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Schäfchenzählen war gestern

Oberpfälzer bringt mit Software Ordnung in die Herde — Zuchterfolg messbar - 25.10.2015 19:34 Uhr

Will mit seiner Software den Schäfern das Leben leichter machen: Georg Schenk — hier mit einem Bock, der gerade einen Chip ans Ohr geheftet bekommt. © Foto: Hubert Bösl


Es war ein Aufschrei, der im Jahr 2004 durch die Reihen der europäischen Schäfer ging. Alle Zuchttiere, so der Wille der EU, sollten künftig in Ländern mit über 600 000 Schafen mit einem elektronischen Chip gekennzeichnet werden. Teurer Irrsinn, urteilten viele Halter, eine notwendige Maßnahme zur Seuchenbekämpfung und -prävention die Kommission.

Hintergrund ist Maul- und Klauenseuche, die drei Jahre zuvor Teile des ländlichen Raums in Hochsicherheitszonen verwandelt hat. Damals konnte der Infektionsherd nicht ausgemacht werden — sprich, es war nicht klar, wo die Krankheit erstmals ausgebrochen ist und welche Tiere von dort aus wohin verkauft worden sind. Um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, mussten vorsorglich Tausende Tiere getötet werden. Der Chip, durch den nicht nur der Ursprungshof, sondern auch sämtliche Zwischenstationen im Leben eines Schafs gespeichert werden, sollte die Lehre von damals sein.

Heute ist es Bock Hans, eines von über 1,6 Millionen Schafen in Deutschland, der seinen Chip bekommt. Allerdings nicht irgendeinen, denn er ist in die Hände von Schäfer Georg Schenk, dem Begründer des Einmann-Unternehmens „Schaftec“ geraten. In einem Klemmstand an der Flucht gehindert, dauert es kaum eine Sekunde, bis die gelbe Plastikmarke in seinem Ohr steckt.

Die allerdings kann mehr als das, was der Gesetzgeber fordert. Wenn Hans das nächste Mal in den Stand getrieben wird, erscheint auf den Bildschirmen über ihm dank der zum Beispiel durch Katzenklappen oder Lagersysteme bekannten Funktechnik RFID nicht nur seine bisherige Wohnhistorie. Auch stünde darin, wenn er sich etwa ein Bein gebrochen hätte, wann er zum Damenbesuch durfte und wie erfolgreich er dabei war.

Eingeben kann der Schäfer das alles mittels eines kleinen Lesegeräts, wie man es in ähnlicher Form vom Paketboten kennt. Im Stall, auf der Weide, auf dem Weg. So wird, sagt Schenk, die viele so lästige Büroarbeit nicht nur reduziert, sie wird auch erleichtert, weil zuverlässigere Daten als Basis parat sind.

Wer nur frisst, fliegt auf

Das alles ist weit mehr als eine Spielerei eines Technikverliebten. Schenk betreibt mit seinem Bruder Markus eine große Demeter-Schäferei in Deining bei Neumarkt, er selbst hütet seine Herde Merino-Schafe auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels. Schon immer hat den gelernten Industriekaufmann „der Papierkram“ gestört, zu aufwendig, zu wenig aussagekräftig, zu unzuverlässig war er ihm. „Ich bin ein Typ, der gerne Struktur und Überblick hat.“

Schon vor acht Jahren, als die elektronische Kennzeichnung noch keine Pflicht war, hat Schenk als Praxispartner das Programm „Schaf PC“ mitentwickelt. 2011 hat er schließlich „Schaftec“ gegründet.

Das Stichwort, mit dem der 43-Jährige seither auf Schulungen, Messen und in der Berufsschule seine Technik vorstellt, ist „Herdenmanagement“. Nicht nur ermögliche seine Software einen Überblick über die Daten der Tiere und erleichtert so eine erfolgreiche Züchtung. Weil er etwa die Anzahl der Lämmer pro Mutterschaf dokumentiert, hat er einen genauen Überblick über deren Fruchtbarkeit. Wer also nur frisst und nicht lammt, kommt nochmals zum Bocksprung.

Auch beim vermeintlich simpelsten, dem Zählen nämlich, hilft Schaftec. „Als ich einmal einen Hof verlassen habe, wusste der Besitzer, dass er 800 Schafe weniger hat, als er zuvor dachte“, sagt der Gründer.

Noch macht Schenk keine nennenswerten Umsätze mit Schaftec, doch die Resonanz seiner Kunden stimmt ihn optimistisch. Denn die Schäfer, die ihn zur Inventur bitten, sitzen nicht nur in Ländern mit Kennzeichnungspflicht. Auch in der Slowakei, in Österreich oder der Schweiz hat er sein System bereits verkauft. Mal nur die Software, mal ordern der Tiroler Landwirt, der Bauer aus dem Schweizer Zermatt oder der Milchschafbetrieb in der Slowakei auch Schenks Serviceunterstützung, die stalltauglichen Laptops und den Treibgang dazu.

Und Schenk plant noch mehr. Er stellt sich vor, bald auch eine Milchmengenerfassung anbieten zu können, wie man es von Kühen her kennt. Aber das muss noch etwas warten. Jetzt steht für seine Schafe erst einmal der Weg zurück ins Winterquartier nach Deining an. Vollständig durchgezählt, versteht sich.

NICOLE NETTER

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