Ein Herz für Nazis

DFB-Held Leon Goretzka: Wie ein Boss

24.6.2021, 18:02 Uhr
Leon Goretzka verbreitet Liebe. 

Leon Goretzka verbreitet Liebe.  © Lukas Barth, dpa

Während sich am Wiener Platz ein schwarzer Block aus Muskeln, Glatzen, Tattoos und Mittelfingern bildete, während sie den friedlichen Menschen mitten in München, den Regenbogenultras und den Unbeteiligten immer wieder ihr hässliches "Schwul, schwul, Deutschland, schwul" entgegenspien, während sich also inmitten der Weltstadt mit Herz ein Kulturkampf manifestierte, bereitete sich Leon Goretzka auf den vielleicht wichtigsten Moment seiner an wichtigen Momenten keineswegs armen Karriere vor.

Während die "Carpathian Brigade", dieser lächerlich wirkende, dennoch furchterregende Zusammenschluss ungarischer, nun ja, Fans mit Hitlergrüßen durch eine Stadt zog, in der vor hundert Jahren alles begonnen hatte, widmete sich Goretzka seinen Routinen, wie vor jedem anderen großen und kleinen Fußballspiel.

Mitten in den schwarzen Block

Während sich diese bekennenden und stolzen Rechtsradikalen in der Kurve hinter dem Tor zusammenrotteten, ohne Maske, ohne Abstand, oft ohne Oberbekleidung, während sie nur durch Polizeigewalt daran gehindert werden konnten, den Block nebenan zu stürmen, da wünschte sich Goretzka, dieser 26-Jährige aus Bochum, nicht mehr, als endlich eingewechselt zu werden, um seiner Mannschaft zu helfen – und letztlich ganz Fußball-Deutschland.

Und Markus Söder zeigt Sándor Csányi seine Regenbogenmaske.

Und Markus Söder zeigt Sándor Csányi seine Regenbogenmaske. © Matthias Hangst, dpa

Aber als es endlich soweit war, nachdem er den Ball auf Timo Werner hatte abtropfen lassen, nachdem er ihm wieder vor die Füße geprallt war, nachdem er ihn zur Erlösung von Joachim Löw und 80 Millionen weiterer Bundestrainer endlich auf den Weg ins ungarische Tor geschickt hatte, da richtete sich Leon Goretzka auf der Flucht vor seinen Teamkollegen direkt an die selbst ernannte ungarische Hooligan-Armee hinter dem Tor. Goretzka formte mit seinen Händen ein Herz, so wie es viele Fußballer machen, weil sie Freundin, Frau, Kind, Mutter grüßen. Goretzka aber sendete seine Liebe ernsten Blickes mitten in den schwarzen Block.

"Schwarzrotgold sind nicht die Farben der Rechten"

Danach beschrieb er das 2:2, wie ganz normale Fußballer seit Generationen ganz normale Treffer beschreiben. "Ich weiß gar nicht mehr genau, wer den Ball in den Sechzehner legt", erzählte er dem Fernsehpublikum. "Der Schuss von Timo Werner wird abgeblockt, dann fällt er mir vor die Füße – und dann nur noch rein damit." Ganz einfach. Ganz normal. Aber nichts an diesem Tor war normal, und das lag nicht einmal daran, dass er in der 84. Minute gegen Ungarn getroffen hatte, so wie Helmut Rahn aus dem Hintergrund vor 67 Jahren im Wankdorf-Stadion von Bern in der 84. Minute gegen Ungarn getroffen hatte; und es lag auch nicht daran, dass er Deutschland mit dem 2:2 wieder vom vierten Platz der Gruppe F ins Achtelfinale und zugleich ins Wembley-Stadion schoss. Es war die Geste, mit der Leon Goretzka wie einst Helmut Rahn zu einem Boss wurde. Goretzka provozierte nicht, er beleidigte niemanden, erhöhte sich nicht. Als ihm alle zusahen, verbreitete er Liebe. "Spread love", schrieb er später auf Instagram, wo vieles beliebig wirkt, eigentlich alles oberflächlich bleibt.

Goretzka aber hatte diese Geste lange vorbereitet, mit klugen ehrlichen Sätzen über Rassismus und Sexismus, über Homophobie und Fremdenfeindlichkeit, über Hass und Ausgrenzung. Er hat eine Holocaust-Überlebende an deren 99. Geburtstag besucht, mit Joshua Kimmich eine millionenschwere Initiative ins Leben gerufen, die Opfern der Corona-Krise helfen sollte und geholfen hat; er hat sich mit einer "Nazis raus"-Fahne fotografieren lassen, als es plötzlich als linksradikal galt, antifaschistisch zu denken und zu handeln. Goretzka hat vieles richtig gemacht und erstaunlich viel Richtiges gesagt, zum Beispiel im ersten Trainingslager des DFB in Seefeld: "Wenn ich für unser Land spielen darf, möchte ich für unsere Werte und Verfassung spielen, nicht für ein Land, das in Geschichte nicht aufgepasst hat. Schwarzrotgold sind die Farben unserer Demokratie, nicht der Rechten."

Viel weniger Herzchen für Söder

Und weil dieser Goretzka zusätzlich noch sich und seine Schönheit, sein Sixpack, seinen grotesk trainierten Bizeps, sein Lächeln und seine Locken zu inszenieren weiß, erreicht er mit einem seiner Sätze mehr Menschen als ganze Fraktionen in einer Legislaturperiode. 1,8 Millionen folgen ihm auf Instagram, 26 Millionen TV-Zuschauer sahen ihm am Mittwochabend dabei zu, wie er in einem Fußballstadion Liebe verbreitete.

Anlässlich dieses letztlich aufregenden, aber selten schönen Fußballspiels wurden viele Symbole ausgestellt. Markus Söder, einst Shrek, Gandhi und der nächste Bundeskanzler Deutschlands, trat Sandor Csanyi, Präsident des ungarischen Fußballverbands, Vertrauter des ungarischen Autokraten Viktor Orban und als Vizepräsident der Uefa maßgeblich dafür verantwortlich, dass Budapest während der Pandemie zur Hauptstadt des zynischen Geldfußballs wurde, dieser Hauptfigur des Konflikts um die angemessene Farbwahl trat der Ministerpräsident also mit einer Regenbogenmaske gegenüber. Bei Instagram gab es dafür aber nur 29.000 Herzchen, für Goretzkas Herz gab es 388.000 – vielleicht auch, weil selbst Instagram-Nutzer durchaus den Unterschied zwischen authentisch und wohlfeil kennen.

Goretzka brauchte keine Maske und keine Fahne wie der Flitzer, der sich plötzlich während der Hymnen neben der ungarischen Elf materialisiert hatte und es damit ebenfalls in die Fotorückblicke auf diese Fußball-EM schaffen wird. Goretzka brauchte für seine Botschaft nur zwei Hände, Mut, einen starken rechten Fuß, damit ihn jemand wahrnimmt, und ein großes Herz.

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