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Weiler: "Es braucht auch ein bisschen Realitätssinn"

Trainer steht mit dem 1. FC Nürnberg vor einer schwierigen Aufgabe - 06.02.2015 17:10 Uhr

Schweizer Lichtgestalt: Trainer René Weiler soll den Club in eine bessere Zukunft führen.

Schweizer Lichtgestalt: Trainer René Weiler soll den Club in eine bessere Zukunft führen. © Foto: Sportfoto Zink


NZ: Herr Weiler, Sie haben ja auch ein gewisses Faible für den Journalismus. Nach knapp drei Monaten Nürnberg – welche Überschrift würden Sie diesem ersten Kapitel geben?

René Weiler (nach längerem Überlegen): Ich würde sagen: „Faszinierende, schwierige Herausforderung.“

NZ: Sie sind in unruhigen Zeiten zum Club gekommen. Jüngst hat sich Finanzvorstand Ralf Woy verabschiedet, immer wieder kursieren Gerüchte, dem Verein gehe es schlecht. Belastet das die Mannschaft?

Weiler: So etwas blendet man aus. Das als Belastung aufzuführen, wäre ein Alibi, das würde ich nicht zulassen. Mit unserer täglichen Arbeit hat das nichts zu tun, auch wenn es meinen Job als Trainer natürlich tangiert.

NZ:  Sie haben einmal gesagt, Ihnen sind „brutale Wahrheiten“ lieber als „tröstende Lügen“. Ist eine solche Einstellung in diesem Geschäft manchmal nicht eher hinderlich?

Weiler: Ehrlichkeit ist im Leben nie hinderlich, davon bin ich überzeugt und daran halte ich mich auch.

NZ: In der Schweiz wurden Sie mit José Mourinho verglichen, was Sie allerdings als eher wenig schmeichelhaft empfunden haben. Welche charakterlichen oder moralischen Ansprüche stellen Sie an sich selbst als Trainer?

Weiler: Ich möchte für meine Spieler schon eine Art Vorbildfunktion haben. Sie sollen wissen, da ist eine Anlaufstelle, der können sie vertrauen und sich auch in schlechten Momenten offenbaren, ohne sich verstellen zu müssen. Das ist die menschliche Komponente. Als Trainer möchte ich einen Spieler schon auch so prägen, dass er irgendwann einmal sagt: Bei dem habe ich was gelernt.

NZ: Und in der Außendarstellung?

Weiler: Im Mittelpunkt steht immer das Spielfeld und nicht der Trainer an der Seitenlinie. Natürlich möchte ich meiner Mannschaft während des Spiels helfen, indem ich je nach Bedarf Ruhe ausstrahle oder Einfluss nehme. Den Vergleich mit Mourinho kann ich aber überhaupt nicht nachvollziehen. Ich kenne ihn ja nicht persönlich, aber er ist schon, wie soll man sagen...

NZ: Extrovertiert?

Weiler: Sehr extrovertiert. Da ist schon sehr oft „ich“, so bin ich eigentlich überhaupt nicht.

NZ: Der Schweizer „Tageswoche“ haben Sie einmal gesagt: „Fußball ist meine Leidenschaft, aber er ist nicht alles in meinem Leben.“ Was ist denn noch wichtig in René Weilers Leben?

Weiler: An erster Stelle steht die Familie, ganz klar. Das ist ja auch das, was bleibt. Fußball ist und war schon immer meine Leidenschaft, aber irgendwann wird das zu Ende sein. Neben Familie und Fußball bleibt allerdings nicht mehr viel Zeit für andere Dinge.

NZ: Man findet im Internet kaum Fotos von Ihnen und Ihrer Familie. Versuchen Sie, Berufliches und Privates strikt zu trennen?

Weiler: Ich finde, Privates sollte privat bleiben. Ich störe mich daran, wenn manche Leute ihr Privatleben in der Zeitung ausbreiten. Ich suche die Öffentlichkeit nicht. Und wenn, dann geht es um meinen Job als Trainer und den 1. FCN, aber nicht um meine Frau und meine Kinder. Meine Familie schätzt diese Abgeschiedenheit. Und es gibt ja genug Menschen, die den Medien solche Storys gerne anbieten.

NZ: Sie waren mit gerade mal 31 Jahren Sportlicher Leiter beim FC St. Gallen. Warum haben Sie sich doch lieber für eine Trainerlaufbahn entschieden?

Weiler: Ich bin zu dem Job gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe damals in Winterthur mein Studium absolviert und meine Trainerdiplome gemacht. Dann kam dieser Anruf aus St. Gallen. Viele haben gesagt: Bist du wahnsinnig? Das ist viel zu früh. Aber natürlich war ich auch mit Stolz erfüllt und ehrgeizig. Im Nachhinein sehe ich das alles als positive Prägung, es hat meinen Horizont erweitert. Ich habe aber auch damals schon St. Gallens zweite Mannschaft trainiert, das hat mir ebenfalls viel Spaß gemacht. Ich war immer nach allen Seiten offen und wollte mich da gar nicht festlegen. Es ist sicher von Vorteil, wenn man von verschiedenen Funktionen Erfahrungen einbringen kann.

