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Keller, FCN und Corona: "Man sucht für sich nach Lösungen"

Der Club-Trainer vermisst den Kontakt mit der Mannschaft - 30.03.2020 06:30 Uhr

Die Sehnsucht nach dem Max-Morlock-Stadion: Jens Keller und sein 1. FC Nürnberg würden lieber heute als morgen wieder für ihre Fans Fußball spielen. © Sportfoto Zink / Daniel Marr, Sportfoto Zink / DaMa


Der Trainer des 1. FC Nürnberg hat gerade Zeit, richtig viel Zeit sogar. Jedenfalls mehr Zeit, als ihm lieb ist. Es entwickelt sich ein Telefonat mit zentralem Themenschwerpunkt: Die globale setzt auch Jens Keller schwer zu. Während der zweiwöchigen Quarantäne beschäftigte er sich intensiv vor allem mit möglichen Folgen der Pandemie, musste aber, auch wenn es ihm nicht immer leicht fiel, natürlich parallel seinen beruflichen Pflichten als Chef einer Fußballmannschaft nachkommen. Die er, so hofft er jedenfalls, zeitnah wieder um sich versammeln darf.

Herr Keller, wie geht es einem so, als Fußballtrainer ohne Fußballmannschaft?

Jens Keller: Es ist mein Job, deshalb beschäftigt es mich schon, wobei wir uns da aktuell natürlich in einem ganz kleiner Kosmos bewegen. Es beschäftigen mich auch sehr viele andere Dinge. Aber klar, man macht sich Gedanken, wie man gerade jetzt mit der Mannschaft umgehen sollte. Da ist man eigentlich ständig irgendwie am Analysieren, wie man es optimal lösen kann. Obwohl es für diese neue und unbekannte Situation noch keinen fertigen Lösungskatalog gibt, versucht man trotzdem für sich, eine Lösung zu finden.

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Was ging Ihnen während der räumlichen Isolierung denn alles so durch den Kopf?

Keller: Mir ging unter anderem durch den Kopf, dass ich in meinem Leben nichts anstellen werde, wofür ich ins Gefängnis gehen müsste. Aber im Ernst: Die Corona-Krise beschäftigt einen doch sehr, gar keine Frage. Man kriegt natürlich auch wahnsinnig viele Informationen, macht sich Gedanken, wie das alles so weitergehen könnte, was noch alles passiert. Klar ist man auch ständig mit dem Thema konfrontiert durch die Medien, aber das ist für alle ganz, ganz schwierig.

Was hat Sie während der zweiwöchigen Quarantäne mehr beschäftigt: die allgemeine Ohnmacht wegen der Pandemie oder die persönliche Ohnmacht, ihren Beruf nicht wie gewohnt ausüben zu können?

Keller: Um mich persönlich geht es jetzt überhaupt nicht. Es geht darum, dass die ganze Welt vor einem Riesenproblem steht. Das wühlt mich deutlich mehr auf. Auf der Welt gibt es gerade größere Probleme als die Frage, ob Jens Keller seinen Job ausüben kann.

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Haben Sie Kontakt gehalten zu Ihren Spielern, also zu jedem Einzelnen? Sprich: 20, 25 Telefonate am Tag? Wie muss man sich das vorstellen?

Keller: Selbstverständlich haben wir Kontakt gehalten, wir haben verschiedene Chat-Gruppen und auch mal eine Videokonferenz einberufen. Aber im Prinzip kann man da jetzt sowieso nicht allzu viel erzählen. Jeder ist mit der Situation genug beschäftigt, deshalb glaube ich nicht, dass es Sinn haben würde, jeden Tag mit allen zu telefonieren.

Was vermissen Sie vom Fußball gerade am meisten, neben den Journalisten?

Keller: Eigentlich nur die Journalisten. Nein, was ich vermisse ist natürlich die Arbeit mit den Jungs, auf dem Platz zu stehen. Der Job macht mir einfach unheimlich viel Spaß, mit den Jungs etwas zu erarbeiten, das vermisse ich natürlich. Auch jeder einzelne Spieler wäre froh und glücklich, wenn er wieder Fußball spielen dürfte. Aber wie gesagt: Aktuell gibt es größere Probleme als die Frage, wann bei uns wieder Normalität einkehrt.

