Kunstradfahren: Seiltänzer auf der Saalmaschine

19.9.2011, 11:01 Uhr
In Bayern seit Jahren ungeschlagen: Bianca Zint vom gastgebenden TSV Bernlohe schaffte es ins abendliche Mastersfinale.

In Bayern seit Jahren ungeschlagen: Bianca Zint vom gastgebenden TSV Bernlohe schaffte es ins abendliche Mastersfinale. © Tschapka

Volkmar Zint, der Organisator des German Masters in Roth, hat es ausdrücklich erlaubt. „Klatschen Sie ruhig während der Vorführungen, die Sportler mögen das“, sagte er zu Beginn der Veranstaltung in der Turnhalle der Anton-Seitz-Schule. Doch je länger der Abend dauert, desto spärlicher wird der Zwischenapplaus in der jeweils fünf Minuten dauernden Kür der Kunstradsportler, was aber nicht an mangelnder Begeisterung der rund 400 Zuschauer liegt.

Kopfstand im Sattel, Handstand auf dem Lenker: Die Weltmeisterinnen Katharina Wurster (vorne) und Jasmin Soika bei einem besonders schwierigen Übungsteil.

Kopfstand im Sattel, Handstand auf dem Lenker: Die Weltmeisterinnen Katharina Wurster (vorne) und Jasmin Soika bei einem besonders schwierigen Übungsteil.

Wer staunend, ja teilweise mit offenem Mund die zirzensisch anmutenden Übungen der besten Kunstradfahrer Deutschlands und damit der Welt beobachtet, der kann schon mal das spontane Klatschen vergessen. Ganz am Schluss, als sich der fünfmalige Weltmeister David Schnabel und der viermalige Vize-Weltmeister Florian Blab um den Sieg auf der 14 mal 11 Meter großen Fläche streiten, da hört man neben der leisen Kürmusik meist nur noch das Knatzen der Reifen auf dem Parkettboden. Aber am Ende der Darbietungen brandet der Beifall umso lauter auf, haben doch auch die Kunstrad-Laien unter den Zuschauern erkannt, dass sie etwas Besonderes gesehen haben.

Als „Turnen mit einem bewegten Gerät“ bezeichnet Volkmar Zint das, was die kleine Schar der Kunstradfahrer auf ihren 1500 bis 3000 Euro teuren Saalmaschinen vorführt. Meist wird das kompakte Sportgerät ja nur auf dem Hinterrad bewegt, vorwärts rückwärts, auf dem Lenker sitzend oder stehend. Und wenn sich beim Zweier zwei Artisten ein Rad teilen, der eine auf den Schultern des anderen steht und dann nur auf dem Hinterrad die Fahrtrichtung gewechselt wird, dann hat man immer kurz Angst, dass der Menschenturm auf dem Rad kippen könnte. Tut er aber nicht. Kunstradfahrer scheinen ein Gleichgewichtsgefühl wie Seiltänzer zu haben, und auf beiden Rädern gleichzeitig rollen vor allem die Männer fast nur dann durch den Saal, wenn sie gerade einen Handstand auf Sattel und Lenker vorführen.

Gut 15 Stunden Training

Auf gut 15 Stunden schätzt Florian Blab vom RV Immergrün Ailingen sein wöchentliches Trainingspensum, bei David Schnabel, dem derzeit weltbesten Kunstradfahrer, dürfte es noch etwas mehr sein. Trotzdem sind sie und alle anderen deutschen Elitefahrer lupenreine Amateure. „Ein Sponsor zahlt mir mein Rad“, sagt Blab, der am Samstag den zweiten von drei Mastersdurchgängen knapp vor Schnabel gewann. Aber das mindert seine Leidenschaft nicht. „Wenn man als Kind einen Sport beginnt, denkt man doch nicht darüber nach, ob man damit Geld später verdienen kann“, sagt er und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß vom Gesicht. Die fünfminütige Kür, in der die Sportler 30 Übungen, die sie vorher beim Kampfgericht eingereicht, haben, auf dem Rad abarbeiten, strengt gewaltig an. Athletik, Feinmotorik, Kraft und das feine Gefühl für die Pedale müssen sich die Waage halten; wer zu forsch loslegt, muss schnell mal vom Rad und bekommt dafür Punkte abgezogen.

Die volle Punktzahl hat sich nach Ansicht der Teilnehmer der gastgebende TSV Bernlohe verdient. Der Verein aus dem kleinen Ort zwischen Roth und Georgensgmünd bekam vor zwei Jahren Zuwachs durch die Mini-Gruppe der Kunstradfahrer, die sich von der Solidarität Roth abgespaltet hatte. „Damals waren wir zehn, jetzt sind wir dreißig“, sagt Abteilungsleiter Volkmar Zint. Er hatte einst nach einem Ausgleich für eines seiner Kinder gesucht, das „etwas aufsässig“ war. Die Faszination des Kunstradfahrens ersetzt laut Zint „jede Beruhigungspille“ und weil seine anderen Kinder, Bianca und Daniel, den großen Bruder immer in die Halle begleiteten, sind sie eben auch gleich Kunstradfahrer geworden. Die 22 Jahre alte Bianca Zint, die Mathematik und Wirtschaft studiert, schaffte es am Samstag ins Abendfinale des German Masters und wurde dort Vierte. Weil sie als Erste aufs Parkett musste, kam sie auch noch in den Genuss des ausdrücklich erlaubten Spontanbeifalls. Das große Staunen lösten später die Zweier-Teams und die Männer aus — aber ganz ehrlich: Großen Applaus haben sich alle Beteiligten verdient.

Ergebnisse Germans Masters

Männer: 1. Blab (RVI Ailingen) 206,43 Punkte, 2. Schnabel (Adler Soden) 205,08, 3. Puls (Liemer RC) 180,24.

Frauen: 1. Beck (RV Trillfingen) 175,63, 2. Hein (SKV Mörfelden) 167,74, 3. Hattemer (RSV Gau-Algesheim) 163,16, 4. Zint (TSV Bernlohe) 147,55.

Zweier: L. u. B. Bassmann (SV Mergelstetten) 143,78, 2. D. und O. Gronbach (RSV Unterweissach) 139,18, 3. Lippert/Volk (SV Kirchdorf) 134,75.

Zweier, Frauen: 1. Schultheis/Sprinkmeier (RV Mainz-Ebersheim) 156,53 (Weltrekord), 2. Wurster/Soika (SV Mergelstetten) 146,14, 3. J. und N. Thürmer (RV Mainz-Finthen) 143,10.

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