Kurswechsel beim Schlusslicht

Warum Frank Fischöder nicht mehr Trainer der Ice Tigers ist

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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Nie ohne Taktiktafel: Am Ende hat Frank Fischöder selbst sein Klemmbrett keinen Halt mehr gegeben. 

Nie ohne Taktiktafel: Am Ende hat Frank Fischöder selbst sein Klemmbrett keinen Halt mehr gegeben.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Brockmann und Gaudet waren noch schneller: Vielleicht liegt es am Einfluss des einstmals so großen und selten geduldigen Fußballclubs auf der anderen Seite der Karl-Steigelmann-Straße, vielleicht aber auch an der Sportart an sich. In mehr als einem Vierteljahrhundert Zugehörigkeit zur höchsten deutschen Spielklasse im Eishockey wechselten die Ice Tigers beständig zwischen Unbeständigkeit und Konstanz – neuerdings mit einer klaren Tendenz zur Überreaktion. Im Herbst 2011 durfte Andreas Brockmann nur noch drei Spiele hinter der Bande stehen, allerdings war es bereits die vierte Saison des ehemaligen Nationalspielers. Ein Jahr später hat Thomas Sabo immerhin 26 Spiele mit dem progressiven Jeff Tomlinson zugelassen. Kevin Gaudet war 2018 tatsächlich nur vier DEL-Spiele Cheftrainer der Ice Tigers. Das war selbst für diese nervöse Sportart rekordverdächtig. Für Frank Fischöder war in seiner zweiten Saison nach sechs Spielen Schluss. Das ging schnell, aber nicht historisch schnell.

Versagen nach Zahlen: Man muss tief in den Statistikspalten hinunterscrollen, um entlastendes Material zu finden. In der Addition von Schussquote und Fangquote belegen die Ice Tigers in der aktuellen Spielzeit wie in der Saison zuvor den vorletzten Rang. Im Eishockey ist dieser sogenannte PDO-Wert ein Indikator für Glück, jeder Wert über 100 Prozentpunkte wird also eher belächelt. Die Ice Tigers kamen im Frühjahr 2021 auf einen PDO von 98,1, im Herbst auf 94,8. Vereinfacht ausgedrückt: die Stürmer haben selten getroffen, die Torhüter oft danebengelangt, ein bisschen Pech war auch dabei. Dem Trainer allein sind diese schwachen Werte nicht anzulasten. Das war es dann aber auch. Alle weiteren Zahlen sind verheerend für Frank Fischöder: Von 44 Spielen mit dem gebürtigen Dortmunder als Trainer hat Nürnberg nur elf gewonnen; das Power-Play war in seiner ersten Saison unterdurchschnittlich (18,55%), in seiner zweiten ist es schlecht (16,67%); dasselbe gilt für das Unterzahlspiel (77,78%/76,00%) und für die Misserfolgsquote am Bullypunkt (46,25%/43,55%). Auch wenn die Ice Tigers gegen Bietigheim (3:0), in Mannheim (2:3), gegen Bremerhaven (2:3) und ein Drittel lang sogar in Schwenningen (3:8) stark gespielt hatten, statistisch und analytisch sind sie derzeit noch schlechter als in ihrer miesen Geistersaison.

Nürnberg verliert einen Standortvorteil: Der beste deutsche Eishockeyspieler vielleicht aller Zeiten meldet sich noch regelmäßig, mit vielen anderen Nationalspielern hat er immer noch Kontakt. Der exzellente Ruf Frank Fischöders hatte sich eben nicht nur auf die Abonnementmeisterschaften mit den Jungadlern Mannheim bezogen oder die großen Namen (Draisaitl, Kahun, Seider, Stützle), die er trainiert und entwickelt hat. Fischöder ist beliebt. Für einen Klub wie die Nürnberg Ice Tigers, der sich nicht nur wegen der Pandemie selbst zur wirtschaftlichen Vernunft hat zwingen müssen, war das ein Standortvorteil. Jung und talentiert sollten die neuen Ice Tigers sein, kommt ein deutscher Pass hinzu aber wird es aufgrund der verschärften U23-Regel teuer. In der DEL wird nicht um Importspieler, sondern längst um junge deutsche Profis wettgeboten. Trotzdem sind vielversprechende Spieler wie Fabrizio Pilu, Tim Fleischer oder Charly Jahnke nach Nürnberg gekommen. In der Vorsaison hat Fischöder Julius Karrer zu einem Kurzzeitnationalspieler gemacht, aus dem 29 Jahre alten Daniel Schmölz wurde einer der besten Torjäger der Liga. Seinem Ruf als Entwickler dürfte selbst seine verheerende Bilanz nicht geschadet haben.

