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Club-Kapitän Behrens: "Man wird oft beschimpft, auch unter der Gürtellinie"

Ein halbes Jahr mit "vielen Komplikationen" liege hinter dem Club - 21.01.2020 05:58 Uhr

Rastloser Antreiber in schwierigen Zeiten - eine Rolle, die zermürbend sein kann. Zumal auch Hanno Behrens der Gegenwind heftig ins Gesicht blies. © Sportfoto Zink / Wolfgang Zink


Hanno Behrens hat sich einen Tee bestellt in der Lounge des Mannschaftshotels und rührt auch kurz darin, trinken wird er ihn nicht. Zu sehr ist der Kapitän des 1. FC Nürnberg vertieft in sein Gespräch. Vor allem über unangenehme Themen, die ihn gerade extrem zu beschäftigen scheinen, ja die ihm zusetzen. Seit viereinhalb Jahren ist er jetzt schon das Gesicht des Clubs. Der Sonnyboy und Hobbysurfer aus Elmshorn, immer freundlich, immer hilfsbereit, immer da, wenn man ihn brauchte. Das ist er nach wie vor, nur vielleicht nicht mehr mit der Begeisterung, mit der Euphorie von einst. Das ständige Auf und Ab mit seinen Mannschaften scheint Spuren hinterlassen zu haben. Unbeschwert war einmal.


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Besonders die zum Teil asozialen Verunglimpfungen im Internet machen ihm zu schaffen. "Das ist schon eine neue Erfahrung", sagt Behrens, "es gab viele komplizierte Online-Kommentare." Er selbst liest wenig, die eine oder andere Zeile wird trotzdem an ihn herangetragen. Mitunter Sachen, die keiner über sich hören möchte. "Ich glaube, dass das niemanden völlig kalt lässt, es gehört zum Geschäft", damit hat sich Behrens eigentlich abgefunden. Gegen konstruktive Kritik hat er ja auch nichts, gegen persönliche, anonyme Beleidigungen umso mehr. Dass ihn etliche Anhänger mit verantwortlich machen für den Absturz, weil auch sein Spielniveau starken Schwankungen unterworfen war, damit kann Behrens leben. Das weiß er selbst. "Ein schwieriges erstes halbes Jahr, es gab viele Komplikationen", sagt Behrens, möchte aber nicht zu sehr ins Detail gehen.

Erschöpft von den Turbulenzen beim Club

Der neue Trainer im Sommer, der durchwachsene Start, auch zwischenmenschlich gab es Ärger, obwohl Behrens das Kapitel ausspart in seiner Analyse. Und irgendwann der freie Fall. "Wenn man eines Tages unten drinsteckt, ist es schwer, da wieder herauszukommen", Behrens kennt das aus der vergangenen Saison, als es den 1. FC Nürnberg erwischte. Eine Klasse drüber. Die Menschen standen trotzdem hinter ihrem Club und auch hinter Behrens. Sie hatten seinerzeit ein gutes Gespür dafür entwickelt, was diese Fußballer imstande waren zu leisten und was nicht. Wer kämpft und alles gibt, darf auch verlieren, lautete der Tenor, dann hat es eben nicht ganz gereicht. In der Zweiten Liga ist die Erwartungshaltung aber wieder eine andere; 19 Punkte nach 18 Spielen spülten auch Behrens‘ Standing weg, längst ist der einstige Liebling der Massen nur noch einer von elf, die gegen Wehen oder Aue verloren.

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Die Krise des 1. FC Nürnberg ist längst auch seine. "Ich denke, dass wir als Mannschaft einfach kein gutes Halbjahr hatten, und dann sieht keiner gut aus", sagt Behrens, "im Kollektiv konnten wir nicht an unsere Leistungsgrenze kommen, mich eingeschlossen." Weil der von ihm selbst gesetzte Maßstab aber ein ganz andere ist, senkten viele den Daumen. Oder feierten ihn wie nach dem 1:0 gegen Osnabrück, als Behrens zunächst auf der Bank saß. "Dass einer 34 Spiele macht wie ich in der Aufstiegssaison, ist nicht normal", betont er, aber was ist schon normal in diesem Verein.


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Die ständigen Extreme haben Behrens sichtlich mitgenommen, er wirkt tatsächlich ein wenig Nürnberg-müde. "Es sind emotionale Jahre gewesen, der Aufstieg, die Erste Liga, eine sehr schwierige Runde, auch mit all den Ungerechtigkeiten, die uns da widerfahren sind, das zehrt natürlich an einem", sagt Behrens, erst recht, wenn‘s richtig schlecht läuft wie jetzt seit fast 16 Monaten. In denen der zentrale bis offensive Mittelfeldspieler häufig auf der von ihm ungeliebten Position vor der Abwehr aushelfen musste.

"Erwarte keine Dankbarkeit, aber Respekt"

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Auch Behrens muss sich viel anhören, "man wird oft beschimpft, auch unter der Gürtellinie, das geht an keinem spurlos vorbei, an mir auch nicht", sagt der bald 30-Jährige, "ein paar Monate nach dem Aufstieg ist man dann auf einmal nicht nur als Fußballer, sondern auch als Mensch ein Versager, das kann ich nicht akzeptieren." "Schwach" findet er das von bestimmten Leuten, "ich erwarte keine Dankbarkeit, aber zumindest Respekt den handelnden Personen gegenüber." Weil er den oft schmerzlich vermisste, hat sich Behrens in letzter Zeit ein wenig abgekapselt, spricht sogar von "emotionaler Distanz", um nicht unterzugehen, erst recht, wenn man verhöhnt wird oder sich schlimme Gesten ansehen muss: "Da braucht man zum Selbstschutz einfach eine gewisse Ignoranz." Was nicht heißt, dass Behrens nicht mehr an seinem Club hängt. Aber wohl nicht mehr so wie früher.

Sein Vertrag läuft noch bis Juni 2021. Ob er den auch erfüllt, wird sich wohl spätestens im Sommer entscheiden, vielleicht auch früher. "Darüber mache ich mir gerade überhaupt keine Gedanken", sagt Behrens, "wir möchten die Saison jetzt einfach nur möglichst schnell in die richtige Richtung bringen." Vor allem Jens Keller mache ihm Mut, "sehr gut" sei die Zusammenarbeit, "ich glaube, dass wir nach dieser Vorbereitung anders auftreten werden." Auch oder gerade er. Sein Tee ist jetzt kalt.

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