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Sörgel zur "Freiburg-Kommission": "Vielleicht hochexplosiv"

Heroldsberger Anti-Doping-Experte im Interview - 18.04.2015 13:00 Uhr

Spricht im Interview unter anderem auch über den SC Freiburg und den VfB Stuttgart: Fritz Sörgel. © dpa


NZ: Herr Professor Sörgel, wie kam es zur Berufung in die Freiburger „Paoli-Kommission“?

Fritz Sörgel: Ich hatte schon länger mit Frau Professor Letizia Paoli von der Universität Leuven per E-Mail intensiv Kontakt zu diversen Themen. Von ihr in eine so hochrangig besetzte Kommission berufen zu werde, ist eine große Ehre. Und 8000 Seiten, die die höchst skandalösen Vorgänge in der Freiburger Sportmedizin dokumentieren, zu sichten, ist für meine Arbeit im Anti-Dopingbereich aufschlussreich.

NZ: Was ist Ihr spezieller Auftrag?

Sörgel: Qualitätssicherung in Bezug auf alle pharmakologischen, toxikologischen Fragen und solche der Chemie. Und davon gibt es viele. Gegenwärtig die Frage, welche Bedeutung das Medikament Megagrisevit spielte. Das war seit 1974 ein Dopingmittel, weil es ein Anabolikum enthielt. Dennoch wurde es von Sportärzten auch als „Regenerativum“ verwendet. Bei Nicht-Sportärzten wurde es bei Tumorkranken und bei Nicht-Schwerkranken als „Aufbaumittel“ eingesetzt. Und es geht um die für die Fußballöffentlichkeit natürlich wichtigste Frage, ob der SC Freiburg und der VfB Stuttgart eine eindeutige Dopingvergangenheit haben, und wenn ja, wie weit die ging.

NZ: Wie lässt es sich heute noch feststellen, in welcher Absicht das Mittel verabreicht wurde?

Sörgel: Das ist schwer. Aber unsere Kommission hat genügend Fachleute und die erfahrene Kriminologin Paoli an der Spitze. Ihr und dem Heidelberger Professor für Sportpädagogik, Gerhard Treutlein, ist es gelungen, verschollene Akten in großem Umfang aufzuspüren, die von unschätzbarem Wert für unsere Aufklärungsarbeit sind.

NZ: Für Wirbel hat die Veröffentlichung vorläufiger Untersuchungsergebnisse durch das Kommissionsmitglied Andreas Singler gesorgt.

Sörgel: Er wollte den großen Coup landen. Dabei hatte Frau Paoli ihm das untersagt und deutlich erklärt, dass die Kommission sich nicht in einem Wettbewerb mit Medien befinde. Paoli wollte einen sauberen, unangreifbaren Bericht abliefern. Aus heutiger Sicht muss ich aber auch in Betracht ziehen, dass Singler Sorge hatte, dass ich zu einer ganz anderen Beurteilung von Berichtsdetails komme. Vielleicht war er in Panik und sagte sich, nichts wie raus.

Thema hat eine ganz andere Qualität bekommen

NZ: Die „Zeit“ hat schon 2013 geschrieben, die „Doping-Uni vertuscht ihre Doping-Vergangenheit“. Wird seither nicht versucht, die Kommission abzuwürgen?

Sörgel: Es gibt sicher Druck, aber Frau Paoli, Treutlein und der Toxikologe Hellmut Mahler vom Landeskriminalamt Düsseldorf sind da sehr widerstandsfähig. Natürlich drängt die Uni, das Verfahren abzuschließen. Das finde ich sogar legitim – nur: Es ist die Entscheidung der Kommission, wann sie der Meinung ist, dass wirklich alles das getan worden ist, also alle Akten gesichtet und man das Gesamtwerk dann ein vorzeigbares und wertvolles zeitgeschichtliches Dokument nennen kann.

