Spielwarenmesse: Bedingungen in China ausgeblendet?

Daniel Hertwig

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3.2.2018, 05:56 Uhr
Chinesische Arbeiterinnen fertigen in einer Spielzeugfabrik von Mattel in Guanyao, Provinz Guangdong, Spielzeug (undatierte Aufnahme).

© Imaginechina / dpa Chinesische Arbeiterinnen fertigen in einer Spielzeugfabrik von Mattel in Guanyao, Provinz Guangdong, Spielzeug (undatierte Aufnahme).

20 Überstunden pro Woche – teils ohne Bezahlung, gesundheitsbelastende Chemikalien, blockierte Notausgänge und winzige Behausungen: Was klingt, wie die zu trauriger Berühmtheit gelangten Zustände in asiatischen Textilfabriken, trifft laut dem Nürnberger Bündnis "Fair Toys" auch auf die Spielzeugproduktion in China zu.

Auf dem größten Treffen der Branche weltweit, der Nürnberger Spielwarenmesse, hat das Bündnis nun eine Undercover-Untersuchung von vergangenem Sommer vorgestellt. Dafür hatten sich drei Beobachter der US-Organisation China Labor Watch (CWL) als Arbeiter in vier chinesischen Spielzeugfabriken anstellen lassen. Sie dokumentierten die Arbeits- und Wohnbedingungen und führten laut dem "Toys Report 2017" von CWL, Solidar Suisse und Christlicher Initiative Romero (CIR) Gespräche mit 400 Kollegen.

Undercover in der Spielzeugfabrik

Dabei hätten sie zahlreiche Verstöße gegen internationale und chinesische Vorschriften registriert. So seien 80 Überstunden pro Monat die Regel gewesen, mehr als doppelt so viel wie vom chinesischen Arbeitsrecht erlaubt. Teilweise seien sogar bis zu 140 Stunden geleistet worden – und das nicht immer freiwillig und auch nicht immer bezahlt. Es gebe keine unabhängige Gewerkschaft, in den nicht-klimatisierten Unterkünften teilten sich zehn oder mehr Personen eine "stinkende, völlig verdreckte Toilette". Aus Verzweiflung, so heißt es im Bericht, hätten sich allein im August in den beobachteten Fabriken zwei Arbeiter, 38 und 34 Jahre alt, vom Dach gestürzt.

Die vier Fabriken stellen nach Angaben der Organisationen Spielwaren für große Unternehmen wie Walmart, Disney, Mattel, Hasbro und andere her. Viele davon sind auch auf der Spielwarenmesse mit ihren Produkten vertreten. Dort bekamen nun ein Dutzend Aussteller Besuch von Nürnberger Schülern: Zehnt- und Elftklässler des Hans-Sachs-Gymnasiums versuchten, mit ihnen darüber zu sprechen, wie fair die von ihnen angebotenen Spielsachen sind.

Gerade im Billigsegment gebe es viele Probleme, meint der 16-jährige Benedikt Welle. Hinter vorgehaltener Hand hätte ihnen einer der Branchenkenner verraten, in China könne man sich Zertifikate, die die Einhaltung von Regeln bestätigen, sehr leicht kaufen.

Andere Firmenvertreter hätten zu den Fragen nichts sagen können, berichtet die 17-jährige Shana Amigo bei der Pressekonferenz des Bündnisses. Ob Menschenrechte in der Produktion eingehalten würden, sei für sie wohl nicht so wichtig, kritisiert die Schülerin. Sie habe auch die Antwort zu hören bekommen, in Asien gebe es eben andere Standards – und die geschilderten Zustände in den Unterkünften sei für Asiaten doch "normal". Das habe sie als "sehr abwertend" empfunden, so Amigo.

Messe verteidigt sich

Harald Bolsinger, Dekan und Professor für Wirtschaftsethik an der FH Würzburg-Schweinfurt, hält die freiwillige Selbstkontrolle der Spielzeugbranche für gescheitert. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten habe es kaum Verbesserungen gegeben. Leider gebe es auch kein Siegel für faire Spielsachen – im Vergleich dazu seien die Lebensmittel- und Textilbranchen "um Lichtjahre voraus". Maik Pflaum vom Nürnberger CIR-Büro verweist auf Eine-Welt-Läden, die auch Spielzeug verkaufen. Das sei aber eine kleine Nische, gibt er zu.

Kritik übt das Bündnis auch an der Genossenschaft Spielwarenmesse. Diese vergibt jedes Jahr den "Toy Award", einen Preis für Neuheiten. 2016 hatten die Kandidaten auch Auskunft über ihre Sozial- und Umweltstandards geben müssen. 2018 sei das nicht mehr verlangt, kritisiert Helga Riedl vom Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg. Dies müsse wieder anders werden.

Ernst Kick, Vorstandsvorsitzender der Spielwarenmesse, erwidert, 2016 habe man zur Nachhaltigkeit "viele unterschiedliche Prüfsiegel erhalten". "Dies ergibt für die Ausschreibung keinen Sinn, so dass sich die Jury an relevanten Kriterien orientiert. Neben Marktforschern, Pädagogen und dem Handel ist auch ein Sicherheitsexperte dabei, der bei Unklarheiten seine Bedenken äußert."

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