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Kuchen, Club und Revolution: Erinnerungen an Heinz Höher

Er überstand die Oktoberrevolution und führte den FCN mit in den Uefa-Cup - 08.11.2019 15:41 Uhr

Heinz Höher, hier bei einer Lesung im Juli 2013, war einer der erfolgreichsten Trainer der jüngeren Club-Geschichte. © Sportfoto Zink / MaWi


Wir sitzen, essen Himbeerkuchen, schweigen. Es ist kein unbehagliches Schweigen. Es ist eines, das Nähe schafft - das unaufdringlich und passend ist. Wir sind zu Hause bei Heinz Höher. Wenn dort die Frühlingssonne durchs Fenster dringt, vom nahen Marienberg-Park auf ein Foto scheint, ist der Mann auf diesem Bild - ein athletischer Typ im eigentümlichen Trainer-Outfit der 80er Jahre - ein anderer als der, der uns gegenübersitzt. Heinz Höher hat Parkinson. Die Krankheit zehrt am damals 76-Jährigen, die Medikamente machen müde. Auf seine Antworten hat dies wenig Einfluss. Klar, selbstbewusst, spitzbübisch-pointiert, auch tiefsinnig sind diese. Die Geschichte von Heinz Höher - in ihrer Reduziertheit entfaltet sie eine Vitalität, die einnimmt.

Begeisternder Motivator, schweigsamer Einzelgänger. Schwärmerisch, mürrisch, unverstanden. Solche Zuschreibungen findet man häufig, wenn es um Heinz Höher geht. Einen Trainer, der im Kollektivgedächtnis des deutschen Fußballs auch wegen dieser Widersprüche einen besonderen Platz hat. Beim 1. FC Nürnberg erinnert man sich an den Rheinländer als Mann, der den Club durch turbulente Zeiten führte. Durch Zeiten, die Nürnbergs Lieblingsverein im schrillen Kontrast seiner wechselhaften Geschichte kennzeichnen. Besonderen Bezug zum FCN hatte der gebürtige Leverkusener schon früh. Am 8. August 1948 - drei Tage vor seinem zehnten Geburtstag - ist er in Köln-Müngersdorf im Stadion, als der Club gegen Kaiserslautern zum siebten Mal Deutscher Meister wird. Höher bleibt am Ball. Bei Bayer Leverkusen wird der talentierte Techniker Junioren-Nationalspieler, in der frisch installierten Bundesliga 1964 mit Duisburg Vize-Meister. Später, beim VfL Bochum, wechselt die Offensivkraft an die Seitenlinie, trainiert den Revierklub und danach andere Vereine im In- und Ausland.

Den "schlafenden Riesen" geweckt

Am 1. Januar 1984 stellt sich Höher als neuer Coach am Valznerweiher vor. Zuvor hat er in Griechenland gearbeitet. Auf einer Bühne, wo Leidenschaft, Prestige- und Konkurrenzdruck die Trainertätigkeit interessant, aber auch schwierig machen. Doch auch in Nürnberg sind die Bedingungen nicht leicht. Der FCN präsentiert sich 1983/84 in einem erbärmlichen Zustand, stürzt als Tabellenletzter in die 2. Liga. Mit einer Auswärtsbilanz von 0:34 Punkten erschüttert der Club nicht nur seine Fans. Weder ein Wechsel an der Vereinsspitze noch drei Trainerentlassungen bringen die Wende. Eine Wende, die auch Höher nicht schafft. Lediglich fünf Punkte streicht das Team unter seiner Regie in der Rückrunde ein. Ein Team, das wie Höher sagt, von der Mannschaftsstruktur her bereits zu diesem Zeitpunkt “zerrissen und zerfressen“ war. Ein Team, wie der damals 76-Jährige allerdings ergänzt, "das dennoch nie hätte absteigen dürfen". Kargus, Eder, Burgsmüller - mit gestandenen Profis hat sich der FCN in die Zweitklassigkeit katapultiert. Ein Verein, der gerne als “schlafender Riese“ bezeichnet wurde. Ein Verein, der auch an der dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit verzweifelt.