NZ: Durch Singlers Vorpreschen mit Nennung der Namen VfB Stuttgart und SC Freiburg, durch die Einbeziehung des Fußballs hat das Thema noch einmal eine ganz andere Qualität in der öffentlichen Wahrnehmung bekommen. Zur nächsten Sitzung der Kommission sind die Präsidenten von Stuttgart und Freiburg eingeladen, dazu DFB-Vizepräsident Rainer Koch und der Radsportverband .

Sörgel: Das wird spannend, vielleicht sogar hochexplosiv. Ich finde es absolut richtig, dass Frau Paoli die Funktionäre eingeladen hat. Man muss mit ihnen noch einmal darüber sprechen, wie sie jetzt dazu stehen, ob sie selber noch etwas beitragen können. Den DFB fragen, was ist aus den Dingen geworden ist, die ich 2013 intensiv diskutiert habe – welche Fortschritte sind erzielt worden? Spieler des 1.FC Nürnberg und mehrerer andere Vereine sind ja auch als Klümper-Kunden genannt worden.

NZ: Sie waren ja selbst aktiver Fußballer beim Tuspo Heroldsberg und ASV Buchenbühl, gerade in den Jahren, um die es geht. Wie war der Amateurbereich betroffen?

Sörgel: Ich war selbst mal Patient bei Klümper mit Kreuzbandriss. Der Arztbrief enthielt ein heilloses Durcheinander aller möglichen Therapieansätze, die insgesamt gar keinen Sinn machten. Da hätte ich als Amateur wie die Profis nach Klümper-Schema so einiges verkraften müssen, sogar ein radioaktives Präparat war darunter. Ich habe den Brief damals weggeschmissen, heute wäre er ein wertvolles Dokument.

NZ: Kann das sein, dass sich das ganze Thema noch ausweitet?

Sörgel: Durchaus. Sportmediziner standen und stehen ja untereinander im Kontakt, und man muss davon ausgehen, dass es woanders ähnlich war. Nicht zu vergessen die Hoch-Zeit des Captagon-Dopings. Ich gehöre nicht zu denen, die pauschal über den Fußball negativ urteilen – auch nicht über Dunkelziffern spekulieren –, aber über Captagon habe ich selbst mit Bundesligaspielern gesprochen, die ehrlich sind – es wurde sogar mit Alkohol kombiniert.

Für einen Pharmakologen völlig absurd, einen sedierenden Stoff, also Alkohol, mit einem stimulierenden zu verbinden. Aber das war offensichtlich üblich, und die Spieler schätzten dieses famose Elixier. Sportmediziner, aber auch Betreuer und Masseure haben schon immer die unmöglichsten Dinge versucht. Seit Neuestem werden in normalen Arztpraxen aus Blut von Sportlern die Blutplättchen angereichert und ins Knie gespritzt. Manchmal geben sie noch irgendeine Chemikalie dazu, da wird’s einem schwarz vor Augen.

NZ: Ist es absehbar, wie lange die Arbeit der Kommission dauern wird?

Sörgel: Einen Abschluss der Arbeiten im Herbst will die Uni Freiburg. Wir werden versuchen, den Termin zu halten. Wenn sich aber neue Fragen ergeben – und da bin ich eigentlich fast sicher –, dann muss natürlich weiterrecherchiert werden. Die Qualität muss stimmen.

NZ: Soll man diese alten Geschichten wieder aufwärmen?

Sörgel: Die Antwort ist sehr einfach. Das ist Zeitgeschichte, und keine ganz unwichtige. Viele Dopingstoffe sind auch Drogen. Wie wichtig die Aufarbeitung der Vorgänge ist, zeigte sich vor zweieinhalb Jahren. Ein bekannter Mountainbiker liegt tot in seiner Toilette, daneben eine Epo-Spritze. Der Staatsanwalt in Ravensburg stellt den Fall innerhalb von zwei Tagen ein, und die Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping Freiburg – dazu gehört Ravensburg – erfährt von diesem Fall nichts. Nicht mal eine Blutentnahme, geschweige denn eine Obduktion wurde durchgeführt. Der Sportler wurde eingeäschert, wichtigste Spuren verwischt. Da ist man sprachlos.

Fragen: Philipp Roser

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