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Trauer um Bruno Schnell: Ein Verleger mit Haltung

Er war sich seiner sozialen Verantwortung stets bewusst - 03.02.2018 12:30 Uhr

Ein Blick in seine Zeitung: Bruno Schnell im Jahr 1993 bei der Einweihung einer neuen Rotationsmaschine in der Nürnberger Blumenstraße. Für den NN-Verleger stand es außer Frage, dass seine Zeitungen auch in der Innenstadt gedruckt werden müssen. Eine Verlagerung der Produktion auf die grüne Wiese an den Stadtrand schloss er stets aus. © Foto: Eduard Weigert


Bis zuletzt hatten die Verantwortlichen im Rathaus gezittert: Kommt er oder kommt er nicht? Normalerweise keine Frage bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde. Doch Bruno Schnell hat die Öffentlichkeit stets gescheut. Auch die höchste Auszeichnung, die eine Kommune wie Nürnberg vergeben kann, machte da keine Ausnahme.

Immerhin: Zur Entgegennahme der Ehrenbürgerwürde im Oktober 2014 kam Bruno Schnell in den Historischen Rathaussaal. Dass er dort eine Lobeshymne aus dem Munde des Oberbürgermeisters über sich ergehen lassen musste, war ihm gar nicht recht. "Es langt", lautet sein Kommentar nach der Laudatio. Ein typischer Satz. Denn Bruno Schnell drängte sich nicht nach öffentlicher Würdigung, sie war ihm schlicht unangenehm. Andere Zeitgenossen, die ebendiese Aufmerksamkeit um jeden Preis suchten, waren ihm nicht zuletzt deshalb stets etwas suspekt.

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Das Leben von Bruno Schnell in Bildern

Er war der Verleger und Herausgeber der "Nürnberger Nachrichten", ein bekennender Kunstfreund und Ehrenbürger der Stadt Nürnberg: Bruno Schnell ist im Alter von 88 Jahren gestorben.


Sein Gang ins Rathaus war sein letzter großer Auftritt außerhalb seines Verlags. OB Ulrich Maly würdigte damals einen "in jeder Beziehung ungewöhnlichen Mann, eine außergewöhnliche Persönlichkeit". Warum? Weil Bruno Schnell eine äußerst selten gewordene, fast komplett aus dem Wirtschaftsleben verschwundene Kombination von zwei Eigenschaften in sich vereinigte: Er war ein erfolgreicher Unternehmer und er war sich Zeit seines Lebens der sozialen Verantwortung für seine Mitarbeiter bewusst. Ein Mann mit "Haltung eben", wie Stadtoberhaupt Maly treffend feststellte.

Genau diese Haltung war es, die jedem, der sich mit Bruno Schnell persönlich austauschen konnte, im Gedächtnis haften blieb: Dieser Mann stand für Werte, die sein Handeln bestimmt haben. Ich habe kein Gespräch mit ihm geführt, in dessen Verlauf er nicht bekräftigt hätte, niemanden betriebsbedingt entlassen zu wollen.

Diese Aussage wiederholte er Jahr für Jahr vor seinen Mitarbeitern. Immer dann, wenn er auf der Kaiserburg in festlichem Rahmen seine Firmenjubilare für langjährige Betriebszugehörigkeit auszeichnete. Dazu kam ein meist heftiger Angriff auf diejenigen Kapitalisten, die sich ihrer sozialen Verantwortung nicht bewusst waren. In den letzten Jahren hatte Bruno Schnell viel zu schimpfen.

Sein Bekenntnis, auch in schwierigen Zeiten sinkender Auflagen und Anzeigenerlöse, zuerst den Mitarbeiter im Blick zu haben, war bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass Bruno Schnell sein Ziel erreicht hat. Dies war nicht zuletzt seiner Entschlossenheit zu verdanken.

Erste Liga deutscher Regionalzeitungen

Hatte er einen Plan im Kopf, dann ließ er sich nur schwer davon abbringen. Schon in den 60er Jahren zählte diese Durchsetzungskraft zu seinen großen Stärken. Damals hatte er in dem Unternehmen, in das er bereits 1947 als Direktionsassistent eingetreten war, längst auf sich aufmerksam gemacht. Als alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer führte er die Nürnberger Nachrichten in die erste Liga deutscher Regionalzeitungen.

Der Bundeskanzler zu Besuch beim NN-Herausgeber: SPD-Politiker Gerhard Schröder tauschte sich im Jahr 2002 mit Bruno Schnell über aktuelle Fragen aus. © Foto: Michael Matejka


Wie? Indem er ein ums andere Mal Kooperationen mit den kleineren Heimatzeitungsverlagen in Mittelfranken schloss. Diese Partnerschaft sah vor, dass die NN den Mantelteil und die Verleger vor Ort den Heimatteil erstellen, beide unabhängig voneinander. Dieses "Nürnberger Modell" ging in die Pressegeschichte der Bundesrepublik ein. Noch heute setzt sich diese Zusammenarbeit fort.

