soll ich Ihnen zum Einstieg ein paar aktuelle Fan-Beurteilungen Ihrer Arbeit in den Sozialen Medien vorlesen?

Bornemann: Nein. Ich kann mich da auch so hinein versetzen und die leichte Ungeduld verstehen, was unsere Transferpolitik betrifft.

Die Ungeduld, die gerade in Panik über zu gehen droht.

Bornemann: Auch das kann ich verstehen, aber ich habe die Situation oft genug beschrieben. Wir wollen einen Qualitätszugewinn und deshalb werden wir auf Gelegenheiten lauern müssen, vielleicht bis zum Ende der Transferperiode.

Gerade ist ein Text über Sie erschienen, der mit "der Antiheld" überschrieben ist.

Bornemann: Den habe ich auch gelesen, weiß aber noch nicht so genau, wie ich das einordnen soll.

Ich habe es so verstanden, dass da einer unaufgeregt seine Arbeit macht, dafür aber nicht zu sehr gelobt und damit nicht zu sehr in der Öffentlichkeit stehen will. Fühlen Sie sich so gut beschrieben?

Bornemann: Damit kann ich sehr gut leben.

Geht man mit dieser Einstellung manchmal ein wenig unter neben einem Trainer, der doch eher laut daher kommt?

Bornemann: Vielleicht in der öffentlichen Wahrnehmung, aber mich stört das nicht. Du brauchst so einen Trainer, weil der jeden Tag mit 25 jungen Menschen arbeiten und die in der Spur halten muss. Das wäre vielleicht nicht so einfach, hätte er eine Herangehensweise wie meine.

Das heißt Sie wären ein schlechter Trainer geworden?

Bornemann: Vermutlich, das war bei mir nie eine Option, ganz ehrlich. Viele meiner früheren Trainer haben mir zwar prophezeit: Du wirst auf jeden Fall Trainer. Ich habe das für mich aber relativ früh gedanklich beiseite geschoben. In meinen ersten Jahren in Freiburg hat mir Achim Stocker (der damalige Präsident des SC Freiburg, die Redaktion) immer mal wieder nahe gelegt: Du musst mehr nach vorne. Ich habe ihm aber gesagt, dass das nicht meine Art ist. Für mich ist es das Schlimmste, wenn du etwas darstellen willst, was du nicht bist.

Haben Sie versucht, lauter zu sein? Sie haben mal über die internen Diskussionen in Freiburg erzählt, da scheint mir die Taktik nicht unangebracht.

Bornemann: Hinter verschlossenen Türen war es auch da laut. Das hat mich anfangs selbst erstaunt. Ich habe das ja zunächst als Spieler erlebt, alles wirkte so ruhig und beschaulich, wie man Freiburg eben kennt, und dann kommst du in diesen Betrieb rein, der um den Fußball herum passiert. Wenn du dann dabei warst, wenn Dinge besprochen wurden – dass da ständig Fetzen fliegen. Es waren aber auch drei starke Persönlichkeiten mit dem Trainer Volker Finke, Stocker und Manager Andreas Rettig. Da fragst du dich als neuer Nachwuchschef schon, ob das überhaupt deine Welt ist? Als es dann um die Rettig-Nachfolge ging, habe ich das auch thematisiert, dass das nicht meine Art ist. Entweder es funktioniert auf meine Art oder nicht.

Ruhig und beschaulich – vom 1. FC Nürnberg würde man das auch auf den ersten Blick nicht vermuten. Der ist eher laut und immer wieder aufgeregt. Hatten Sie in Ihrer Anfangszeit hier Zweifel, ob das zusammen passt, Sie und der Club?

Bornemann: Eigentlich nicht. Die handelnden Personen, die sich für mich entschieden haben, hatten ja eine Idee. Und vielleicht ging es darum, diesen Verein wieder zu einen. Ich glaube, dass der Verein heute wieder viel mehr Ruhe ausstrahlt.

Können Sie in dieser Ruhe derzeit entspannt arbeiten? Sie sind immerhin in die erste Liga aufgestiegen.

Bornemann: Entspanntes Arbeiten gibt es hier ja nie. Ein wesentlicher Teil meines Jobs ist es, eine Mannschaft zusammen zu bekommen – und das ist mit unseren Mitteln nicht unbedingt einfach.