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Höher rechnet damit, entlassen zu werden. In fünf Jahren hat er sechs verschiedene Mannschaften trainiert, im Klassenkampf mit Nürnberg ist er gescheitert. Doch Präsident Gerd Schmelzer hält an seinem Trainer fest. "Er hat in mir den richtigen Mann für den Neuaufbau gesehen". Möglich wird dieser erst im Herbst 1984. Durch die Oktoberrevolution, "dadurch, dass die Sache eskaliert ist". Nach sieben Runden klebt der Club in der 2. Liga auf dem siebten Platz. Nach einem 1:1 gegen Oberhausen, internen Debatten und einem Straftraining rebellieren die Führungsspieler. Ein Quintett um Kapitän Udo Horsmann übergibt der Nürnberger Presse eine Erklärung, in der sich die Wortführer des Aufstandes gegen den Trainer wenden, andere Spieler solidarisieren sich. Doch nicht der Coach, sondern die halbe Mannschaft wird entlassen. Die Oktoberrevolution geht ein in die Geschichte des deutschen Fußballs. Als Auseinandersetzung, bei der ein Klub nicht den Trainer - als vielzitiertes schwächstes Glied der Kette -, sondern die meuternden Spieler vor die Tür setzt. Ein einzigartiger Vorgang. Ein Vorgang, der Höher im Amt hält. Ein Vorgang, für den diesem mit Blick auf die Aufrührer, vereinzelt als mündige Profis gelobt, bis heute jegliches Verständnis fehlt.

Wunderbare Momente wie in Rom

Aus den Trümmern der Oktoberrevolution formt Höher eine erfolgreiche Sportgemeinschaft. Er beschleunigt den Generationenwechsel am Neuen Zabo. Dem Jugend-Club, der nun in aller Munde ist, verordnet er begeisternden Offensivfußball. Hansi Dorfner, Günter Güttler, der erst 18-Jährige Stefan Reuter und andere junge Wilde wie Dieter Eckstein füllen seine Vorgaben auf dem Platz mit Leben. Nach fünf Siegen zum Rückrundenstart zeichnet sich ab, dass die "Eigendynamik" -  so der Rheinländer - den FCN in die Erstklassigkeit zurückhieven wird. Am 9. Juni 1985, in der letzten Minute einer atemberaubenden Saison krönt Thomas Brunner, begnadigter Unterzeichner der Pressemitteilung aus dem Vorjahr, einen fantastischen Sololauf gegen Kassel mit dem 2:0. Der FCN ist aufgestiegen. Zurück im Oberhaus macht der Höher-Club einfach weiter. Frech und couragiert spielt der fränkische Vorzeigeverein nach vorne. Nach fünf Spieltagen ist der FCN Zweiter. Eine sich anschließende Durststrecke von 1:19 Punkten schweißt das junge Team zusammen. In Düsseldorf gelingt die Wende. Höher - keineswegs ein notorischer Schweiger - gibt neben dem Feld Vollgas, seine Elf auf dem Rasen. Joachim Philipkovski platziert den Ball siegbringend zwischen den Beinen von Fortunen-Keeper Jörg Schmadtke hindurch ins Netz. Eine Szene, an die sich Nürnbergs Coach noch immer detailgetreu erinnert.

1987/88 setzt das gewachsene Club-Ensemble dann zum Angriff auf die Bundesliga-Spitze an. Der FC Bayern kontert das fränkische Aufbegehren, das in der Tabelle Ausdruck findet, in dem er mit Reuter und Grahammer Nürnberger Erfolgsgaranten abwirbt. Es sind Abgänge, die Höher und Schmelzer schwer verkraften. "Das hat uns in eine Depression gestürzt. Ich war müde, Schmelzer war müde", sagt der Mann, der beim FCN später vom Trainer- auf den Managerposten wechselt. Unter Höhers Anleitung, im Frühjahr 1988 übernimmt Herrmann Gerland als Coach, schafft der Club dennoch den Sprung in den internationalen Wettbewerb. Nürnberg grüßt Europa. Das von Höher geformte Team schafft im Uefa-Cup Glückmomente - wie im September 1988 beim wunderbaren 2:1 in Rom. Es sind Momente, die in der rot-schwarzen Erinnerung bleiben. Auch wenn der Vollbluttrainer im Februar 1989 nach einem Zerwürfnis mit Gerland vom Managerposten zurücktritt. Momente, die nicht vieler Worte bedürfen.

Andreas Pöllinger

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