Später kam die Nürnberger Zeitung zur Unternehmensgruppe, zu der auch der kicker gehört. Und ein Fachmagazin namens Alpin. Letzteres ist kein Zufall, sondern einer Leidenschaft Bruno Schnells zu verdanken. Als junger Mann war er ein begnadeter Bergsteiger, oft unterwegs auf den schwierigen Routen der Fränkischen Schweiz, aber auch im Alpenraum.

Zum Tode von Verleger Bruno Schnell

Im Winter zog er gerne abseits der Pisten als Skitourengeher seine Spuren in den Schnee. Zahlreiche Fotoalben in seinem Büro zeugen von diesen Touren, ebenso seine Bilder. Deren Motive waren zuallererst: die Berge. Mit bemerkenswertem künstlerischen Talent verewigte er seine Gipfel.

Kam das Gespräch auf eines der Bilder, folgte eine spannende Zeitreise in die Bergwelt. Stets gefolgt von einem Blick ins Familienalbum. Denn seine Ehefrau und die drei Kinder waren bei vielen Touren seine liebsten Begleiter.

"Einer der großzügigsten Kunstmäzene"

Ausdauer hat Bruno Schnell nicht nur als Sportler, sondern auch als Förderer der regionalen Kunstszene unter Beweis gestellt. Der von ihm aus der Taufe gehobene NN-Kunstpreis ist längst zu einer der letzten großen rein privat finanzierten Auszeichnungen geworden. "Er war einer der großzügigsten Kunstmäzene, alleine in den Kunstpreis der NN sind insgesamt rund 800.000 Euro geflossen", unterstreicht OB Maly das Engagement des NN-Verlegers.

Auch der heutige Standort der Kunstvilla, längst zu einem anerkannten Museum regionaler Kunst geworden, geht auf Initiative Bruno Schnells zurück. Für einen symbolischen Euro überließ er der Stadt das Gebäude in der Blumenstraße.

Bleibende Spuren in Nürnberg hinterlässt Bruno Schnell auch an vielen anderen Stellen. Die vielleicht markanteste ist das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände am Dutzendteich. Ohne seine großzügige Spende wäre das Dokuzentrum wohl nicht auf den Weg gebracht worden. Die Erinnerungskultur hatte Bruno Schnell täglich vor Augen - das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Sein Büro im ersten Stock in der Marienstraße 11 war während des Dritten Reiches der Sitz der Nazi-Gauleitung.

Und der unsägliche NS-Gauleiter Julius Streicher saß just in jenem Büro, in dem Jahrzehnte später Bruno Schnell die Geschicke seiner Unternehmensgruppe lenken sollte. Der "Verbrecher" oder das "Schwein" waren Begriffe, mit denen der NN-Herausgeber auf den Namen Streicher reagierte.

Denn der als Hauptkriegsverbrecher 1946 zum Tode verurteilte Gauleiter verkörperte all das, wogegen Bruno Schnell ankämpfen sollte: Streicher war intolerant, antisemitisch und scheute vor körperlicher Gewalt nicht zurück. Kein Wunder, dass Bruno Schnell im Kampf gegen Rechtsextremismus engagiert war, kein Wunder, dass die Ausrichtung der Nürnberger Nachrichten eher links von der Mitte zu finden ist, kein Wunder, dass der Nürnberger Menschenrechtspreis von der Unterstützung des NN-Verlegers profitiert.

Allzu viel Aufhebens machte Bruno Schnell um seine Aktivitäten nie. Er tat es halt, während andere sich mehr aufs Reden konzentrierten. Ähnlich verhielt es sich mit den Beiträgen, die Bruno Schnell für seine Zeitung verfasste: Es waren im Lauf der Jahre wenige Leitartikel, aber die hatten es in sich. Da erinnerte er etwa Großkonzerne an die Sozialverpflichtung des Eigentums.

Wie wenig Aufsehen der NN-Verleger um seine Person machte, hat sich auch bei seiner Beerdigung gezeigt: Auf seinen Wunsch hin fand die Beisetzung in aller Stille im Kreise der Familie statt. Die Stimme Bruno Schnells wird uns künftig fehlen, an seiner Haltung werden wir uns weiterhin orientieren. Eine der letzten großen Verlegerpersönlichkeiten Deutschlands hat uns verlassen. 

Michael Husarek

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