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Da Ihre Familie in Nordrhein-Westfalen lebt, waren Sie die 14 Tagen ganz allein, nur für sich. Wie oft ist Ihnen da die Decke auf den Kopf gefallen?

Keller: Ich habe eine schöne Wohnung und eine große Terrasse, war somit jeden Tag an der frischen Luft. Aber natürlich gibt es Schöneres, als nicht selbst entscheiden zu können, wann und wohin man geht. Ich denke, dass ich für mich ganz gute Lösungen gefunden habe, um mit der Situation umzugehen. Es gibt deutlich mehr Menschen, die größere Probleme haben als ich, der zwei Wochen nicht auf die Straße durfte.

Ihr persönliches Highlight des Tages?

Keller: Dass ich selbst wieder viel Sport treibe, etwas für mich tun konnte. Ich hab‘ mir ein Spinning Bike kommen lassen und sehr viel trainiert, mich bewegt. Wenn ich das nicht gehabt hätte, wäre ich irgendwann vielleicht mal durchgedreht. Nur noch zwischen Bett, Sofa und Küche unterwegs zu sein, ist auf Dauer zu wenig.

Konnten Sie der sehr ruhigen Zeit für sich auch etwas Positives abgewinnen?

Keller: Natürlich. Man merkt mal wieder, dass es im Leben einfach deutlich Wichtigeres und größere Probleme gibt als Fußball, als ein Spiel. In seinem kleinen Kosmos regt man sich ja gerne auch mal über Lapalien auf, die eigentlich nicht der Rede wert sind.

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Wieviele Fußballspiele haben Sie analysiert, wieviele Berichte Ihrer Scouts über mögliche Neuzugänge?

Keller: Ich bin schon sehr oft vorm Laptop gesessen und sitze auch jetzt noch sehr oft davor und schaue mir da sehr, sehr viel an, nutze die Zeit. Die ich im normalen Alltag so nicht gehabt hätte, um das so intensiv zu betreiben. Man muss einfach auf alles vorbereitet sein. Keiner weiß, wie’s weitergeht, keiner weiß, was passiert. Trotzdem muss man sich auf alles einstellen, irgendwie.

Ganz ehrlich: Kann man gerade schon die neue Saison im Kopf haben und vielleicht sogar planen, wenn man noch gar nicht weiß, was aus der aktuellen wird?

Keller: Das ist unheimlich schwer, gar keine Frage, wenn man nicht mal weiß, was der nächste Tag bringt. Man versucht einfach, sämtliche Eventualitäten zu bearbeiten. Sich auf die Dinge zu fokussieren, die man beeinflussen kann.

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Um auch noch eine sportliche Frage zu platzieren: Einen Gewinner der unbefristeten Auszeit gibt es ja wohl doch. Virgil Misidjan dürfte, sollte es in den nächsten Monaten irgendwann wieder losgehen, wieder topfit und eine Alternative sein, richtig?

Keller: Wenn es hier wieder losgeht, wird er sicherlich auch dazustoßen. Aber er hatte kein Mannschaftstraining, kein Fußballtraining. Deshalb glaube ich nicht, dass er sofort eine Option sein wird in, wenn wir wieder starten. Virgil hat viel und hart gearbeitet. Aber er muss genauso intensiv noch eine ganze Weile am Mannschaftstraining teilnehmen.

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Sie sind jetzt vier Monate in Nürnberg, könnten aber schon ein Buch schreiben. Die Torhüter-Misere, die historische Heimniederlage gegen Wehen in den Sternchen-Trikots, der gute Rückrunden-Start, die Morddrohungen gegen Hanno Behrens und Lukas Mühl, jetzt Quarantäne. Wann fangen Sie an?

Keller: Aus meinem restlichen Leben hätte ich auch noch einiges beizutragen. Das dürfte dann ein ziemlich dicker Wälzer werden. Aber es stimmt schon, in Nürnberg ist schon sehr viel passiert, seit ich hier bin. Der Club ist ein toller Verein mit tollen Fans, allerdings gab es in der Tat unschöne Begleiterscheinungen. Deshalb mussten und müssen wir immer noch Probleme lösen, die nicht so angenehm sind.

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