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Strom von der Fürther Flur

Bauherren der infra-Biogasanlage im Dialog mit Kritikern - 05.03.2011 19:00 Uhr

Vertreter der infra informierten Interessierte über das Biogas-Kraftwerk. Die Beton-Zacken im Hintergrund gehören zum so genannten Annahmedosierer. © Hans-Joachim Winckler


An die 50 Menschen haben sich der „grünen“ Wanderung angeschlossen. Gegen Mittag treffen sie auf der Baustelle der Anlage, die hier bis Ende des Jahres entsteht, ein. Unter Schirmen frösteln sie im kalten Nieselregen. Hinter ihnen ragen drei Zacken eines wuchtigen Beton-Riegels auf. Das Bauteil wird der Annahmedosierer, der die Feldfrüchte gleichmäßig in die Gärbehälter einspeist. Mit der Ernte von 1400 Hektar Fläche — 60.000 Tonnen Biomasse — will das Kraftwerk mit einer Leistung von 2,3 Megawatt jedes Jahr gefüttert sein.

Acht kreisrunde Gärbecken mit einem Durchmesser von je 34 Metern und einem Fassungsvermögen von 6500 Kubikmetern werden ab Mitte März auf der Anhöhe bei Seckendorf in Beton gegossen. Zwei Meter tief in den Boden eingegraben, reichen die Fermenter mit den gewölbten Kuppeln elf Meter über den Boden hinaus.

Derlei Details zum Bioenergiezentrum erläutern Manfred Zischler, der technische Bereichsleiter der infra, und zwei seiner Mitarbeiter. „Das sind Informationen, die wir in dieser kompakten Form noch nicht bekommen haben“, honoriert der Langenzenner Grünen-Stadtrat Bernhard Heeren das. Und auch, dass der Fürther Energieversorger hier eine technisch hochwertige Anlage umsetzt, die an energetischer Ausbeute das maximal Mögliche herausholt, findet Heeren „ganz spannend“. Im gleichen Atemzug spricht er diverse Nebenwirkungen der Biogas-Gewinnung im großen Stil an. Das Publikum, auf das die infra-Vertreter stoßen, ist kritisch.

Die schlechten Seiten

Die Gegenargumente sind bekannt: Lebensmittel werden vergärt. Die Landschaft könnte „vermaisen“, weil Mais derzeit nun einmal die effizienteste Energiepflanze ist. Und dann wäre da noch die Verkehrsbelastung, die es nach sich zieht, wenn 45.000 Tonnen Mais, 5500 Tonnen Gras und 5500 Tonnen Getreide übers Jahr angeliefert werden. „Es gibt nichts Gutes, das nicht auch schlechte Seiten hätte“, räumt Zischler ein. Jahre habe die infra überlegt, wo und in welcher Form sie in den Markt der eneuerbaren Energien einsteigen könne. Den Nutzen der Biogas-Anlage bei Cadolzburg ließ sie sich per Gutachten vom Fraunhofer-Institut bestätigen.

Im Vergleich zu kleiner dimensionierten landwirtschaftlichen Anlagen macht Zischler „den Charme“ des infra-Kraftwerks darin aus, „dass keine Abwärme verloren geht“. Das im Gärprozess entstehende Methangas wird ins infra-eigene Gasnetz eingespeist. Dieses Leitungsnetz bietet das, woran es bei anderen Formen der regenerativen Energiegewinnung immer noch hakt: Speicherkapazität. Das Biogas made in Cadolzburg reicht, um über Blockheizkraftwerke 6300 Haushalte mit Strom und 2000 mit Fernwärme zu versorgen. Und es wird mit einem Kohlendioxid-Ausstoß produziert, der um Dreiviertel unter dem des üblichen Energiemixes in Deutschland liegt, erklärt Zischler.

Rundum umweltfreundlich also? Die Grünen-Politiker beim Ortstermin urteilen differenzierter. Bundestagsabgeordneter Uwe Kekeritz etwa sieht die Grenzen des Wachstums mit 6000 Anlagen in der Republik und weiteren 800, die in Planung sind, erreicht. Den Zahlen von Markus Ganserer vom Grünen-Bezirksvorstand zufolge wuchs die Anbaufläche für Mais bayernweit zwischen 2009 und 2010 von 469.000 auf 530.000 Hektar. Und seit 2003 wurden 46.000 Hektar Wiese zu Acker umgegraben — dabei sei Grünland die Fläche, die der Artenvielfalt noch am ehesten nützt.

Johannes Strobl von der Biomasseliefergesellschaft, die die infra-Anlage mit Feldfrüchten versorgt, weiß um diese Bedenken. Er unterstreicht allerdings die spezielle Fürther Situation. Dass im Fürther Land bald Monokulturen aus dem Boden schießen, schließt er aus. Mit aktuell etwa 20 Prozent Maisanteil auf 18.800 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in Stadt und Landkreis Fürth sei die Region weit von den hohen Zuwachs-Quoten weiter westlich gelegener mittelfränkischer Ecken entfernt. Etwa 800 Hektar mehr Mais, schätzt er, dürften heuer im Landkreis angebaut werden, womit der Anteil auf immer noch akzeptable 25 Prozent steige. „Wir brechen hier kein Grünland um, um Mais anzubauen“, versichert er.

Den Verkehr hofft er, über die zentrale Steuerung der Liefergesellschaft „in verträgliche Bahnen“ lenken zu können. Und über die Regelung, dass jeder Landwirt zuliefern könne, also nicht nur einzelne von der Anlage profitieren, glaubt er, Verwerfungen bei den Pachtpreisen zu verhindern. „Mais ist grundsätzlich keine schlechte Pflanze, und es stellt sich nicht die Frage, ob wir ihn anbauen, sondern wie.“ Um die Bedeutung der Bodenqualität wüssten die Landwirte selbst am besten. Wer für die infra produziert, darf auf nicht mehr als einem Drittel seiner Flächen Mais ansäen.

Keine Reichtümer verdienen

Mit einem Ertrag von etwa 300 bis 400 Euro pro Hektar Mais können die etwa 100 Lieferanten rechnen. „Damit werden sie keine Reichtümer verdienen“, so Strobl. Doch in Zeiten, da die Weltmarktpreise Kapriolen schlagen, hätten sie zumindest den Absatz eines Teils ihrer Produktion zu einem stabilen Preis für ein paar Jahre gesichert. Mit dem Bioenergiezentrum sieht er einen beispielhaften regionalen Wirtschaftskreislauf in Gang gesetzt. Die infra selbst ist um größtmögliche Transparenz und den Dialog bemüht, macht Zischler klar. „Vielleicht“, hofft er, „haben wir dann in zwei Jahren überhaupt keinen Diskussionsbedarf mehr, weil jeder erkannt hat, dass dieses Projekt eine gute Sache ist.“

Sabine Dietz

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