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NZ: Allerdings beklagen Sie auch, dass viele Trainer „eine zu schwache Position“ hätten, Spieler hingegen zu viel Macht. Kennen Sie die Geschichte von der Nürnberger Oktober-Revolution? (Es folgt ein kleiner historischer Exkurs über die denkwürdigen Ereignisse aus dem Jahre 1984) Wäre so etwas heute also nicht mehr möglich?

Weiler: Es müsste eigentlich möglich sein. Es gibt Statistiken, die lügen nicht: Acht von zehn Trainerwechseln bringen nichts. Entscheidend ist, welches Material zur Verfügung steht. Oft wird Aktionismus betrieben, weil von außen gefordert wird, dass jetzt „doch was geschehen muss“. Dann handeln die Vereine, doch das ist oftmals nicht gründlich durchdacht und Emotionen geschuldet. Und es ist nun mal leichter, den Trainer zu wechseln als drei, vier Spieler. Oder eine Durststrecke einfach auch mal durchzustehen. Man müsste länger Geduld haben mit einem Trainer und tiefgründiger analysieren, welche anderen Dinge im Verein vielleicht nicht funktionieren.

NZ: Sie hatten in der Winterpause explizit Spieler gefordert, die sofort weiterhelfen. Guido Burgstaller und Adrian Nikci fallen mangels Spielpraxis nicht in diese Kategorie. Betrachten Sie diese Zugänge eher getreu dem Motto „besser als gar nichts“?

Weiler: Ich arbeite grundsätzlich lieber mit einem kleinen, qualitativ guten Kader. Es ist aber so, dass uns mit Cristian Ramirez und Daniel Candeias noch zwei Spieler verlassen haben. Vor allem Candeias’ Wechsel war sehr kurzfristig und nicht eingeplant. Beide waren Ergänzungsspieler, aber die braucht man auch, weil es in der Rückrunde gewiss Verletzungen und Sperren geben wird. Und gerade auf der Außenbahn waren wir im Vergleich zum Zentrum dünn besetzt, da mussten wir reagieren. Gegen Ende der Transferperiode stehen die Spieler aber nicht gerade Spalier.

Das ist eine Frage der Verfügbarkeit und auch des Geldes. Kurz vor Transferschluss haben wir uns dann entschieden, zwei Spieler zu holen, die ihre Karriere wieder lancieren müssen und etwas beweisen wollen. Es ist für sie eine Chance und auch für den Club. Beide haben schon bewiesen, dass sie auf einem gewissen Niveau gut spielen können. Sie verdienen Vertrauen, müssen es aber auch zurückzahlen. Ich gehe schon davon aus, dass das zwei ernsthafte Alternativen werden können. Mit Prognosen und Vorschusslorbeeren bin ich aber zurückhaltend.

NZ: Beim Thema Aufstieg reagieren Sie inzwischen dezent gereizt. Wegen der ungünstigen Tabellenkonstellation oder der Qualität des Kaders?

Weiler: Klar ist, dass vor uns qualitativ sehr gute Teams liegen. Die müssten ja Einbrüche haben und wir einen Lauf hinlegen. Da braucht es einfach auch ein bisschen Realitätssinn. Selbstverständlich werden wir alles versuchen, um jedes Spiel positiv zu gestalten. Gelingt uns das gegen Frankfurt nicht, ist das ja schon wieder eine ganz neue Ausgangslage. Man kann gerade im Fußball nicht so weit vorausschauen.

NZ: Ist diese Anspruchshaltung, dass man ja unbedingt aufsteigen und in der Bundesliga spielen muss, generell ein Problem von Traditionsvereinen?

Weiler: Der Franke ist kritisch, aber auch begeisterungsfähig und treu. Für mich ist aber dieses „muss“ ein Problem. Das ist negativ behaftet, und das sollte man korrigieren. Fußball ist immer noch ein Spiel. Man darf und man soll und man kann, wenn alle miteinander am selben Strang ziehen und etwas Nachhaltiges aufbauen.

NZ: Sie gelten als geradlinig, ehrgeizig und konsequent. In Aarau haben Sie gekündigt, weil Sie den nächsten Schritt wagen wollten. Sollten Sie merken, dass auch in Nürnberg nicht die Voraussetzungen geschaffen werden, um aufzusteigen, würden Sie erneut die Reißleine ziehen?

Weiler: Das kann ich nicht beantworten, weil das heißen würde, dass ich mich mit negativen Gedanken befasse. Ich plane ja nichts, sondern lebe im Hier und Heute und fälle Entscheidungen, die in der jeweiligen Situation meiner Meinung nach die richtigen sind. Die bereue ich dann auch nicht. Im Moment fühle ich mich in Nürnberg sehr wohl. Die Stadt gefällt mir, die Leute sind liebenswürdig und herzensgut. Es braucht eben eine gewisse Zeit, bis sie dich akzeptieren. Aber ich habe das Gefühl, ich bin angekommen. Und ich bin überzeugt, dass man hier etwas aufbauen kann. Stand heute könnte ich mir auch vorstellen, fünf Jahre hier zu sein.

NZ: Und welche Überschrift würden Sie gerne am Saisonende lesen?

Weiler: „Faszinierende, schwierige Herausforderung gemeistert.“ Oder: „Auf dem richtigen Weg“, das fände ich auch nicht schlecht.

Dieses Video wird präsentiert von Franken Fernsehen:

 

Fragen: Uli Digmayer (Nürnberger Zeitung)

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