Wie oft waren Sie denn schon bei Finanzvorstand Michael Meeske und haben ihm gesagt, dass das ja ganz nett ist mit der finanziellen Konsolidierung, aber die vier Millionen Euro, die Sie für Spieler ausgeben dürfen, mindestens vier Millionen zu wenig sind?

Bornemann: Es ist ja immer die spannende Frage, wie viel genug wäre, um damit etwas Gutes zu machen?

Und, haben Sie das Gefühl, genug zu haben?

Bornemann: Unter den gegebenen Bedingungen: Ja. Mein Vorteil ist, dass ich aus der kaufmännischen Ecke komme. Ich weiß, wie eine Bilanz zu lesen ist.

Aber es geht ja auch um Ihren Ruf. Sie könnten am Ende der Depp sein, von dem alle sagen, der schafft es nicht einmal den Lezcano aus Ingolstadt zu holen. Und der will da eigentlich unbedingt weg.

Bornemann: Das kann passieren. Aber ich will auch nicht derjenige sein, der immer fordert und den Verein damit überfordert. Es geht um eine realistische Einschätzung unserer Möglichkeiten. Von allen übrigens: vom Vorstand, vom Aufsichtsrat und im besten Fall von einem Großteil der Fans und Mitglieder. Ich weiß, dass die Sehnsucht, in der Bundesliga zu bleiben und dort Spiele zu gewinnen, größer sein wird, als die Vernunft, die ich walten lasse. Aber: Du darfst einen Verein nicht überfordern, du darfst ihn nicht an die Kante führen, wo es dann irgendwann eng wird. An dieser Einstellung wird sich bei mir nichts mehr ändern. Wir setzen unsere Mittel so ein, dass wir sportlich eine maximale Chance haben, aber nicht Gefahr laufen, finanziell noch einmal in Schieflage zu geraten.

Jetzt ist Ihr Budget relativ bekannt in der Fußball-Republik. Schon einmal weggedrückt worden von einem Berater, als Sie angerufen haben, weil der sich denkt, der kann sich meinen Spieler sowieso nicht leisten?

Bornemann: Nein. Aber es kennen natürlich alle die Verhältnisse. Und wenn wir besagten Spieler in Ingolstadt anschauen: Da merkt man eben, dass auch in der 2. Liga die meisten Vereine gesund sind und nicht immer zwingend auf Transfererlöse angewiesen sind. Oder dass Vereine wie Köln in Transfersphären unterwegs sind, die wir nicht erreichen können.

Sie würden sich wahrscheinlich gerade einen Zweitligisten wünschen, wie der 1. FC Nürnberg bis vor kurzem einer war: Mit talentierten Spielern, die aus der Not heraus verkauft werden müssen.

Bornemann: Diesen Verein versuche ich die ganze Zeit auszugucken, aber ich finde ihn nicht. Wir müssen jetzt erst einmal schauen, dass wir nicht mehr in diese Situation kommen. Dass wir mal Nein sagen können, wenn jemand unsere Spieler will. Bei Eduard Löwen oder Lukas Mühl ist das ja gelungen.

Sie suchen vor allem Stürmer und einen Ersatz für Kevin Möhwald.

Bornemann: Es ist so, dass die offensiven Außenbahnen Priorität haben. Dazu brauchen wir noch einen Ersatz für Möhwald, wobei in dieser Rolle auch Eduard Löwen spielen könnte. Unabhängig von den Positionen merken wir, dass uns Erfahrung gut tun würde. Es ist eben doch etwas anderes, wenn du in Dortmund vor 80.000 Zuschauern spielst.

Der Trainer sagt, dass das gar kein Problem ist.

Bornemann: Ein Problem vielleicht nicht, aber eine neue Erfahrung. Wir sind alle gespannt. Es kann eben sein, dass du in Dortmund mal nach zehn Minuten 0:2 hinten liegst. Da brauchst du ein paar Anker in der Mannschaft.

Wann sind die da?

Bornemann: Spätestens am 31. August, wenn möglich früher.

Was müsste in dieser starken Liga passieren, dass sie am Ende der Saison eine Geschichte über sich akzeptieren, die vom Helden Bornemann spricht und nicht vom Anti-Helden?

Bornemann: Das wird nicht passieren, ich werde nicht am letzten Spieltag in der 90. Minute einen Ball über die Linie bugsieren. Der Heldenstatus sollte den Spielern vorbehalten sein – wenn es ihn überhaupt braucht.

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