Zu selten eine Hilfe: Andrew Bodnarchuk läuft in Nürnberg nicht nur seiner Form hinterher. 

Zu selten eine Hilfe: Andrew Bodnarchuk läuft in Nürnberg nicht nur seiner Form hinterher.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Vielleicht sind die Ice Tigers einfach nicht besser: Auf dem Papier werden auch im Eishockey keine Spiele entschieden, zumindest sehr, sehr selten. Auf dem Papier aber gibt es in der DEL nachweislich elf, zwölf Mannschaften, deren Spieler prominenter, erfahrener und höher bezahlt sind als die Ice Tigers. Geld, so heißt es auch im Eishockey, schießt keine Tore. Meisterschaften aber gewinnt Geld schon. Und in Nürnberg hat man zwar Geld, gibt aber nur das aus und nicht bereits Geld, das man am Ende der Saison vielleicht hat. Auch deshalb werden die Ice Tigers mittlerweile genannt, wenn es um Abstiegskandidaten geht. Ein Argument dagegen war stets der Kern an erfahrenen und verdienten deutschen Spielern. Nun hat aber fast ausschließlich der Großteil der neuen Spieler überzeugt: Sheehy, MacLeod, Welsh, Fleischer, Pilu und Jahnke machen die Ice Tigers besser. Bender, Mebus, Reimer, Schmölz und auch Torhüter Treutle geben der Mannschaft bislang keine Sicherheit. Dazu kommen mit Dane Fox und Andrew Bodnarchuk Importspieler, die nicht nur ihrer Form hinterherlaufen. Es bleibt also die ungute Befürchtung, dass die Ice Tigers gar nicht sehr besser sein können, als es die Tabelle seit zehn Monaten aussagt.

Eine nachvollziehbare Entscheidung: Vielleicht hätte Frank Fischöder noch Zeit gebraucht, um die Mannschaft über 60 Minuten zu stabilisieren, um aus einem gefährlichen ein torgefährliches Team zu machen. In der Pressemitteilung zur Beurlaubung des 50-Jährigen aber ließ sich Stefan Ustorf mit einem ehrlichen Satz zitieren: „Leider ist Zeit in diesem Jahr ein Luxus, den wir nicht haben. Wir benötigen Resultate und sind der Meinung, dass die Mannschaft jetzt einen neuen Impuls hinter der Bande braucht.“ Der oftmals und vielerorts gelobte Drei-Jahres-Plan nicht nur mit einer jungen Mannschaft, sondern auch mit dem dafür passenden Trainer anzutreten, ist also bereits nach einem Jahr gescheitert. Am Ende der Saison wird ein Klub in die DEL2 absteigen, vielleicht sogar zwei Klubs oder doch keiner – so genau vermag das im Eishockey niemand zu prognostizieren. Es ist aber so oder so oder so zu gefährlich, um Frank Fischöder noch ein wenig Zeit zu geben. Und das ist nur ein guter Grund für diese Beurlaubung. Die Ice Tigers haben die Geistersaison dank treuer und engagierter Sponsoren überstanden. Diesen Geldgebern kann man ein 0:8 in Ingolstadt erklären, vielleicht sogar noch ein weiteres 0:7 in Ingolstadt. Dass ein 3:8 beim Tabellenletzten in Schwenningen aber ohne Konsequenzen bleiben soll, das wird kein Unternehmer verstehen, dem diese Ice Tigers ein erfolgreicher Werbeträger sein sollen. Ustorf hat sowohl den Großteil der Mannschaft als auch den Cheftrainer von seinem Vorgänger übernehmen müssen. Jetzt hat er den Vorgängen und den Trainer beurlaubt. Ustorf allein ist der starke Mann hinter der Bande - mit allen Konsequenzen.

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